Doping im Freizeitsport?

von Dr.med.univ. Elisabeth Smolle

(Elisabeth ist in Facharztausbildung für Innere Medizin und Pulmonologie am LKH Univ. Klinikum Graz. Sie ist begeisterte Läuferin, absolviert Distanzen von 5 Kilometern bis zum Straßen- oder Bergmarathon. Dieser Artikel vermischt wissenschaftliche Erkenntnisse aus anerkannten Fachzeitschriften mit hochgradig subjektiven Gedanken der Autorin, und soll mit einem Körnchen Salz und einem Augenzwinkern gelesen werden.)

Liebe Leser!

Sicherlich habt ihr auch eine Meinung zum Thema Doping – sei es nun im Elite- oder im Freizeitsport. Es wird viel darüber geredet, noch mehr vermutet und spekuliert, aber auch viel kontrolliert. Seien wir uns ehrlich: wer weiß denn schon genau Bescheid? Da möglicherweise neue Methoden der unerlaubten Leistungssteigerung existieren, welche man mit Doping-Kontrollen (noch) nicht aufdecken kann, ist unbestritten, wie streng tatsächlich kontrolliert wird. Die World Anti Doping Agency (WADA) wurde im Jahr 1999 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins Leben gerufen, um die Anwendung illegaler Substanzen im Sport (=Doping) zu kontrollieren bzw. zu unterbinden. Jeder Sportler kann auf der entsprechenden Website alle illegalen Substanzen nachsehen. Somit ist es einfach, nachzulesen ob z.B. die Schmerztablette, welche man vor dem Marathon eingenommen hat, unter Doping fällt oder nicht. Unter dem Link „Medikamentenabfrage“ der NADA (Nationale Anti-Doping Agentur) Österreich – https://www.nada.at/de/medizin/medikamentenabfrage – könnt ihr euch jederzeit informieren. Interessanterweise fallen übrigens die gängigen Schmerzmittel (z.B. Ibuprofen, der „Klassiker“, wenn man trotz Schmerzen ins Rennen geht) nicht unter Doping. Es wird nämlich angenommen, dass der Athlet im gesunden und schmerzfreien Zustand zumindest dieselbe Leistung erbringen würde wie unter Schmerzen mit zusätzlicher Einnahme eines Analgetikums.

Liebe Leser, wie ihr wahrscheinlich wisst, gibt es viele verschiedene Doping-Möglichkeiten, je nach Sportart unterschiedliche, und auf alles einzugehen würde an dieser Stelle definitiv den Rahmen sprengen. Hier möchte ich ganz kurz das Wichtigste zum Thema „Doping im Hobby (Ausdauer-) Sport“ zusammenfassen. Zuallererst möchte ich festhalten, dass am meisten vermutlich beim sogenannten „Bodybuilding“ gedopt wird. Wie ich aus nicht besonders zuverlässiger Quelle weiß (oder wie man in Kreisen der Kraftsportler munkelt) – dopt hier beinahe jeder, der an Wettkämpfen teilnimmt. Ob das vor allem bei Männern der Fall ist, oder ob auch weibliche „Figure-Competitors“ auf „Stoff“ sind, sei dahingestellt. Nun aber zum Ausdauersport: Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann es durchaus auch im Hobby-Bereich vorkommen, dass man von der NADA im Ziel eines Wettkampfs kontrolliert wird. Ist mir auch schon passiert! Es reicht, an einer österreichischen Meisterschaft teilzunehmen, und schon steigt die Chance, dass man im Ziel von einem Vertreter der NADA abgepasst wird, der einem auf Schritt und Tritt folgt, bis man die geforderten 100 ml Urin zustande gebracht hat. Zudem muss man angeben, welche Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel man eingenommen (oder im Falle von Asthma-Sprays: inhaliert!) hat. Die Urinprobe wird zusammen mit den Angaben zu dem Athleten anonymisiert ausgewertet. D.h. der Analytiker der Urinprobe weiß, dass es sich z.B. um einen 29-jährigen Athleten der Disziplin „Long Distance Running“ handelt. (Interessant für mich: „Long Distance“ heißt hier 3000 m und alles was länger ist!) Sollte die Urinprobe einen auffälligen Befund ergeben, kann das Ergebnis natürlich zurückverfolgt werden. Aus meiner Sicht ist es nur sehr schwer möglich, bei der Doping Kontrolle zu „schummeln“. Z.B. einen „fremden“ Urin abzugeben – das würde schon gezielte „Vorbereitung“ bedeuten, da der NADA-Kontrolleur einen tatsächlich auf das WC begleitet. Unmöglich ist natürlich nichts – so könnte dem Athleten beispielsweise im Ziel über die Absperrung unbemerkt eine Zahnpastatube mit fremdem Urin zugesteckt werden, welcher dann rasch in der Tasche des Trainingsanzugs verschwindet… aber ganz ehrlich – im Hobby-Bereich hat das eh wenig Sinn (lieber ein paar harte Trainings mehr vor dem Wettkampf absolvieren, als sich so ein „Urin Backup“ zu organisieren). Und was die Elite-Athleten betrifft – die werden ja ohnehin viel, viel häufiger kontrolliert. Sie müssen sogar für beinahe alle Tage im Jahr angeben, an welchen Orten sie sich zu bestimmten Zeiten aufhalten – so kann ein Vertreter der NADA jederzeit „vorbeischauen“, und es werden nebst Urinproben auch Bluttests entnommen.

