Cierpinskis Schwur am Grabe des Abebe Bikila

Text: Olaf Brockmann. Ein Beitrag aus der Reihe: “Was geschah am …?”

3. August 1980:

In Gluthitze Triumphzug zum zweiten Gold!

Moskau 1980: Es ist ein Klassiker der Sportberichterstattung. Für viele steht er als Synonym für Waldemar Cierpinski, der vor 40 Jahren am 1. August den Marathonlauf in Moskau gewann und diesen Montag, am 3. August, 70 Jahre alt wird. Ein doppeltes Jubiläum gilt es zu feiern. Da geht es nicht ohne diesen legendär gewordenen Spruch. Also gleich raus damit: „Liebe Zuschauer zu Hause, das ist ein einmaliger Triumph! Liebe junge Väter vielleicht, oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar!“ So euphorisch jubelte auf der TV-Tribüne des Lenin-Stadions Heinz-Florian Oertel. Eigentlich, so erzählte Waldemar Cierpinski später, sei ihm dies gar nicht so Recht gewesen. Viel besser hätten ihm die Worte der DDR-Reporter-Legende in Montreal gefallen, als er das erste Mal sensationell Olympiasieger geworden war. Da hatte dieser gerufen: „Wir springen mit ihm auf. Solche Leistungen, solche Sieger würdigen wir mit großem Respekt. Und wenn man steht, wird die Verbeugung tiefer.“

Aber auch in Moskau sind wir doch alle von den Pressesitzen aufgesprungen, haben Waldemar Cierpinski applaudiert, als er als Sieger durch das Marathontor ins Olympiastadion lief. Welch wunderbare Leistung! Als zweiter Läufer nach Abebe Bikila hatte er seinen Marathon-Olympiasieg wiederholt. Was aber weniger als der legendäre Spruch des Heinz-Florian Oertel bekannt ist, schildert Cierpinski in seinem gemeinsam mit Volker Kluge verfassten Buch „Meilenweit bis Marathon“: „Ich wußte, daß es keine Illusion sein würde, auch ein zweites Mal einen Olympiasieg im Marathonlauf in Angriff zu nehmen, und heimlich hatte ich mir das 1977 auch am Grabe von Abebe Bikila geschworen, das ich bei einem Trainingsaufenthalt in Addis Abeba besuchte.“ In Moskau also wurde dieser heimliche Schwur Wirklichkeit – auf den Straßen vom Lenin-Stadion zum Kreml, über den Roten Platz, vorbei an der Basiliuskirche bis hin zum Wendepunkt beim Kiewer Bahnhof und zurück. Eine City-Tour unter allerschwersten Bedingungen. Auch wenn die Strecke entlang der Moskwa führte, war sie mit all ihren langen Geraden eine höllische Angelegenheit.

Höllisch im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erinnere mich genau an die Hitze und die Schwüle, die sich am Schlusstag der olympischen Leichtathletik über die Metropole der UdSSR gelegt hatte. Das Thermometer zeigte beim Start des Marathons 29 Grad. Waldemar Cierpinski erinnert sich: „Eine Hitzeschlacht stand bevor. Der heiße Asphalt warf die Hitze zurück und die Strecke hielt nicht viel Schatten bereit, gekennzeichnet durch lange gerade und breite Straßen.“ Tags vor dem Rennen hatte er sich seine Taktik noch einmal zurechtgelegt. Bei Kilometer 35, gerade dort, wo viele Marathonläufer „eingehen“, gerade dort wollte er mit einem mächtigen Ende alle in Grund und Boden laufen. „Bei Kilometer 35 wird so mancher physisch und psychisch schwach. Genau da wollte ich angreifen. Da laufe ich die letzten fünf Kilometer in 15 Minuten!“ Alles sollte aufgehen…

Entscheidung nach 35 Kilometern

Bis Kilometer 35 aber war viel passiert, wie in all den Berichten, die ich hier beifüge, ausführlich erzählt wird. Ein wirklich erster entscheidender Ausbruch war dem Mexikaner Rodolfo Gomez gelungen. Bei Kilometer 22 hatte er die Spitzengruppe gesprengt, wie wir an der Videowall im Lenin-Stadion mitverfolgen konnten. Sein Vorsprung wuchs und wuchs, zeitweise hatte er 40 Sekunden Vorsprung. Bei den Zwischenzeiten, die ich hier auch aus dem offiziellen Marathon-Ergebnis der Sommerspiele beigefügt habe, lag der Mexikaner bei 25 km (1:17:55), 30 km (1:33:27) und auch noch bei 35 km (1:49:47) vorn. Cierpinski zum Rennverlauf: „Genau beim 35. Kilometer aber hatte unsere kleine Verfolgergruppe Gomez eingeholt.“ Also just bei jenem Punkt, an dem er selbst zuschlagen wollte. „Aber was sollte das?“, fragte sich Cierpinski, „der Holländer Gerard Nijboer war mir mit einem Zwischenspurt zuvorgekommen. Viel Zeit zum Überlegen blieb mir nicht. Ich setzte hinterher, kam auf seine Höhe und lief jetzt so konsequent weiter, wie ich es geplant hatte. Ich rannte und rannte!“ Schließlich lief er die letzten fünf Kilometer sogar noch um 15 Sekunden schneller als die geplanten 15 Minuten, wie ihm sein Trainer Walter Schmidt später sagte.

