Teil 66 (KW 38/2019): Carola Bendl-Tschiedel

@ Sportograf

Die 42-jährige Wienerin Carola Bendl-Tschiedel ist leidenschaftliche Langstreckenläuferin. Carola hat beeindruckende Marathonzeiten stehen und möchte gerne einmal den „Comrades Marathon“ laufen. Im Helden-Interview #66 erzählt sie uns auch von ihrem tollen Erfolg bei der diesjährigen 50-Kilometer-WM in Rumänien.

Helden des Laufsports: Hallo Carola. 2011 bist du in Frankfurt eine sensationelle Bestzeit von 02:48:53 Stunden gelaufen. Welche Erinnerungen hast du an diesen Tag?

Carola: Ich bin damals schon vier Wochen davor bei der Marathon Staatsmeisterschaft am Bodensee mit 02:52:47 Stunden neue Bestzeit gelaufen. In den Wochen danach hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Form noch weiter anstieg. Eine Zeit unter 02:50 Stunden zu laufen war mein Traum. Die dafür nötigen 04:01 Minuten pro Kilometer fühlten sich im Training auch immer sehr gemütlich an – eben wie richtiges Marathontempo. Trotzdem “klang” 04:01 – und das 42-Mal, ziemlich respekteinflößend für mich. Ich wechselte zwischen Zuversicht und der Vorstellung, irgendwann k.o. am Straßenrand zu sitzen. Die Tage vor dem Rennen verliefen unspektakulär, aber doch nicht optimal. Ich war etwas verkühlt und holte mir vom Bierkisten-Schleppen (dem Preis, den ich bei einem anderen Lauf gewonnen hatte) ziemlich viele blaue Flecken an den Beinen. 🙂

Am Renntag waren die Bedingungen gut – nicht zu kalt, nicht zu warm, aufgelockert bewölkt und wenig Wind. Ich kam von Anfang an gut in meinen Rhythmus, was eigentlich ein Zufall war: Im Startblock standen um mich herum Leute, die eigentlich 03:15 Stunden laufen wollten – da machte ich mir schon etwas sorgen, im “Stau” festzustecken. Da die meisten aber zu schnell losliefen, passte das Tempo für mich genau. In den “Hochhausschluchten” der Frankfurter Innenstadt war der GPS Empfang sehr schlecht, so musste ich nach Gefühl laufen und konnte nur ganz “altmodisch” bei jeder Kilometermarkte die Zeiten kontrollieren. Es verlief reibungslos, die Halbmarathonmarke passierte ich in 01:24:17 Stunden – damals mein zweitschnellster Halbmarathon! Es ging auch gut weiter, aber im Gegensatz zu früher spürte ich auf einmal so etwas wie Hunger – und bereute es, entgegen dem Rat meines Trainers nur zwei und nicht drei Gelpackungen mitgenommen zu haben. Das zweite Gel nahm ich bei Kilometer 27. Es fiel mir sogar zu Boden, aber ich stoppte und holte es mir zurück, denn ohne das Gel wäre es gar nicht weitergegangen. Und dann hieß es einfach “irgendwie” über die Runden zu kommen. Es wurde richtig hart und ich sammelte alles ein, was irgendwie Zucker enthielt. Bei Kilometer 37, in einer S-Kurve, taumelte ein Läufer vor mir, ich konnte nur mit Mühe ausweichen, so bedient war ich selbst. Langer Rede kurzer Sinn: Es war hart, aber eigentlich verlor ich erst ab Kilometer 38 wirklich Zeit. Aus dem 03:59er Schnitt den ich bis dahin insgesamt hatte wurde ein 04:00er-Schnitt, aber es wäre Jammern auf sehr hohem Niveau, mich darüber zu beklagen. 😉 Die letzten paar hundert Meter mobilisierte ich die letzten Reserven, überholte noch einige Läufer und genoss den großartigen, aber leider recht kurzen Zieleinlauf in der Messehalle. Mit 02:48:53 Stunden einer Zeit, die ich später leider nie wieder erreichte (obwohl ich aus dem Fehler mit dem Gel gelernt hatte, das passierte mir nie wieder! 😉 ), war ich wirklich hochzufrieden und schwebte die folgenden Tage nur so dahin. 🙂

Hdl: Auf den Ultradistanzen bist du ebenfalls bärenstark. 2015 hast du über die 100-Kilometer-Distanz in Winschoten/Niederlande nach 08:48 Stunden das Ziel erreicht. Bist du „Ultrafan“ und wie verlief dieser Lauf?

