Bye bye Homeofficelauf

#Kolumne

Infektionen sinken, Impfungen steigen. Wenn sich das Virus verflüchtigt, füllen sich nicht nur Einkaufszentren, auch in den Bürogängen tauchen wieder mehr Menschen auf, und es wird sogar geplaudert, wenn auch mit Abstand. Und wird spekuliert, wann man sich das nächste Mal persönlich sieht, folgt statt dem schon gewohnten „irgendwann mal wieder“ manchmal sogar ein Tag noch in der gleichen Woche.  

Und so erfreulich das ist, die Erkenntnis dämmert: schön langsam heißt es auch Abschied nehmen von einem Kollateralgewinn der Pandemie – dem Homeofficelauf.

Corona bescherte dem der körperlichen Arbeit entkommenen Bildschirmarbeiter einen Marathon der besonderen Art: das Videomeeting. Nur zu Beginn noch mit etwas Freiheit: bei zunächst löchrigen Datenanbindungen und ausgeschalteten Kameras war es noch möglich, einen Termin in der Unterhose an der Kaffeemaschine wahrzunehmen. Doch der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten: mit bestem Bild und Ton verharre ich nun stundenlang statuengleich am Wohnzimmertisch und starre die Bilder der lieben Kolleginnen an – und auch mein eigenes. Das trübt die Freude, wieder Menschen statt grauer Kastln zu sehen, und das gelangweilte Ausprobieren sämtlicher Präsentationsmodi (Kollege oben, unten, maxi-, mini- oder fixiert) macht es auch nicht besser. Wenn es Zeit zum Mittagessen wäre, fühle ich mich in der Regel wie Rilkes Panther hinter seinen Gitterstäben.

Zeit für einen Lauf. Das Diensthandy geht daweil alleine Mittagessen, das schlechte Gewissen hält sich in Grenzen: die Erfahrung zeigt, dass die Revanche an der Optimierungsgesellschaft durch etwaigen Arbeitszeitbetrug ohnehin an der durch das Hirnauslüften erst möglichen Leistungsverdichtung scheitern wird.

Die Erkenntnis beim Homeofficelauf um die Mittagszeit: Ruhig ist es. Als Abendmensch frag ich mich ja des öfteren, wie das Leben in der Früh denn sein mag, und gelegentlich suche ich bei einem Morgenlauf nach Antworten. Intuitiv erwarte ich da Stille, doch wirklich gefunden habe ich die erst beim Mittagslauf.

Am Morgen rauscht nicht nur der Frühverkehr, es zetern immer noch erstaunlich viele Vögel im Park. Über das Spargelfeld streichen nicht nur die stummen Strahlen der Morgensonne, sondern auch die dröhnenden Schallwellen aus dem Ghettoblaster des Spargelstechers, der seinen Erntetrupp in aller Herrgottsfrüh wachzuhalten versucht.

Doch zu Mittag – nichts davon. Die Autos stehen still in der Arbeit oder in der Garage, übers Feld streicht nur der Wind, und die Vögel haben sich auch nicht mehr viel zu sagen. Der einzige Mensch, der mir bei meinem Lauf begegnet, ist ein Schulmädchen mit Tierohren auf ihrer Haarspange, mutterseelenallein, fast wie ein Phantasiegeschöpf aus einer Zwischenwelt ohne Homeschooling und Nachmittagsbetreuung.

Als es wieder zurück an den Laptop geht, gibt es eine Überraschung: die 13jährige hat sich aus der freiwilligen Selbstisolation ihres Zimmers begeben und sitzt mit ihren Schulsachen am Wohnzimmertisch. Ich freue mich schon auf einen gemeinsamen Homeofficenachmittag, doch die Ernüchterung folgt rasch. Kaum bin ich da, räumt sie schon wieder zusammen und verzieht sich. Ihre Erklärung: „Ich sitz ja eh oft hier. Aber nur wenn sonst keiner daheim ist.“

Zeit, wieder ins Büro zu ziehen.

Sportliche Grüße, Herbert!

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