Born to Run – mit Abstand

#Kolumne

Irgendwann erkennt man, dass man sich mit dem Strom bewegt. Wie ein Lachs auf dem Weg ins Meer, oder auch ein Schaf mit seiner Herde. Das erste mag für manche Ohren besser klingen als das zweite, aber so viel anders dürfte es nicht sein. Und da ist es schön, mal eine Ahnung davon zu bekommen, wo der Strom entspringt. Oder wo die Schafherde herkommt.

Ein Weg zu dieser Ahnung ist es, einen Text erst lange nach seinem Erscheinen zu lesen. Das gilt wie für die Bibel genauso wie für Berichte aus dem Zeitungsarchiv. Oder für das Buch „Born to Run“ von Christopher McDougall, veröffentlicht 2009. Es wurde lt. Wikipedia mehr als 3 Millionen Mal verkauft und beförderte gleich mehrere Ideen ans Licht der laufenden Öffentlichkeit. Das weiß ich aber erst jetzt, 2021 – denn bei Erscheinen des Buchs setzte ich mich mit Laufen maximal 2 mal 30 Minuten pro Woche auseinander, und obendrein dachte ich dabei immer an was ganz anderes.

Ein Aufhänger des Buchs, Ultralangstreckenlauf, war zwar auch 2009 nicht neu. Doch die (Wieder) Entdeckung der Idee, es ganz ohne Schuhe zu tun (oder zum Wohl unserer Arbeitsplätze mit „Barfußschuhen“), kann man durchaus diesem Buch zuschreiben. Zum Aushängeschild des „Natural Running“ wurde ungewollt das indigene Volk der Tarahumara in Mexiko: in den schwer zugänglichen und unwirtlichen Copper Canyons legen dort Jung und Alt im Alltagsleben lange, lange Strecken laufend zurück. Und werden dabei, ohne es darauf anzulegen, oft schneller als amerikanische Eliteultraläufer – und das Ganze in simplen, flachen Sandalen. Die Schlussfolgerung, dass die Dämpfung der Laufschuhe daher überflüssig sei, verknüpft das Buch mit einer These des Harvard-Professors Daniel Lieberman: der Mensch der frühen Steinzeit hätte einen Evolutionsprung zum Langstreckenläufer gemacht, weil er es so geschafft hätte, Antilopen, die im Sprint nicht einholbar waren, durch langandauernde Hetzjagden zur Strecke zu bringen. Born to Run eben.

Natürlich dreht sich das Buch nicht nur um Wissenschaft und Biomechanik. Wie so oft wird die Lebensform des Naturvolks zur Inspiration für den Lifestyle des urbanen Westlers, verkörpert durch einen amerikanischen Aussteiger, der als „Caballo Blanco“ quasi zum „zuagroasten“ Tarahumara mutiert. Er wurde durch das Buch zur Szeneberühmtheit, was ein verspäteter Leser wie ich allerdings mit einem Schuss Ernüchterung registriert: denn Caballo Blanco starb bereits 2012 mit 58 Jahren – während eines Laufs.

Auch der Aufschwung des Barfuß(schuh)laufens dauerte nur ein paar Jahre, denn inzwischen kann jeder sehen, dass sich „minimalistische“ Laufschuhe – so heißen sie heute oft – wieder in eine Nische zurückgezogen haben. Und ausgerechnet in der fand ich meine eigene Spur in die Vergangenheit: Denn als vor einigen Jahren mein Rücken zwickte, las ich ein Buch über die Beseitigung dieses Zwickens, und der Autor dieses Buches warb für ungedämpfte Schuhe. Gutgläubig bestellte ich diese ungedämpften Schuhe, und die Firma, bei der ich das tat (und noch immer tue), präsentiert auf ihrer Homepage noch heute als einen Meilenstein der Firmengeschichte: das Erscheinen von „Born to Run“.

So durfte ich also spät, aber doch herausfinden, wo die Schafherde, in der ich mitlaufe, herkommt.

Sportliche Grüße, Herbert!

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