Beate Schrott beendet Karriere

Olaf Brockmann blickt auf die Karriere von Hürdenläuferin Beate Schrott zurück.

August 2021: Am gestrigen Samstag ging beim Meeting in Andorf eine der erfolgreichsten österreichischen Leichtathletik-Karrieren der vergangenen Jahrzehnte zu Ende. Es wird ein emotionaler, tränenreicher Abschied, wenn Beate Schrott ihr letztes Rennen der Karriere bestreitet. Noch einmal, ein allerletztes Mal tritt sie über die 100 m Hürden an – über jene zehn Hürden, die ihr in ihrer großen Karriere alles bedeutet haben. Unzählige große Rennen hat Beate Schrott, die einst mit Turnen und Leichtathletik-Mehrkampf begonnen hatte, in den vergangenen 15 Jahren bestritten, sie hat große Rekorde im Freien und in der Halle aufgestellt, herausragende internationale Erfolge erzielt, gekrönt mit dem Olympia-Finale 2012 in London und der Bronze-Medaille bei der EM in Helsinki 2012.

Brockmann und Schrott. Foto: ©Olaf Brockmann

Ich hatte das große Glück, die komplette internationale Laufbahn von Beate Schrott für die “Kronen Zeitung” bzw. für den Leichtathletik-Weltverband verfolgen zu können. Immer war sie eine angenehme, stets bescheidene Interview-Partnerin. Natürlich sind im Rückblick auch für mich ihre herausragenden Erfolge von 2012 emotional am stärksten. Das Erreichen des Olympiafinals in London war die Krönung ihrer Karriere. Niemals werde ich das Semifinale über 100 m Hürden vergessen, als sie mit 12,83 Sekunden, nur eine Hundertstel an ihrem Rekord vorbei, als Zweite ins Finale aufstieg. Das war eine unglaubliche Sensation!

Mit Freudentränen beim Interview

Zu dieser Londoner Erinnerung zählt, wie Beate Schrott nach dem Semifinale mit Freudentränen in die Mixed-Zone zum Interview kam, zunächst vor Glück kaum reden konnte, dann meinte: „Ich bin irrsinnig stolz, mit dem Erreichen des Finals hatte ich nie spekuliert!“ Niemand hatte damit rechnen können! Nach dieser Sensation war ihre Spannung schon vor dem Finale etwas verflogen, auf der Außenbahn lief sie, selbst noch vom Glück übermannt, im Regen 13,07 Sekunden, wurde damit auf dem Papier zunächst einmal Achte…

Tags nach der olympischen Hürden-Sensation traf sich Beate Schrott mit „Krone“-Fotograf Gerhard Gradwohl und mir zu einem kurzen Stadtbummel. Nach einem Foto-Shooting ließ sie in einem Kaffeehaus am Trafalgar Square das denkwürdige Semifinale und den Endlauf Revue passieren. „So langsam dämmert es, was ich erreicht habe. Ich bin auch überglücklich, dass all die Leute jetzt begreifen und sehen, was ein Olympia-Finale bedeutet!“ Die Resonanz sei gewaltig gewesen, ihr Facebook-Account sei förmlich explodiert, „die SMS kann ich einfach nicht mehr alle beantworten.“ Ihr Sturmlauf ins Finale in 12,83 sei einfach die Sensation gewesen. Von diesem Interview bleibt mir eines ihrer Statements besonders im Gedächtnis. „Nie und nimmer habe ich mit dem Finale gerechnet“, sagte sie, „ich hatte mich schon gefreut, in Ruhe das Finale von der Tribüne aus anschauen zu können.“ Mit der Ruhe war es aber dahin, sie hockte nicht auf der Tribüne, sondern war selbst Teil jenes Endlaufs, den Australiens Hürden-Star Sally Pearson in 12,35 gewann. Beate, zunächst Achte, rückte später durch die Doping-Disqualifikation der Türkin Nevin Yanit auf den siebenten Platz vor, was uns zur EM in Helsinki im Juni 2012 führt…

