Der Kampf gegen den inneren Schweinehund (oder: wie man ihn perfekt austrickst). Vom Laufen in der Kälte

von Dr.med.univ. Elisabeth Smolle

(Elisabeth ist in Facharztausbildung für Innere Medizin und Pulmonologie am LKH Univ. Klinikum Graz. Sie ist begeisterte Läuferin, absolviert Distanzen von 5 Kilometern bis zum Straßen- oder Bergmarathon. Dieser Artikel vermischt wissenschaftliche Erkenntnisse aus anerkannten Fachzeitschriften mit hochgradig subjektiven Gedanken der Autorin, und soll mit einem Körnchen Salz und einem Augenzwinkern gelesen werden.)

Liebe Leser!

Es wird wieder kalt. Eiskalt! Winter is coming, nicht nur bei Game of Thrones. Während niedrige Temperaturen für Normalos bedeuten, dass man einfach weniger draußen ist – und wenn, dann am besten am Glühweinstand – so steht der Läufer vor der Qual der Wahl: Option 1: Trainingspause bis zum Frühjahr. Keine Option für die meisten! (Und wenn ja, dann darf man sich nicht guten Gewissens Läufer nennen, finde ich!) Option 2: Laufband. Heißt in meinem Fall z.B.: Mentaltraining pur. Ehrlich, ich finde Laufen auf dem Laufband einfach nur anstrengend. Erstens ist bei gleichem Pace meine Herzfrequenz höher, zweitens schwitze ich viel mehr als draußen (wegen fehlendem Luftzug), drittens fallen mir die Haare ständig in die Stirn (wegen fehlendem Luftzug), viertens riecht es im Fitnessstudio nicht so gut wie draußen (wegen fehlendem Luftzug?), fünftens kann ich mich nicht auf den blöden Fitnessstudio-Fernsehchannel konzentrieren, weil ich eh schon damit überfordert bin, in der Mitte des Laufbands zu bleiben, sechstens läuft dort eh nur Mist, und siebtens fühle ich mich auf dem Laufband im Fitnessstudio immer von den hinter mir auf den Ergometern Fahrenden unangenehm beobachtet. Einziger Trost: Das geheime Wettrennen gegen die Laufbandläufer neben mir! Meist handelt es sich dabei nämlich nicht um Läufer, und dann macht es richtig Spaß. Manche wärmen sich zum Beispiel eine halbe Stunde lang auf dem Laufband gehend auf (okay, gegen die kann man dann leider auch kein richtiges Wettrennen veranstalten). Mit 3 km/h, 0% Steigung laaangsam einen Fuß vor den anderen setzend, dabei auf dem Smartphone herum scrollend. Ja, so kommt der Fettstoffwechsel bestimmt richtig in Gange! Lustiger wird es, wenn der halbwegs motivierte Fitnessstudio-Geher in meiner Altersgruppe sich aufs Laufband stellt und dann mal so locker mit 8 km/h los trabt. Dann stelle ich gern mal ein bisschen mehr Geschwindigkeit und etwas mehr Steigung ein und werfe unauffällig-auffällig Blicke auf das Display meines Laufband-Nachbars. Er soll ruhig wissen, dass ich ihn verachte und bemitleide. Ja, Sport verbindet eben total.

Genug geblödelt. Kommen wir zu Option 3: Einfach.weitermachen. Kein Fleiß kein Preis. Nur die Harten kommen in den Garten. Ich gebe zu, wenn es so richtig a***kalt ist, dann laufe ich meist recht langsam, aber wer mir auf Strava folgt, der weiß, dass ich eigentlich bei jedem Wetter draußen unterwegs bin. Also darf ich hier mitreden! Meiner Meinung nach ist das blödeste Wetter zum Laufen immer noch ein Wolkenbruch, weil die „angesoffenen“ Schuhe dann irgendwann ziemlich schwer wiegen, und das Makeup verrinnt. An alles andere kann man sich mit guter Kleidung anpassen. Meine Tipps sind also: Erstens, die Kleidung optimieren, sodass man sich richtig wohl fühlt, also nicht zu warm aber auch nicht zu kühl anziehen. Wer sich im G’wand wohl fühlt, hält länger durch! Zweitens, mentale Stärke ausspielen, Tricks anwenden. Ich empfehle folgende Gedanken, um sich auf den ersten paar Kilometern zu motivieren (danach läuft es dann meist eh wie von selbst): „Im Mittelalter hatten sie es im Winter viel schwerer.“ – „Die anderen liegen jetzt auf dem Sofa während ihre Arterien langsam verkalken.“ – „If you are waiting for perfect conditions, you’ll never get anything done. (Zitat Instagram, natürlich.)“ – „Beim Lauf/Wettkampf XY hab ich mich noch besch*** gefühlt, und trotzdem durchgehalten.“ – „Es gibt auch einen Antarktis-Marathon.“ – „Wenn ich das geschafft habe, kann ich allen erzählen dass ich heut‘ laufen war und ihnen ein tierisch schlechtes Gewissen machen.“ – „Die Sommer-Form entsteht im Winter!“ – „Was dich nicht umbringt, macht dich noch härter.“ – „Kein Lauf ist auch keine Lösung.“