Und wie häufig ist nun tatsächlich der Abusus von unter Doping fallenden Substanzen im Hobbysport? Klar, ich weiß es nicht genau. Die Dunkelziffer ist sicherlich recht hoch. Aus Gesprächen mit anderen Hobbysportlern weiß ich, dass mit erlaubten Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln sehr viel „experimentiert“ wird. Das heißt aber noch lange nicht Doping! Wie oben bereits erwähnt, ist die Einnahme der meisten Schmerzmittel im Wettkampf ja erlaubt. Aber Achtung! Viele dieser sogenannten nichtsteroidalen Antiphlogistika (Ibuprofen = Seractil®, Diclofenac = Voltaren®, etc.) können die Nierenfunktion beeinträchtigen und zu Magenschleimhautentzündung bis hin zum blutenden Magen- oder Dünndarm-Geschwür führen. Ein harter Ausdauerwettkampf schlägt sich nun aber per se auf den Magen („Stress-Gastritis“), und die eventuelle Dehydratation, sowie der Muskelzerfall, der zu einem gewissen Grad bei starker Belastung fast immer stattfindet, schlägt sich kurzfristig ebenfalls auf die Nierenfunktion. Nimmt man nun zusätzlich z.B. Seractil® ein, so riskiert man ein akutes Nierenversagen oder eben ein Magengeschwür. (Ja, in der Notaufnahme sind mir auch schon junge Leute untergekommen, die nach einem Halbmarathon ein akutes Nierenversagen entwickelt haben!) So ein Ereignis ist insgesamt natürlich selten, kann aber eben doch vorkommen.

Anders verhält es sich mit den Asthmasprays: Diese sind – zumindest ab einer gewissen Dosierung, d.h. wenn ein bestimmter Grenzwert im Urin überschritten wird – nicht erlaubt und fallen somit unter Doping. Als angehende Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie weiß ich, dass niedergelassene Lungenfachärzte sehr häufig ein „Belastungs-induziertes Asthma“ bei Ausdauersportlern diagnostizieren. Vor allem bei Langläufern oder Eishockey-Spielern – hier haben wahrscheinlich mehr als die Hälfte die „Asthma-Diagnose“ picken, weil v.a. bei niedrigen Temperaturen der Einsatz von gewissen Sprays dem Athleten einen Vorteil verschafft. Denn: Wenn der Lungenfacharzt das Asthma „offiziell“ diagnostiziert hat, so gelten unter Umständen höhere Grenzwerte bei der Anwendung von Sultanol®, Berodual® und Co. Ich habe übrigens kein Asthma, und habe auch noch nie ein „Pumperl“ verwendet. Nicht einmal ausprobiert. Meine Meinung ist, dass diese Methoden überschätzt werden. Und außerdem macht man sich im Hobby-Bereich doch lächerlich: auf meinem im Vgl. zum Spitzensport doch recht „niedrigen“ Niveau habe ich es doch nicht nötig, unerlaubte Mittel einzusetzen, finde ich. Lieber mehr schlafen, weniger fortgehen und härter trainieren, um möglichst viel aus sich heraus zu holen. Schließlich geht es ja um die sprichwörtliche „goldene Ananas“, und es hängt nicht meine Karriere oder mein Einkommen von der erbrachten Leistung ab. Schmerzmittel habe ich schon ein paar Mal vor dem Wettkampf eingenommen, gebe ich zu. Ich wollte einfach trotzdem starten, auch wenn das Sprunggelenk geschmerzt hat. Es war dumm, ich weiß. Und nein, ich hab‘ glücklicherweise kein Nierenversagen und auch keine Gastritis bekommen 😉.