Nachträglich EM-Bronze

Beate Schrott, in ihrem großen Jahr 2012 auch schon Finalistin der Hallen-WM in Istanbul, belegte bei der EM in Helsinki mit 12,98 Sekunden (zunächst) den vierten Platz und ärgerte sich schon ein wenig, dass sie eine Medaille nur um eine Hundertstel verpasst hatte. Ich weiß noch wie heute, wie wir nach diesem Finale auf der Athletentribüne ein Interview geführt haben. Von diesem Gespräch stammt nämlich auch mein erstes Bild, das ich jemals auf Facebook gepostet habe. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich dieses Foto nur mit Hilfe von Beate hochladen können, social media war noch ein absolutes Neuland für mich. Klar wurmte Beate die hauchdünn verpasste EM-Medaille ein wenig, aber sie konzentrierte sich schon bald nach dem Finale wieder auf ihr Medizinstudium. Dort stand unmittelbar nach der EM eine wichtige Prüfung in Wien bevor. Immer hatte sie ihre Uni-Unterlagen dabei, lernte mit enormem Willen. Beate – für mich ein Musterbeispiel, wie man Sport und Studium bestens vereinen kann.

Die EM hatte bekanntlich noch ein erfreuliches Nachspiel für Beate Schrott. Drei Jahre später informierte mich ein befreundeter Leichtathletik-Insider, dass Nevin Yanit, ursprünglich Siegerin über 100 m Hürden von Helsinki, wegen Dopings disqualifiziert worden sei. Der Leichtathletik-Verband bestätigte mir, dass die Türkin bei einem Trainingstest in Düsseldorf aufgeflogen war und all ihr Ergebnisse vom 28. Juni 2012 annulliert werden. Das Finale in Helsinki hatte am 30. Juni stattgefunden…

Stimmt das wirklich?

Ich erreichte Beate Schrott, die von 2004 bis 2014 von Philipp Unfried trainiert wurde, damals telefonisch während ihres Trainings am späten Vormittag in Arnheim. Sie war zunächst ein wenig verärgert, dass ich sie störte. Dieser kurze Unmut aber verflog, als ich ihr von der Disqualifikation der Türkin berichtete. „Dann habe ich ja eine Medaille“, freute sie sich, fragte aber mehrmals nach: „Stimmt das wirklich? Stimmt das wirklich?“ Ja, alles war korrekt. Später gab es dann in St. Pölten eine nachträgliche Medaillenfeier, bei der ihr EM-Bronze von 2012 überreicht wurde.

Wie eingangs erwähnt, das Olympia-Finale 2012 und die EM-Medaille von Helsinki sind sicher die großen Höhepunkte in Beate Schrotts Karriere. Ein kurzer Rückblick aber kann niemals einer langen, so erfolgreichen Laufbahn gerecht werden. Dafür gab es von ihr zu viele tolle Rennen – in meinem Archiv habe ich Berge von Artikeln, die Kollegen oder ich über sie geschrieben haben, da finden sich unzählige Bilder von ihr von überall aus der Welt, in der Erinnerung bleiben viele, oft emotional geführte Interviews mit ihr.

Da gibt’s natürlich auch meine geliebten Statistiken, die ihre Leistungen zumindest in nackten Zahlen widerspiegeln. Wie sie sich Jahr für Jahr der Schallmauer von 13,00 Sekunden näherte und diese schließlich in Fribourg am 30. Juli 2011 erstmals unterbot – im Vorlauf mit 12,99 und im Finale mit 12,95. Ihren Freiluft-Rekord verbesserte sie bis auf 12,82 (Luzern 2012), in der Halle blieb sie über 60 m Hürden auch unter der Schallmauer, als sie 2013 in Wien ihre 7,96 Sekunden lief.

