12.04.2015: Der Tag an dem Flo Reus Weltmeister wurde

Im April 2015 wurde der deutsche Ultraläufer Florian Reus Weltmeister im 24-Stunden-Lauf. Es war der Höhepunkt einer großartigen Karriere im Ultramarathon-Nationalteam, welche der Franke 2018 beendete. Wir blicken mit dem heute 36-Jährigen auf diesen Triumph zurück und fragen nach, ob seine Tochter auch schon im Kreis läuft.

©Florian Reus

Helden des Laufsports: Was fällt dir spontan ein, wenn du an die letzte Runde und den Zieleinlauf in Turin zurückdenkst?

Flo: Ja, das sind schon wirklich tolle Erinnerungen. Auf dieses sportliche Ziel habe ich sehr lange hingearbeitet. Es war irgendwie ziemlich surreal in dem Moment. Das lag sicherlich auch daran, dass ich nach den sehr, sehr harten 24 Stunden wirklich komplett am Ende war. Mein Team-Kollege Michael Vanicek hat mich damals auf der letzten Runde begleitet und als klar war, dass nichts mehr anbrennen kann, haben wir Gehpausen eingestreut, um zur Schlusssirene genau bei unserer Betreuercrew zum Stehen zu kommen. Das hat zwar einen Kilometer gekostet, aber der Jubel mit der Mannschaft, die ja auch einen großen Teil zum Erfolg beigetragen hat, war es wert gewesen. Ich war gerade auch mental so erschöpft, dass ich die Sektdusche zu spät realisiert habe und den ganzen Mist in die Augen bekommen habe. Das war dann eine Mischung aus Freudentränen und Sekt.

Hdl: Wie hast du das Rennen damals erlebt?

Flo: Ich bin damals mit der Überzeugung nach Turin gereist, in Richtung deutschen Rekord, der bei 276 Kilometer liegt laufen zu können, in der Hoffnung, dass das dann auch zum Titel langt. Leider wurde die Strecke wenige Wochen vor der WM, wegen einer gleichzeitig stattfindenden Veranstaltung verändert. Die Strecke wurde dadurch deutlich schwerer, da jeweils eine kurze aber steile Rampe beim Stadion Ein- / Ausgang zu laufen war und es auch noch einen 180°-Wendepunkt gab. Verbunden mit der für meine Verhältnisse offensiven Taktik hat mir diese Rampe muskulär nach neun Stunden komplett den Stecker gezogen. Es war purer Wille trotzdem den Zeitverlust in Grenzen zu halten und den Abstand auf die ersten drei Plätze konstant zu halten. In den Nachtstunden hat sich das Blatt innerhalb relativ kurzer Zeit dramatisch gedreht, denn die ersten drei Läufer mussten alle ihrem hohen Anfangstempo Tribut zollen. So konnte ich die Führung übernehmen. Ab diesem Zeitpunkt wurde es ein verdammt langer Weg und in den letzten drei Stunden hatte ich echt Zweifel, dass ich meinen Traum wirklich ins Ziel bringen kann! Der Vorsprung schmolz immer weiter dahin.

Hdl: Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 2014 Weltmeister wurde, wurde das Team zuhause von hunderttausenden Fans empfangen. Ging es dir genauso? Was hast du mit der Millionenprämie angestellt? 😉 Nein, Spaß bei Seite: Wie wurde dein WM-Titel in Deutschland wahrgenommen?

Flo: Klar, in so einer Randsportdisziplin ist das natürlich alles nicht zu vergleichen. Letztendlich war das aber ja auch nicht der Ansporn. Als ich mir im Jahr 2006 das Ziel „Weltmeister“ aufgeschrieben habe, da war das eine rein intrinsische Sache. Ich wollte das einfach schaffen, das – ausgehend vom damaligen Leistungsstand – Unmögliche möglich machen. Ein paar interessante Sachen, wie z. B. ein Werbefilm mit einem Automobilhersteller haben sich da schon ergeben im Nachgang des Erfolgs, aber natürlich nicht in dem riesigen Umfang. Es freut mich aber, dass ich den Rückmeldungen nach, zum einen wohl eine gute Werbung für unseren wundervollen Sport machen konnte, und zum anderen Menschen mit meiner Story motivieren konnte. Das habe ich ja dann auch häufiger mit meinen Vorträgen getan.

©Florian Reus 2015

Hdl: 2018 hast du deine Karriere als Leistungssportler beendet. Wie viel läufst du heute noch? Bist du noch Ultraläufer?

