Teil 36 (KW 08/2019): Anita Kinle

Im Helden-Interview #36 lernen wir heute Anita Kinle kennen. Neben ihrer Leidenschaft dem Ultralaufen ist sie auch Organisatorin des „Marathon zum Welt-Down-Syndrom-Tag“. Ihr Sohn Thomas, selbst von Trisomie 21 (Down-Syndrom) betroffen, ist ebenfalls ein eifriger Läufer. In einem sehr interessanten Interview erzählt uns die 54-jährige über ihre nächsten Ziele, aber auch über ihre Bestürzung wie mit den (noch nicht geborenen) Menschen umgegangen wird. Das Ganze hat die Fränkin jetzt auch zu Papier gebracht und darüber ein Buch geschrieben.

Helden des Laufsports: Anita, wann hat dich deine Leidenschaft für den Laufsport gepackt?

Anita: Das war im Frühling 2004. Ich habe den Film von Null auf 42 gesehen, dieser hat bei mir die Lauf-Lust geweckt. Zum Geburtstag bekam ich eine Laufausrüstung und habe dann sofort losgelegt. Damals bin ich fast jeden Tag gelaufen.

Hdl: Welche Rolle spielen bei dir bei einem Wettkampf die Zeiten?

Anita: Anfangs wollte ich schon wissen was ich „drauf“ habe. Nach und nach habe ich aber immer mehr den gesellschaftlichen Aspekt des Laufens in der Gruppe entdeckt. Als Genussläuferin spielen jetzt eigentlich nur die Zielschluss-Zeiten eine Rolle.

Hdl: Welche waren deine persönlichen schönsten läuferischen Erfolge bzw. Erlebnisse?

Anita: Der allerschönste Lauf war der 100 Kilometer-Lauf in Biel/Schweiz. Es war genauso, wie ich es mir immer vorgestellt habe und ich hatte traumhaftes laues Wetter. Ich war gut vorbereitet und wirklich auf dem Punkt fit. Der Lauf durch die Nacht und dann in den Sonnenaufgang war einfach romantisch. Und ich habe unterwegs immer wieder nette Menschen kennen gelernt, mit denen ich ein paar Kilometer gelaufen bin. Bei Kilometer 99 wartete mein Mann auf mich und hat ein Erinnerungsfoto gemacht. Ja ich bin mir ganz sicher, Biel!

Hdl: Welche sportlichen Ziele hast du für die Zukunft? Gibt es einen Bewerb den du noch unbedingt laufen möchtest?

Anita: Ziele gibt es derzeit keine, aber Träume. Ganz unerreicht, sportlich unrealistisch, aber ein Traum, wäre für mich der Sparthatlon. Davon bin ich leistungsmäßig aber einfach zu weit entfernt, um nur annährend darüber nachzudenken. Aber es wäre sozusagen mein Traum.

Hdl: Dein Sohn Thomas (geboren 1999) hat Trisomie 21 (Down-Syndrom) und ist selber begeisterter Läufer. Zurzeit bereitet er sich mit seiner Trainerin auf den Honolulu-Marathon vor. Wie läuft es und welche Ziele hat er für diesen Lauf?

Anita: Thomas und ich fahren im Mai 2019 nach Honolulu um Urlaub zu machen. Dabei möchte ich die Strecken des ersten Ironmans erkunden und dazu gehört eben auch der Honolulu Marathon. Als mein Sohn das gehört hat, meinte Thomas er würde den gerne mit mir zusammen laufen. Die Strecke ist ja im Internet ersichtlich. Allerdings planen wir den Marathon auf drei oder vier Etappen „abzulaufen“. Wir werden jeweils bei Sonnenaufgang starten und dann sehen wir, wie weit wir kommen. Unser Hotel liegt an der Marathonstrecke und so könnten wir das ganz gut organisieren.

Hdl: Wie oft trainiert Thomas?

Anita: Derzeit trainiert er zweimal die Woche.

Hdl: Du bist auch Gründerin und Organisatorin des „Marathon zum Welt-Down-Syndrom-Tag“ in Fürth/Bayern. Wie kam es dazu?