Carola: Ultrafan nicht direkt. Ich mag Ultra (wie ich auch generell Laufen insgesamt mag), aber meine große Liebe ist und bleibt der Marathon. Am liebsten würde ich natürlich Unterdistanzen, Marathon, Ultra, Berglauf, Mittelstrecke und Cross machen – aber das ist nun mal (leider) nicht möglich. 😉 Warum ich keine reine Ultraläuferin bin liegt daran, dass mir (einigermaßen) zügiges Laufen einfach noch mehr Spaß macht. Trotzdem liegt mir Ultra sicher recht gut, daher bin ich auch (ein bisschen ungeplant) zum Ultra gekommen. Dass der WM-Lauf in Winschoten geklappt hat, war eigentlich ein Wunder. Im Vorfeld hatte ich oft mit Problemen zu kämpfen. Keine Verletzung, aber ständige Schmerzen, die das Training sehr behinderten. Ich kam nur auf zwei längere Läufe (42 und 43 Kilometer). Auch die Tage vor dem Lauf, bereits in Winschoten waren sehr, ich nenne es mal “schwierig”. Beim Start ging es dann eigentlich gut, aber nach sieben Kilometer hatte ich wieder schlimme Schmerzen und kam auf einmal nur mehr in kleinen Schritten voran. Nach der ersten 10-Kilometer-Runde steuerte ich unser “Basislager” an und ließ mich von unserer Physiotherapeutin behandeln. Das gesamte Team dachte, als es mich kommen sah “Das wird nichts mehr” – wer hätte es ihnen verübeln können, so desolat wie ich aussah? Aber wie durch ein Wunder verliefen die folgenden neunzig Kilometer völlig problemlos. Es war mir selbst unheimlich. 🙂 Auf der letzten Runde erst glaubte ich daran, dass ich es schaffen würde. Die letzten drei Kilometer zog ich einen Endspurt an, der einfach nur unbeschreiblich schön war. Ich erinnere mich genau, den letzten Kilometer lief ich in 04:47 Minuten. Die Zielankunft war für mich wunderschön emotional. Ich hatte geschafft, woran ich selbst fast nicht geglaubt hatte.

Hdl: Welche sportlichen Highlights gab es noch in deiner Karriere?

Carola: Subjektiv gab es für mich fünf weitere Highlights:

  • Mein Sieg beim österreichischen Frauenlauf (10-Kilometer-Bewerb) 2008. In einer Zeit, die ich seither schon oft unterboten habe, aber der Sieg bei einem so großen Lauf (damals einer meiner ersten Gesamtsiege und bei weitem der “Größte”) ist ein Moment, den ich immer noch vor Augen habe.
  • Der Sieg beim „Veitsch Ultra-Alpin Marathon 2008“: Das war der Beginn meiner “Ultrakarriere”, wenn ich sie so nennen darf. Es ist ein wirklich schöner Lauf, den ich aus ganzem Herzen empfehlen kann. Dort zu gewinnen, noch dazu, wo ich im Jahr davor bei meinem ersten Antreten nach einem Sturz im Krankenhaus gelandet war, war ein großer Glücksmoment.
  • Ebenfalls im Jahr 2008, mein erster Marathon unter drei Stunden: 02:58:52 in Berlin.
  • Ungeschlagen war mein Sieg beim Rennsteig Supermarathon 2011. Ein solches Traditionsevent zu gewinnen, unter gewaltigem Beifall mit Salutschüssen, als erste im “schönsten Ziel der Welt” in Schmiedefeld einzulaufen, trieb mir Freudentränen in die Augen
  • Comebacks nach Verletzungen sind auch immer ein emotionales Erlebnis. Ganz besonders war das der Fall, als ich 2014 meine Halbmarathon-Bestzeit in Trier aufstellte. In dieser Saison war ich noch nicht stabil genug für Marathontraining, daher konzentrierte ich mich auf Halbmarathon – und das mit Erfolg. Auf einmal ging das Tempo, das mir davor immer schwergefallen war, richtig locker und ich konnte in einem spannenden und stimmungsvollen Rennen meine Bestzeit um 03:20 Minuten verbessern. Noch schöner war: Das gelang mir nach fast drei Jahren, in denen mich vor allem Verletzungen geplagt hatten.

Hdl: Nach einem Tief, konntest du 2018 beim Marathon in Valencia endlich wieder unter drei Stunden laufen. Was war davor los?

Carola: Mal dies, mal das. Ich habe kaum etwas ausgelassen. Ermüdungsbrüche, unspezifische Beschwerden, manchmal einfach auch Pech im Rennen. Aber dann, nach einigen Jahren mit zumindest immer “kleiner werdenden” Verletzungen konnte ich endlich wieder weitgehend problemlos trainieren. Über die 02:56:59 Stunden habe ich mich unglaublich gefreut – die haben mir gezeigt, dass ich es immer noch kann.

Hdl: Du hast dich also in der Karriere schon des Öfteren mit Verletzungen herumplagen müssen. Welche waren das genau?

Carola: Inzwischen muss ich sagen: Ja, leider! Die ersten Jahre nie, ich kannte nicht einmal kleinere Wehwehchen. 2012 hatte ich aber ein Knochenmarksödem evtl. verbunden mit einem Ermüdungsbruch, das sehr lange nicht entdeckt wurde. Einige weitere Verletzungen (vier weitere Ermüdungsbrüche, dazu noch “Kleinigkeiten” wie Muskelfaserrisse usw.) folgten die Jahre danach. Inzwischen wurden die Verletzungen zum Glück immer seltener und ich bin über jede verletzungsfreie Saison froh und dankbar.

Hdl: Kommen wir wieder zu etwas positiven. Was fällt dir zu Kärnten und Brasov ein?