Flo: Ja klar, ich bin Ultraläufer aus Leidenschaft, das ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Was ich nicht mehr möchte, ist einem großen Ziel über so viele Jahre alternativlos hinterherzujagen. Im DLV-Nationalteam habe ich Großes erlebt und alles erreicht, so dass die Zeit für sich steht. Damals war natürlich der ganze Fokus auf die internationalen Meisterschaften und den Spartathlon ausgerichtet, so dass andere Varianten des Ultralaufs leider komplett auf der Strecke blieben. Ultramarathon ist so ein unwahrscheinlich facettenreicher Sport, so dass es da noch total viel zu entdecken und zu erleben gibt. Das betrifft zum einen natürlich das landschaftliche Erleben, wo eher das Genusslaufen im Vordergrund steht, aber auch spannende Herausforderungen. So möchte ich dieses Jahr beim 6-Tage-Lauf in Ungarn teilnehmen, sofern er stattfinden kann. Die Idee, so etwas mal auszuprobieren, um zu sehen was insbesondere mental nach weit mehr als 24 Stunden passiert, habe ich auch schon recht lange im Kopf. Für so etwas muss man sich dann natürlich schon auch gut vorbereiten.

Hdl: Wie hast du den Schalter vom Leistungssportler zum Hobbyläufer umlegen können? Hast du dich anfangs, was die Kilometerumfänge im Training betrifft, langsam runtergefahren?

Flo: Gut, Leistungs- oder Hobbyläufer sind natürlich etwas relative Abgrenzungen, was auch immer etwas von der Perspektive des Betrachters abhängt. In 2018 war ja noch die Europameisterschaft und der Spartathlon auf der Agenda gestanden, wobei da rückblickend gesehen im Training schon auch etwas die Luft draußen war und auch damals die Zeit für ein gutes Training gefehlt hat. Nach dem Spartathlon im Herbst habe ich dann auch tatsächlich mal komplett runtergefahren. Irgendwie hat das nach so vielen Jahren auch mal gut getan, sechs Wochen lang so gut wie gar nicht zu laufen. Ich habe mir da auch vorgenommen, mal zwölf Monate mit nur sehr geringem Trainingsumfang zu absolvieren. Den ein oder anderen Ultra, wie z. B. bei euch in Österreich den Mozart100, bin ich trotzdem gelaufen, der Körper verlernt ja nicht gleich alles. Seit Oktober letzten Jahres, also nachdem die zwölf „Regenerationsmonate“ vorbei waren, laufe ich wieder deutlich mehr. Es gibt abseits von internationalen Meisterschaften – wo ich den Spartathlon aufgrund des teilnehmenden Klientels indirekt auch mal mit dazu zähle – noch vieles zu entdecken.

Hdl: Heute bist du auch Trainer. Wie läuft das Coaching und wie viel Athleten lassen sich von dir beraten? Lebst du davon oder welchen Beruf übst du aus?

Flo: Eigentlich mache ich das mit den Coachings schon seit Ende des Jahres 2014. Zu der damaligen recht erfolgreichen Zeit haben mich viele Läufer kontaktiert, um nach Trainingstipps für die langen Strecken zu fragen und manchmal hat es sich ergeben, dass daraus unter der Hand ein Coaching über längerem Zeitraum entstand, was auch der Finanzierung meines Sportstudiums zuträglich war. Anscheinend war die Zufriedenheit recht hoch, denn durch persönliche Empfehlungen hat sich das nach und nach etwas ausgeweitet. Vor zwei Jahren habe ich das Angebot dann auch mal auf meiner Homepage platziert. Bis Ende letzten Jahres haben mir aber noch etwas die Kapazitäten gefehlt, so dass ich auch immer wieder mal Anfragen absagen musste. Mittlerweile mache ich nur noch eigene Projekte. Zum einen eben die Laufcoachings und dann habe ich noch ein ganz kleines Weingut gegründet, indem sich auch meine Laufstory widerspiegelt. Da handelt es sich aber um lediglich 0,4 Hektar, die ich bewirtschafte, was auch nicht deutlich mehr werden soll. Bevor der Fokus voll auf Sport gesetzt wurde, habe ich ja in der Weinbranche gearbeitet und es hat sich angeboten, die Idee mit dem Weinprojekt nach meiner läuferischen Umorientierung ebenfalls in die Tat umzusetzen. Ist natürlich schön, wenn man seine Leidenschaften auch beruflich nutzen kann. Bei den Laufcoachings bekommt man ja auch sehr viel in Form von Dankbarkeit der Sportler zurück und mit einigen hat sich da über Zeit auch eine Freundschaft entwickelt.

Hdl: 2019 wurdest du zum ersten Mal Vater. Wie läuft`s beim Windelwechseln und wie geht´s der jungen Familie?

Flo: Ja, das ist natürlich alles ganz toll. Wir sind sehr happy, dass wir die Kleine bei uns haben und das Windelwechseln nimmt man da doch sehr gerne in Kauf. Auffallend ist schon jetzt der ausgeprägte Bewegungsdrang – von wem sie das wohl hat?

©Florian Reus 2015

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