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unser Gehirn sich Dinge einprägt, die uns überrascht, oder sonstwie emotional berührt haben. Will heißen, wenn das Thermometer Minus 12 zeigt, es 04:30 Uhr morgens ist und wir irgendwie wissen, dass jetzt, und zwar nur jetzt, der einzige Moment des Tages ist wo sich ein Läufchen zeitlich ausgehen würde, dann kommt unweigerlich der Gedanke: „Das pack‘ ich jetzt aber nicht.“ Allerdings, wenn wir den Lauf trotzdem schaffen (ich gehe immer mit dem Gedanken vor die Tür „fang‘ doch zumindest mal zu Laufen an…“ – und dann, sagen wir, nach 10 Kilometern mit vereisten Wimpern und klammen Fingern wieder daheim ankommen, sind wir über uns selbst erstaunt, überrascht und einfach nur stolz. Das Gehirn weiß: ich hab‘ das hingekriegt, es war zach, aber nicht so arg wie wir uns das im Vorhinein vorgestellt haben. Wir können das also wieder machen. Und beim nächsten Mal wird es uns leichter fallen, weil wir ja schon wissen, dass wir es können. So kann man sich austricksen, und irgendwann wird’s eben zur Gewohnheit.

Hier noch ein paar praktische Tipps, die ich selbst anwende bzw. erprobt habe: Bei großer Kälte Fäustlinge über die Fingerhandschuhe ziehen. Es ist allerdings eine Challenge, dann noch gezielt den Knopf der Garmin (oder Suunto, Polar,…) zu erwischen. Die GPS Uhr kommt über die Jacke, und der Herzfrequenzsensor wird daher deaktiviert. (Außer ihr trainiert mit Pulsgurt.) Was ich weniger empfehle sind Buffs über Mund und/oder Nase, weil sie in meinem Fall irgendwie durch die Atemluft rasch feucht werden und dann gefrieren. Nicht so lustig, mit einem Eisklotz vor dem Mund herum zu rennen… Mehrere Schichten anziehen = Zwiebellook. Außerdem empfehle ich diese flauschigen „Kuschelsocken“, die man z.B. im Drogeriemarkt bekommt, wo auf der Verpackung meist eine entspannte und zufriedene Wellness-Frau abgebildet ist, die sich mit Bademantel und den eben genannten Socken auf dem Sofa zusammengerollt hat. Diese Socken sind aus Kunstfaser und daher besser geeignet und zudem wärmer als 2 oder 3 Paar Baumwollsocken übereinander. Außerdem ziehe ich manchmal eine weite Jogginghose über eine Leggin; man kann ersatzweise auch Langlaufgewand kaufen und einfach damit laufen gehen. Und übrigens: Vorsicht vor Eisplatten und Sekundeneis. Leichter Nieselregen bei leichten Minustemperaturen lassen auf Asphalt in sehr kurzer Zeit sehr gefährliche Eisplatten entstehen. Achja, wer so wie ich grundsätzlich unter eiskalten Händen beim Laufen leidet, sollte lieber keine Handcreme vor dem Laufen auftragen. Die wird dann nämlich auch sehr schnell sehr kalt, und lässt die Hände leider ganz schnell ziemlich kalt, blass und taub werden. Und mein letzter guter Tipp: wenn es schneit, sollte man die Augen entweder ein bisschen zukneifen, oder den Blick auf den Boden richten, oder eben eine Brille verwenden. Denn Schneeflocken im Auge können richtig pieksen und sind daher echt nervig.

Alles klar? Ich hoffe ihr seid nach meinem Briefing fit für den Laufwinter.

Eure Liesl