Carola: Kärnten Läuft – die Halbmarathon Staatsmeisterschaft – und die 50 Kilometer Ultralauf-Weltmeisterschaft in Braşov waren die großen Ziele in dieser Saison für mich. Zwei solche Rennen im Wochenabstand sind natürlich ein Wagnis, aber ich dachte und hoffte, mich von einem Halbmarathon schnell genug zu erholen. Die beiden Rennen waren sehr unterschiedlich: Während ich beim Halbmarathon doch auf Angriff lief und damit auch (auf meiner Lieblingsstrecke) meine optimistischten Erwartungen unterbieten konnte, lief ich die 50 Kilometer anfangs sehr konservativ. Erst auf den letzten eineinhalb Runden (13,5 Kilometer) hatte die Zurückhaltung ein Ende und ich begann Gas zu geben. Mit beiden Ergebnissen war ich extrem zufrieden. 01:22:47 Stunden war mein zweitschnellster Halbmarathon jemals, dazu gab es Rang vier in der Staatsmeisterschaft im Einzel und in der Teamwertung die Silbermedaille. Die 03:34:33 über 50 Kilometer waren auf einer sehr welligen Strecke, an einem windigen Tag, ebenfalls erfreulich. Rang 25 im Einzel war ein schönes Resultat – und die Bronzemedaille mit meinen Kolleginnen in der Teamwertung die Krönung einer erfolgreichen Sommersaison.

Hdl: Wie bist du zum Laufsport gekommen? Hast du vorher auch Sport gemacht?

Carola: Ich war auch als Kind und Jugendliche mehr oder weniger sportlich, zumindest aktiv – alles quer durch, was es so gab: Eislaufen, Schwimmen, Bergsteigen, Radfahren, Turnen, …. Mit knapp elf Jahren habe ich mit dem Reiten, damals meinem großen Traum, begonnen, was ich später auch auf Turnierniveau betrieben habe. Nach dem Studium, mit der Berufstätigkeit, wurde dieses doch recht zeitaufwändige Hobby jedoch mehr zum Stress und zur Belastung. Meinen Bewegungshunger habe ich dann einige Jahre in Fitnessstunden ausgelebt, wo mir jedoch der “Wettkampfkick” abging. Nachdem ich einmal beim Vienna City Marathon zugesehen hatte, hat mich das so fasziniert, dass mir klar wurde, dass ich da selbst mitmachen will. So kam es dann auch und so blieb ich beim Laufen: Ich startete 2004 beim Österreichischen Frauenlauf, im September beim Wachau Halbmarathon und gleich anschließend darauf in Graz beim Marathon.

Hdl: Wie viel Zeit investierst du pro Woche in dein Training?

Carola: Meist sind es um die zehn, selten mehr als zwölf Stunden.

Hdl: Wann und wo trainierst du am liebsten?

Carola: Am meisten trainiere ich im Prater, auf der berühmt (-berüchtigt)en Hauptallee. Nicht nur, weil sie praktisch ist – vermessen, eben, immer beleuchtet und fast immer schneefrei – ich mag sie auch sehr. Dort fühle ich mich zu Hause, kann abschalten, weil ich nicht über den Weg nachdenken muss und man sieht Gleichgesinnte, die sich auch abmühen. Die Wege im Prater abseits der Hauptallee – durch die Praterauen oder zum Praterspitz mag ich jedoch ebenfalls sehr gerne. Wenn längere, hügelige Läufe anstehen, bin ich sehr gerne im und um den Lainzer Tiergarten oder im Wienerwald auf der “U4” Strecke zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt.

Hdl: Welche großen Ziele hast du noch für die Zukunft?

Carola: Ich möchte noch gerne einige (halbwegs) schnelle Halbmarathons und Marathons, vielleicht sogar auch noch Zehner, laufen. Noch mehr Potenzial gibt es im Ultrabereich, in den ich ja eigentlich erst gerade ein bisschen “hineingeschnuppert” habe. Wieder einmal 100 Kilometer, auch mal einen 24-Stunden-Lauf ausprobieren und dann reizen mich natürlich auch die großen “Klassiker” wie z.B. der Comrades Marathon – ca. 90 Kilometer von Durban nach Maritzburg (oder umgekehrt). Oder vielleicht sogar der Spartathlon – 246 Kilometer von Athen nach Sparta!

Hdl: Welche Hobbys außer dem Sport hast du noch?

Carola: Da gibt es einiges! Auf der ebenfalls aktiven Seite gehe ich sehr gerne Wandern, Bergsteigen, Klettern. Ich reise gern, auch hier gerne verbunden mit Outdoor-Aktivitäten. Skandinavien ist hier ein Traum! Auf der anderen Seite des Spektrums mag ich Stadtspaziergänge, lese ich sehr gerne, gehe gerne ins Theater und in Ausstellungen. Man findet mich also abgesehen von der Hauptallee oder dem Lainzer Tiergarten z.B. auch im Burgtheater oder in der Albertina. 😉 – und auf Marathonreisen fehlt selten ein Sightseeingprogramm nach dem Lauf. 🙂

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute!

Carola: Vielen Dank!