„Cierpinski lief und lief, sah sich nicht einmal um. Dann kam der Tunnel. Cierpinski hörte in diesem Moment unsere Hymne, und nun wußte er, daß er noch genügend Kraft besaß, um auch die letzten Meter als Sieger zurücklegen zu können. Fast 100 Meter Vorsprung besaß Cierpinski im Ziel vor Nijboer“, hieß es euphorisch im DDR-Fachmagazin „Der Leichtathlet“. Und unser Kollege Heinz-Florian Oertel schrie sich die Stimme heiser. Den Marathon-Olympiasieg wiederholt! Auf den Spuren des Abebe Bikila.

Foto: ©Fotoagentur Sven Simon

Als Kind über den Barfußläufer gestaunt

Der Äthiopier hatte den Buben Waldemar Cierpinski übrigens schon 1960 aus Rom inspiriert. „Wir saßen bei einer befreundeten Familie, die einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher hatte, zu Hause auf der Coach. Die Bilder waren beeindruckend, vor allem staunte ich, dass Bikila barfuß gelaufen war. Das war mein erster innerer Anstoß. Ich träumte von Olympia“, erzählte Waldemar Cierpinski unlängst in einem Interview mit Michael Jahn der „Berliner Zeitung“. Der sportliche Werdegang des Buben, der einst (wie so viele afrikanische Läufer!) den Schulweg gelaufen war (der Bus war zu teuer), ist immer wieder erzählt worden, gerade jetzt vor dem 70. Geburtstag des doppelten Olympiasiegers. Zunächst war er Hindernisläufer, ehe er dann nach seinem ersten Marathon 1975 in Kosice endgültig auf die klassischen 42,195 Kilometer umgestiegen war. Er hatte in der Leichtathletik seine Strecke, seine Liebe gefunden.

Steffnys Exklusiv-Interview

Auch Heinz Vogel war damals auf der Pressetribüne ob der Ausnahmeleistung des Waldemar Cierpinski ein wenig gerührt. In seinem aktuellen Bericht für den „Sport-Informations-Dienst“ („Die Glanztat des Waldemar Cierpinski“) würdigte er ihn: „Der Mann mit den schmal zusammengepressten Lippen, das scheue Lächeln, das mehr Innen- als Außenleben verheißt, er ist ein kühler Rechner, eine menschliche Maschine, er hat einen regelmäßigen Bewegungsablauf, jenen ganz auf Ökonomie abgestellten Schritt, das Knie nicht zu hoch, die Arme knapp angewinkelt – wenn man ihn laufen sieht, dann erkennt man: Da ist alles sparsam, sorgsam auf einen langen Verbrauch eingestellt.“ Glänzend beschrieb natürlich auch mein Kollege Manfred Steffny, als zweimaliger Marathon-Olympiateilnehmer bis heute weltweit eindeutig einer der besten Fachjournalisten, das Rennen von 1980, da gelang ihm sogar ein Husarenstück, als er als einziger westlicher Reporter ein Interview mit Waldemar Cierpinski führen konnte, damals ein Hit in seiner Moskau-Ausgabe von „Spiridon“. Steffny hatte sich zu einem Meeting mit einem Dutzend DDR-Journalisten auf einem Nebenplatz des Olympiastadions eingeschlichen. Normalerweise wäre man als Bundesdeutscher dort verbannt worden, aber der ansonsten sehr strenge Pressechef Klaus Huhn hatte mit Steffny ausnahmsweise ein Erbarmen. Wohl auch angesichts des historischen Cierpinski-Triumphes. Das Gespräch ist so interessant, dass Steffny dieses in der aktuellen Spiridon-Nummer in Zusammenhang mit seiner Cierpinski-Würdigung zum 70. Geburtstag noch einmal abgedruckt hat. Ein Stück Zeitgeschichte!

Oertels Aufforderung in die Tat umgesetzt

Nahezu endlos sind die Geschichten rund um den freundlichen Doppel-Olympiasieger, der vor 70 Jahren in Neugattersleben, einem Ortsteil von Nienburg an der Saale, geboren wurde und jetzt in Halle ein Sportgeschäft führt. Es gibt so viele Anekdoten über ihn, eine aber sei zum Abschluss noch aufgeführt, womit ich auf den legendären Ausruf des Kommentators Heinz-Florian Oertel zurückkomme. In seinem Buch erzählt Waldemar Cierpinski: „Es war viel später einmal bei einem Fasching in Halle, als mich ein junges Paar schüchtern ansprach und mir dann strahlend mitteilte, daß es diesem Reporterwunsch damals in der Tat nachgekommen ist, ihr kleiner Sohn nach mir Waldemar genannt wurde.“

Cierpinski ist mit der ehemaligen Mittelstreckenläuferin Maritta Politz verheiratet und Vater dreier Söhne; sein Sohn Falk Cierpinski war ebenfalls Marathonläufer. Er ist Besitzer eines Sportartikelgeschäftes.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.