Das Ziel ist der Weg

#Kolumne

Läufer brauchen Ziele, heißt es. Ist das so?

Da die einzig echte Erfahrung die eigene ist, folgende wahre Geschichte: Vor einigen Jahren und mit knapp 100 Kilo begann ich wieder nach Plan statt nur sporadisch zu laufen. Dafür setzte ich mir ein Ziel: in ein paar Jahren wollte ich mindestens so schnell sein wie zu meinen besten Zeiten.

Kein irrer Plan, dachte ich mir: denn mit Mitte Zwanzig und zwanzig Kilo weniger um die Mitte, war ich zwar fit, doch engagiertes Lauftraining betrieb ich nur ein paar Monate. Dann lief ich einen Marathon, tat mir dabei weh und kehrte reumütig wieder zum Gesundheitsjoggen zurück. Was ich damals konnte, musste doch mit etwas mehr Geduld und Zielorientierung auch in dem Lebensabschnitt möglich sein, in dem man den mysteriösen Lauftitel „Master“ erhält.

Leider hatte ich keine Ahnung, was ich damals konnte. Weil ich mich außer für Marathon für keine Wettkampfstrecken interessierte, waren meine Trainingszeiten für mich bloß Zahlen. Nach flotten Läufen am Linzer Donaudamm stand am Ende beim Kilometerschnitt oft ein 3er vorne – das hielt ich für selbstverständlich. Ernsthaft. Dass es das nicht ist, fiel mir erst beim Neustart auf, als trotz höchster Anstrengung nur mehr ein 5er vorne stand.

Dennoch – auch diesem Anfang wohnte ein Zauber inne: mit drei Mal Laufen pro Woche im ersten Trainingsjahr purzelten wenigstens ein paar Kilos und vor allem die Zeiten: der Leistungsprognoserechner des Lauftrainers Peter Greif im Internet verstieg sich zur Prognose, dass ich bei einer Steigerung auf 7mal Laufen pro Woche eine 5-Kilometerzeit von unter 13 Minuten laufen könnte. Olympiateilnahme als Hobbyläufer mit fast 50 Jahren? Erstaunlich! Jetzt, einige Jahre später laufe ich tatsächlich fast jeden Tag, doch den Ergebnislisten der globalen Meisterschaften kann man entnehmen: die Prognose hielt nicht. Peter Greif ist zwischendurch verstorben, ich kann ihn nicht mal mehr fragen, woran es lag.

Und nicht nur das: ich bin immer noch langsamer als vor 20 Jahren. Ziel also verfehlt. Übrigens genau wie damals: denn das eigentliche Ziel war ja ein flotter Marathon gewesen – diesen beendete ich dann mit Hüft- und Knieschmerzen als Geher.

Fazit: Zwei Mal habe ich mir ernsthaft läuferische Ziele gesetzt. Zweimal bin ich gescheitert. Doch nach dem zweiten Fehlschlag ist eines anders. Ich laufe immer noch. Warum? Erstens habe ich kapiert und akzeptiert, dass zwar alle mehr oder weniger das Gleiche trainieren – doch bei jedem kommt etwas anderes heraus. Über die Details der Trainingsmethoden kann man beim Long Jog oder Long Run diskutieren, doch über ihre Wirkung entscheiden – je nach weltanschaulicher Positionierung – die Gene, das Universum oder sonst eine Instanz. Eine schöne Lektion: als Belohnung für das Lauftraining bekommst du nicht, was du willst, sondern was du bist.

Und zweitens: Der Weg ist das Ziel, sagte Konfuzius. Laufend ist es leicht, noch einen Schritt weiter zu gehen, gerade wenn die Ziele eher in die Ferne rücken statt näher zu kommen. Sie verblassen und werden zum bloßen Vorwand, zur Ausrede, um wieder Laufen gehen zu können. Das Ziel ist der Weg. Ende der Geschichte.

(Doch halt: einen Trumpf habe ich ja noch! Der Gewichtsrechner von Lauftrainer Herbert Steffny sagt: Wenn der Rettungsring um die Hüfte über Bord geht und ich meinen Kraftsportler-Bodymass-Index gegen den eines Ausdauersportlers eintausche, bin ich eine halbe Minute pro Kilometer schneller – und endlich dort, wo ich hinwollte. Na dann! Auf geht’s zum nächsten Ziel …)

Sportliche Grüße, Herbert!

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