Abgesagte Lauf-Events: „Für einen Großteil der Branche sehe ich schwarz“

Die ehemalige Spitzenläuferin Sonja Oberem (Foto ©) ist skeptisch.

Sonja Oberem war zweifache Olympiateilnehmerin im Marathon. Die 47-jährige Mönchengladbacherin hat eine Marathonbestzeit von 02:26 Stunden. Mittlerweile ist Oberem Organisatorin mehrerer Laufveranstaltungen, unter anderem des Metro Marathon Düsseldorf. Im Interview sprechen wir mit ihr über die Absagen, Probleme und Folgen der Corona-Krise für die Laufszene.

Helden des Laufsports: Im Jahr 2020 wird es kaum große Marathonveranstaltungen in Deutschland und im Rest Europas geben. Wie ist die aktuelle Gefühlslage in der Branche, wenn man bedenkt, dass man auch nicht weiß wie es im Frühjahr 2021 weitergeht?

Sonja Oberem: Es herrscht eine große Unsicherheit, weil niemand weiß wie lange die Krise dauert. Der Ausfall der diesjährigen Veranstaltungen ist schon bitter genug, aber wenn es im nächsten Jahr so weitergeht, sehe ich für einen Großteil der Branche schwarz.

Droht der Laufwelt das Aus diverser Marathons?

Einige werden es sicherlich schwer haben. Die großen Rennen werden aber weiter bestehen. Es hängt aber ganz davon ab, wie lange das Veranstaltungsverbot aufrecht erhalten bleibt.

Hamburg und München haben lange überlegt, ihre Marathons unter schwierigen Auflagen durchzuführen. Wäre so eine Durchführung überhaupt realistisch gewesen? Gibt es ein risikoloses Konzept?

Ja, beide sind mittlerweile auch abgesagt. Ein risikoloses Konzept kann es nicht geben, da die Zuschauer an der Strecke immer einen nicht kalkulierbaren Risikofaktor darstellen. Daran sind ja letztendlich auch die Konzepte von München und Hamburg gescheitert.

Was glaubst du persönlich, wird es im Jahr 2021 Marathons geben?

Das hängt vermutlich davon ab, ob es einen Impfstoff gibt oder nicht.

Europaweit boomt der Laufsport. Millionen Menschen laufen und es gibt etliche kleine Volksläufe, die kleinere Vereine organisieren! Wie angespannt ist dort die Situation?

Das kann ich schlecht beurteilen. Aber die Vereine leben ja nicht ausschließlich von den Veranstaltungen. Deshalb glaube ich, dass die Vereine zwar Verluste durch nicht stattgefundene Veranstaltungen haben, aber trotzdem die Krise überstehen werden, da die Fixkosten nicht so hoch sind. Die Haupteinnahmen dürften bei den meisten Vereinen ja aus den Mitgliedsbeiträgen kommen.

Wie findest du die aktuellen Alternativen wie Laufveranstaltungen, bei denen die Athleten mit Abstand von 10, 20 oder 30 Sekunden starten?

In der jetzigen Situation ist es besser als nichts. Aber langfristig natürlich keine Alternative zu den gewohnten Wettkampfformaten.

Turnunterricht ist nur eingeschränkt möglich, diverse Sportarten noch komplett verboten und viele Jugendliche haben sich schon vor Corona zu wenig bewegt! Wird hier in weiteres Problem übersehen? Gesprochen wird darüber ja nur selten.

Das Problem gibt es nicht erst seit Corona, sondern schon seit Jahren. Der Sportunterricht in der Schule ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. So lange wir es nicht schaffen Kinder und Jugendliche dauerhaft, neben dem Schulsport zu mehr Bewegung zu motivieren, wird sich die Situation nicht ändern. Sport hat einen zu geringen Stellenwert.

Wie gehst du persönlich mit der aktuellen Situation um?

Da ich die Situation nicht ändern kann, nehme ich sie so gut wie möglich an und versuche das Beste daraus zu machen. Das laufen an sich ist ja nicht verboten und mittlerweile kann man sich ja auch wieder in kleinen Gruppen mit dem nötigen Abstand treffen und gemeinsam laufen. So halten wir mit unseren regelmäßigen Lauftreffs zumindest den Kontakt zu den Läufern und bieten eine Möglichkeit sich zumindest in kleinem Rahmen wieder zu treffen. Denn das ist ja das, was am meisten fehlt.

Anmerkung: Für viele Afrikanische Spitzenathleten ist die Situation ebenfalls prekär. Marathon-Superstar Eliud Kipchoge versorgt in seiner Heimat Kenia Läufer, die eigentlich weltweit ihr Geld mit Startgelder verdienen, mit Essen. Wie überall, stehen auch hier etliche Existenzen auf dem Spiel.

TV-Bericht zum Thema!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.