Anita: Der „Laufclub 21“ feiert damit den Welt-Down-Syndrom-Tag, dem 21.03. eines jeden Jahres, der seit 2006 ein weltweiter Thementag ist. Bis zu 1.000 Sportlerinnen und Sportler nehmen seit 2011 jedes Jahr an dieser Veranstaltung teil. Durch den gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung sollen Berührungsängste abgebaut werden. Die Idee entstand 2010, rund um den Welt-Down-Syndrom- Tag. Wie vom Laufclub 21 wollten einen längeren Lauf machen. Das Motto: Ein Lauf aus Freude, weil es die Menschen mit Down-Syndrom (noch) gibt. Und da wir nicht alleine feiern wollten, planten wir eine richtige Sportveranstaltung. Mit Start und Ziel, Verpflegung, Streckenmusik, DJ, Zeitmessung und Siegerehrungen.

Hdl: „Ein Lauf aus Freude, weil es die Menschen mit Down-Syndrom (noch) gibt.“ Was meinst du damit?

Anita: Tja, die vorgeburtliche Selektion des Menschen hat professionelle Züge angenommen. Es wird gezielt nach Kindern mit Down-Sydrom gescreent. Die Technik jedoch welche dahinter steckt macht es möglich Kinder nicht nur nach dem Geschlecht oder der Augenfarbe zu selektieren, sondern einfach nach allem was den Menschen ausmacht. Das macht mir nicht nur Angst, das berührt mich auch zutiefst. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit in der Down-Syndrom-Beratungstelle, dass das Leben mit einem betroffenen Kind nicht immer leicht ist. Aber gibt uns dies das Recht? Buchtipp dazu hier!

Hdl: Mama und Sohn haben also eine gemeinsame Leidenschaft, nämlich das Laufen! Erzähle uns ein bisschen von den positiven aber auch von den negativen Erlebnissen die ihr so auf der Laufstrecke erlebt.

Anita: Also die Leidenschaft von Thomas ist nicht konstant, eher phasenweise. Derzeit hat er wieder ein Ziel und trainiert. Am gemeinsamen Training gefällt mir zu sehen, wie er Fortschritte macht. Und an gemeinsamen Läufen gefällt mir zu sehen wie er es genießt Aufmerksamkeit zu bekommen und wie stolz er auf seine Leistungen ist. Negative Erlebnisse? Na ja, wenn es kein Cola an der Versorgungsstelle gibt, dann kommen wir nicht gut vorwärts, denn er liebt Cola.

Hdl: Du bist im Vorstand des „Laufclub 21“. Wie groß ist der Verein und trainiert ihr auch gemeinsam?

Anita: Wir haben rund 200 Mitglieder. Wir haben drei feste Trainingsgruppen und Laufpartnerschaften in ganz Deutschland. Laufpartnerschaften sind Teams von einem Marathoni und einem oder zwei ehrenamtlichen Coaches, die sich ein- bis zweimal pro Woche zum gemeinsamen Lauftraining mit Interessenten treffen.

Infos dazu:

– Gruppentraining Fürth – Oberfürberg: Sonntags 08:00 Uhr, Treffpunkt Waldparkplatz Oberfürberg.

– Gruppentraining Gelnhausen: Wanderparkplatz Hufeisen, Geislitz, Samstags von 10:15 Uhr bis 11:45 Uhr

– Schwimmtraining Nürnberg – Nordostbad: Einmal die Woche

Hdl: Du wohnst in Fürth. Wo sind dort deine Lieblingslaufstrecken?

Anita: Im Fürther Stadtwald, dort ist es einfach überall schön.

Hdl: Welche Hobbys außer dem Laufsport hast du noch?

Anita: Triathlon, derzeit trainiere ich quasi für den Ur-Ironman auf Oahu. Also auf den Spuren des allerersten Ironman. Allerdings ohne Wettkampf! Ich werde die Strecken auf eigene Faust erkunden.

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Spaß beim Laufen!


Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.