Was mir ein befreundeter Sportmediziner verraten hat: manche Radrennfahrer (oder auch Marathonläufer) wenden ja bekanntlich die „Saltin Methode / Saltin Diät“ vor einem längeren Wettkampf an. Das heißt, die Kohlenhydrat-Speicher werden in der Woche vor dem Wettkampf, z.B. von Montag bis Donnerstag, durch extrem kohenhydratarme Ernährung entleert, um sie dann von Freitag bis Samstag mit Kohlenhydrat-Exzessen (angeblich „zu mehr als 100%“) wieder aufzufüllen. Am Sonntag, Wettkampftag, ist man dann sozusagen vollgetankt wie ein Formel 1 Auto und kann seine maximale Leistung abrufen, so die Theorie. Bei Radrennfahrern wird dies angeblich sogar als Trainingsmethode angewandt, um die Fettverbrennung zu optimieren. D.h., dass es Teil der normalen Wettkampfvorbereitung bzw. des Trainings ist, hin und wieder auf „Low Carb“ zu machen, am nächsten Tag dann noch eine längere nüchtern-Einheit in der Früh anzuhängen, sodass man richtig „leer“ ist – und dann erst die Speicher wieder aufzuladen. Problem hierbei ist: Manche können nicht einschlafen, weil sie das „Low Carb“ nicht gewohnt sind. Die Gedanken kreisen um Nudeln, Pizza, Müsli,… der Magen knurrt, weil gedünsteter Fisch mit Gemüse nun mal nicht satt macht – v.a. wenn man Leistunssportler ist! Und daher wird mit Schlaftabletten „gedopt“. Es ist zwar kein besonders erholsamer Schlaf, wenn man Temesta®, Zolpidem® oder Halcion® eingeworfen hat – aber immer noch besser als die ganze Nacht wach zu liegen und an Gorgonzola-Gnocchi zu denken. (Schlaftabletten in dieser Anwendung fallen übrigens offiziell nicht unter Doping). Ich finde jedoch – solche Methoden sollte man im Hobbysport lieber bleiben lassen. Das ist schon irgendwie „verrückt“ – oder?

Andererseits… Schmerzmittel vor dem Wettkampf einzunehmen ist auch verrückt. Und diese extreme Begeisterung für „meinen“ Sport ist ja irgendwie auch… nun ja… nicht ganz normal.

Und zu guter Letzt: Ein paar Sätze zu „Epo“. Epo steht für Erythropoietin, ein Enzym das von den Nieren unter zellulärer Hypoxie ausgeschüttet wird, um das Knochenmark zur Bildung roter Blutkörperchen anzuregen. Das ist ein physiologischer Prozess, welchen sich viele Ausdauersportler – erlaubter Weise – beim Höhentraining zunutze machen. Illegal wird es allerdings, wenn man sich das Epo spritzt. Epoetin alfa, oder Aranesp® wird z.B bei Patienten eingesetzt, die aufgrund einer chronischen Nierenschwäche an Blutarmut / Anämie leiden. Oder z.B. bei Chemotherapie-bedingter Anämie in der Onkologie. Als das Epoetin alfa aufkam, war das erstmal „der Renner“, weil es durch die Doping-Kontrollen nicht erkannt wurde (es unterscheidet sich chemisch nur unwesentlich vom körpereigenen Erythropoietin). Nach einiger Zeit gelang es der WADA zum Glück, exogen zugeführtes Epo von dem körpereigenen in der Analyse auseinander zu halten. Und aus war der Traum vom „perfekten Doping“. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass viele Hobbysportler mit Epo herumtricksen… aber in einem Artikel über Laufsport und Doping darf ein Absatz über „Epo“ nicht fehlen, finde ich!

Liebe Leser, mich würde interessieren: was habt ihr zu diesem Thema zu sagen? Was wisst ihr aus Gesprächen mit anderen Sportlern / Läufern? Sind Schmerzmittel für euch ein Thema? Kennt ihr Elite-Sportler und habt ihr von deren Erfahrungen mit Doping-Kontrollen gehört? Habe ich etwas Wichtiges nicht angesprochen?

Ich würde mich über Feedback zu meinem Artikel freuen.

Eine verletzungsfreie Wettkampfvorbereitung wünscht euch,

Eure Liesl