Brockmann und Schrott bei der EM in Helsinki 2012. Foto: ©Olaf Brockmann

Die Love Story von 2016

Ihren Sternstunden standen freilich auch schwächere Leistungen gegenüber. Wie bei ihren zweiten Olympischen Spielen 2016 in Rio. Freilich war sie damals nach einer recht verkorksten Saison schon geschwächt nach Brasilien geflogen. Sie schied im Vorlauf als Achte in 13,47 chancenlos aus. Von Rio bleibt vor allem in der Erinnerung, wie ein paar Kollegen und ich in der Mixed Zone auf sie für ein Interview warteten. Sie erschien da allerdings eine gefühlte Ewigkeit nicht, woraufhin wir (etwas verärgert) sagten, es lohne sich nicht mehr auf sie warten. Die Zeit ist bei den Spielen, wo so viel passiert, für einen Journalisten doch zu kostbar. Später klärte sich dann ihr Fernbleiben in der Mixed Zone auf… Sie hatte im Infield das Finale des Männer-Dreisprungs abgewartet, um ihren Freund Christian Taylor dort live zu verfolgen… Nach dem Dreisprung rief mich Beate an, entschuldigte sich, höflich wie sie immer war, wegen ihres Fernbleibens in der Mixed Zone und erzählte mir erstmals von ihrer Beziehung zu Christian Taylor, die sie bis dahin nur einem kleinen privaten Kreis anvertraut hatte. So wandelte sich in der Berichterstattung ihr Vorlauf-Aus in eine große Love Story mit dem doppelten Olympiasieger.

Seit Rio war Christian auch bei vielen Meisterschaften und Meetings stets an ihrer Seite, unvergessen, wie er sie bei der EM in Berlin 2018 auf der Tribüne in Lederhosen, die rot-weiß-rote Fahne schwenkend, anfeuerte, ein paarmal trafen wir einander im Landtmann nicht zu Interviews, sondern zu persönlichen Gesprächen, einmal liefen wir einander auch auf einem Wiener Weihnachtsmarkt zufällig über den Weg, bei Meetings in Österreich feuerte Christian seine Beate an. Mit Stolz war Christian schließlich auch bei der Promotionsfeier im Wiener Konzerthaus dabei, als Beate ihren Abschluss des Medizinstudiums feierte.

Ihren Weg auf der Laufbahn setzte die Niederösterreicherin, die immer ihrem Verein Union St. Pölten treu geblieben war, weiter fort. Sie peilte noch eine dritte Olympia-Teilnahme in Tokio an, ihr Start ins Olympiajahr 2021 war auch schon gut, als sie in Torun bei der Hallen-EM das Semifinale erreicht hatte. Im Sommer glänzte sie mit starken Leistungen, aber sie wurde ein Opfer der unfairen Qualifikationsmethode, der „Road to Tokyo“, deshalb war sie in Japan nicht dabei. Diese Enttäuschung kommentierte sie einmal mehr mit viel Charakter!

“Aufbruch zu neuen Hürden”

Je näher der Abschied in Andorf rückte, desto häufiger wurde ihr das Karriereende bewusst, so beschrieb sie diese Woche auch ihre (schon tränenreichen) letzten Trainings in der Südstadt. Ihr letztes Rennen aber kann ich leider nicht live verfolgen, da ich als Presse-Delegierter des Weltverbandes schon für die U20-WM in Nairobi sein werde. In Gedanken werde ich aber bei Beate sein. Den emotionsgeladenen Abschied kann ich mir gut vorstellen. Die Tränen werden kullern. Als Athletin wird mir Beate in den kommenden Jahren fehlen. Als ein höchst geschätzter, wertvoller, so liebevoller Mensch wird sie der Leichtathletik-Familie gemeinsam mit Christian Taylor aber weiter präsent sein. Ihr Motto lautet schon jetzt: „Aufbruch zu neuen Hürden!“

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