Dietmar Millonigs Sternstunde in Moskau

Text: Olaf Brockmann. Ein Beitrag aus der Reihe: “Was geschah am …?”

1. August 1980:

“Das Tor zur großen Welt aufgestoßen”

Moskau 1980 (58): Die Olympischen Spiele von Moskau brachten für Dietmar Millonig den ganz großen Durchbruch in die Weltspitze. Vor über 40 Jahren stand der Österreicher im 5000-m-Finale, in dem er eine „geradezu sensationelle Leistung“ bot, wie es auch Chefredakteur Heinz Vogel in der deutschen „Leichtathletik“ so treffend auf den Punkt gebracht hat. In dem von Miruts Yifter (Äthiopien) in 13:21,0 gewonnenen Rennen belegte Dietmar Millonig in neuer österreichischer Rekordzeit von 13:23,3 (13:23,25) den großartigen sechsten Platz, gerade einen Rang hinter seinem Schweizer Freund und Trainingskameraden Markus Ryffel (13:23,1).

Das Duo Ryffel und Millonig war praktisch im Gleichschritt ins Finale eingezogen, die beiden liefen im selben Vorlauf und im selben Zwischenlauf. Fast immer Schulter an Schulter. Im vierten Vorlauf stiegen Markus Ryffel als Sieger (13:45,0) und Dietmar Millonig als Vierter (13:45,7) auf, im zweiten Zwischenlauf kamen Markus Ryffel als Dritter (13:29,3) und Dietmar Millonig als Vierter (13:29,4) ins Finale. In diesem Zwischenlauf hatte Millonig mit 13:29,4 (13:29,35) bereits seinen ersten österreichischen Rekord in Moskau aufgestellt.

“Irrsinniges Selbstvertrauen aufgebaut”

Die Zeichen standen also gut für den Endlauf, in dem Millonig seinen Rekord noch einmal gleich um 6,1 Sekunden verbessern sollte! „Ich hatte irrsinniges Selbstvertrauen aufgebaut“, erinnert er sich, ein Selbstvertrauen, das er im Finale mit einer grandiosen Leistung auf die Bahn umsetzen konnte, „es war im Stadion sehr heiß, 30 Grad!“ Im Endlauf orientierte sich der damals 25-Jährige an Markus Ryffel, der schon internationale Erfolge (EM-Silber in Rom 1974, zwei Goldene bei Hallen-Europameisterschaften) aufzuweisen hatte und „immer eine gute Rennübersicht“ bewies. Das Duo lief gemeinsam in dem mit 100.000 Zuschauern ausverkauften Lenin-Stadion Runde für Runde, die Zwischenzeiten wurden mit 2:38,4 (1000 m), 5:22,0 (2000 m), 8:08,1 (3000 m) und 10:51,1 (4000 m) notiert. „Bei 3000 m hatte ich einmal kurz zur Zwischenzeit geblickt“, erinnert sich Millonig, der voll im Plan war und gut im Rennen lag!

Gerade den Doppelstartern über 5000 m und 10.000 m merkte man „deutlich die Strapazen der letzten Tage an“ (Manfred Steffny). Auch Miruts Yifter hatte zwei 10.000-m-Läufe und drei 5000-m-Rennen in den Beinen. Aber der kleine Miruts Yifter, der liebevoll titulierte „laufende Zwerg“, hatte auch über 5000 m genug Kraft für den Endspurt und holte sein zweites Gold. Wie Lasse Viren 1972 und 1976. Manfred Steffny: „Yifter zog wiederum knapp 300 m vor dem Ziel den Spurt als Erster an, aber nicht so feurig wie über 10.000 m, wo er mit 54,1 für die letzten 400 m und 39,2 für die letzten 300 m schneller war.“ Suleinam Nyambui aus Tansania kam noch einmal nahe an Yifter heran, dieser wehrte auch die letzte Attacke ab. Hinter dem überraschend starken Finnen Kaarlo Maaninka, der ein Jahr später zugab, vor Moskau Bluttransfusionen erhalten zu haben, und Eamonn Coghlan (Irland) folgten aber schon Markus Ryffel und Dietmar Millonig. Heinz Vogel, neben dem ich während der olympischen Leichtathletik auf der Pressetribüne saß, war von Markus Ryffel („Eine große Leistung!“) und Dietmar Millonig begeistert.

Foto: ©Votava

3000-m-Rekord steht heute noch

Auch im Rückblick auf seine große Karriere bleibt Moskau die große Sternstunde des Dietmar Millonig. „Es war mein absolutes Highlight, der Durchbruch an die Spitze. Damals habe ich das Tor zur großen Leichtathletik-Welt aufgestoßen! Das war letztlich nicht vorausehrbar. Jetzt aber war ich im Zirkus drin!“ Jetzt, nach Moskau, öffneten sich ihm alle Türen zu den großen Meetings, es war ja verdammt schwer, überhaupt in diese Meetings reinzukommen. Millonig nutzte die Gunst der Stunde. Schon 14 Tage später lief er in Lausanne über 3000 m als Zweiter hinter Eamonn Coghlan (7:41,57) in 7:43,66 Minuten einen neuen österreichischen Rekord. Dieser Rekord steht noch heute fest wie ein Felsen! Diese Bestmarke feiert am 15. August sein großes 40-Jahr-Jubläum. Das Tor zur großen weiten Welt also war aufgestoßen. Auch in den beiden folgenden Jahren nutzte Millonig seine Chance in Zürich, wo er mit 13:22,68 (1981) und 13:15,31 (1982) erneut österreichische Rekorde lief. Dieser, sein letzter 5000-m-Rekord wurde erst 23 (!) Jahre später von Günther Weidlinger auf 13:13,44 verbessert.

Millonig, bekanntlich dann Fünfter bei der EM in Athen 1982, Achter bei der WM in Helsinki 1983 und 3000-m-Hallen-Europameister von 1986, war seiner Zeit weit voraus. Er war ein Weltklasseläufer genauso wie die ebenfalls von seinem Bruder Hubert trainierten Mitstreiter Wolfgang Konrad und Robert Nemeth. Diese beiden hatten in Moskau Pech. Wolfgang Konrad scheiterte, wie hier kürzlich berichtet, chancenlos als Zehnter in 8:51,6 im Semifinale über 3000 m Hindernis, weil ihn eine Magenverstimmung extrem geschwächt hatte. Robert Nemeth schied in den 1500-m-Semifinals hauchdünn aus – als Gesamt-Zehnter in 3:40,8 Minuten nur um einen Rang hinter Jozef Plachy (Tschechoslowakei), der mit 3:40,4 gerade noch als Neunter und Letzter das Finale erreicht hatte.

Ergebnis des 5000-m-Endlaufs der Männer bei den Olympischen Spielen in Moskau, 1. August 1980:

1. Miruts Yifter (ETH) 13:21,02

2.Suleiman Nyambui (TAN) 13:21,63

3. Kaarlo Maaninka (FIN) 13:22,04

4. Eamon Coghlan (IRL) 13:22,85

5. Markus Ryffel (SUI) 13:23,16

6. Dietmar Millonig (AUT) 13:23,37

7. John Treacy (IRL) 13:23,78

8. Alexander Fedotkin (URS) 13:24,19

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