Teil 102 (KW 22/2020): Elisabeth Niedereder

©Elisabeth Niedereder

Elisabeth Niedereder ist eine ehemalige erfolgreiche Mittelstreckenläuferin. Niedereder konnte in ihrer Laufbahn sehr viele Titel feiern. International war die heute 34-jährige Wahlwienerin mehrmals für Österreich am Start – auch beruflich ist sie dem Sport treu geblieben. Mehr dazu im Helden-Interview #102

Helden des Laufsports: Wann hast du mit dem „richtigen“ Laufen begonnen?

Elisabeth Niedereder: 1998 habe ich zum ersten Mal „Leichtathletik-Luft“ im Schulsport und bei der Sportunion Wels geschnuppert. 1999 habe ich ganz klassisch mit dem leichtathletischen Mehrkampf begonnen und dann aber schnell festgestellt, dass mir das Laufen am meisten liegt. In der Schülerklasse gab es damals nur 60 oder 800 Meter. Die Wahl ist mir nicht schwer gefallen. Im Jahr 2000 habe ich meinen ersten Meistertitel in der Klasse „Schüler“ über 800 Meter gewinnen können. Seit diesem Zeitpunkt war das Laufen für mich ein fixer Bestandteil in meinem Leben.

Deine große Zeit begann also im Jahr 2000. Bis 2015 konntest du auf der Mittelstrecke insgesamt 26 österreichische Meister- und Staatsmeistertitel feiern. Welche bleiben dir am meisten in Erinnerung?

Die größte Überraschung war für mich der Staatsmeistertitel über 1.500 Meter im Jahr 2008. Diese Strecke bin ich nie ernsthaft gelaufen und wurde von meinem damaligen Trainer überredet, mich zumindest 2008 vermehrt auf diese zu konzentrieren. Nachdem ich am Vortag den Titel über 800 Meter gewonnen hatte, war ich relativ entspannt und bin ohne Erwartungen in den 1.500- Meter-Lauf gegangen, welcher mit Andrea Mayr, Jennifer Wenth und einigen anderen Top-Läuferinnen wirklich gut besetzt war. Erst auf den letzten 30 Metern konnte ich den Lauf für mich entscheiden. Das war sicher einer meiner größten nationalen Erfolge. Interessanterweise bleiben einem aber oft nicht die Siege, sondern die zweiten und dritten Plätze in Erinnerung, da diese mehr Veränderung in einem auslösen als Siege. Sehr schön waren für mich auch die Staatsmeistertitel über 400 Meter, da ich diese Strecke auch nur „nebenbei“ gelaufen bin. Und natürlich bleibt mir mein Staatsmeistertitel über 800 Meter im Jahr 2004 sehr gut in Erinnerung, da dies mein erstes Jahr war, wo ich in der Allgemeinen Klasse gelaufen bin. Dieser Titel war deshalb so wertvoll, da es einer der ersten Titel war nach Stephanie Grafs Karriereende. Graf hatte zuvor über 800 Meter fast immer gewonnen.

Bleiben wir auf der Mittelstrecke, auf welche Bestzeiten bist du hier besonders stolz?

Meine 2:06 Minuten auf 800 Meter waren sicher die Zeit, für dich ich am härtesten arbeiten musste. Ich habe mich in meiner Jugend sehr rasch gesteigert, ab dem 18. Lebensjahr wurde es jedoch immer schwieriger und ich habe lange gebraucht um von 2:09 auf 2:08 und von 2:08 auf 2:07 Minuten zu kommen. Das war mentale Schwerstarbeit, vor allem, da ich oft nicht die richtige Unterstützung von meinen Trainern bekam und viel im Ausland nach Trainern „gesucht“ und dann auch dort trainiert habe. Der Erfolg, dann endlich mal unter 2:07 Minuten zu laufen, war sehr schön und diese Zeit habe ich mir damals auch ohne Trainer erarbeitet. Ich bin sicher mehr als drei­ßig­mal zwischen 2:07 Minuten und 2:09 Minuten gelaufen, aber eben nie darunter. 2:06 Minuten, also meine Bestzeit, kam dann bei einem kleinen Meeting am Wiener Cricketplatz Ende der Saison zustande – bei nicht perfekten Bedingungen und nicht auf der allerschnellsten Laufbahn. Das wertet die Zeit für mich persönlich vielleicht noch mehr auf.

Du durftest Österreich auch mehrmals international vertreten, was waren hier deine persönlichen Highlights?

Der vierte Platz bei den European Olympic Games im 1.500-Meter-Lauf in Baku war sicher eines der Highlights. Aber auch mein erster internationaler Einsatz bei den „EYOF“-Games (European Youth Olympic Games) in Murcia/Spanien war sicher ein emotionales Highlight, auch wenn ich dort nicht über die Vorläufe hinausgekommen bin. Bei der Team-EM war ein dritter Platz im 800-Meter-Lauf mein bestes Ergebnis.

Nach deiner Mittelstreckenkarriere läufst du jetzt, wie du selber sagst, „just for fun“. Wie sieht das dann bei dir aus?

Nachdem ich 2015 meine professionelle Laufbahn für mich persönlich beendet habe, wollte ich ein wenig Abstand von den klassischen Wettkämpfen und habe alles Mögliche ausprobiert. Diese Freiheit, einfach mal im Training das zu tun wollen, wonach mir ist, war mir wichtig. Und das hat sich natürlich auch in den Wettkämpfen widergespiegelt. Ich habe nach Ewigkeiten wieder mal einen Triathlon gemacht (2004 habe ich schon mal Triathlon-Luft geschnuppert), bin viele Hindernis-Läufe (OCR) gelaufen und habe diverse Straßenläufe über fünf Kilometer absolviert. Einige davon habe ich auch gewonnen und bin für mich persönlich gute Zeiten gelaufen (Nightrun – nicht offizielle fünf Kilometer in 16:46 Minuten zum Beispiel). Aber das war mir dann irgendwie auch wieder zu viel und ich wollte keinen „Wettkampfstress“ und persönlichen Erwartungsdruck mehr aufbauen. Außerdem hatte ich mit meiner eigenen Firma – “Tristyle” – auch viele berufliche Verpflichtungen. 2018 habe ich mich dann eigentlich entschieden, nur mehr dreimal pro Woche laufen zu gehen und keine Wettkämpfe mehr zu machen.

Dann wurde es doch wieder mehr…

Ja, im Herbst 2018 habe ich dann bei einem Lauftraining für die Adidas Runners zufällig einen Laufkollegen getroffen, der mir erzählt hat, dass er sich jetzt für den New York Marathon 2019 vorbereitet. Da ich selbst schon mal als Trainerin für einen Athleten in New York dabei war, kannte ich den Bewerb und dachte mir „Das wäre doch cool einfach so zum Spaß durch New York zu laufen“. Ja! Und seit diesem Tag hatte mich das Marathon-Fieber gepackt und ich begann mich für einige längere Bewerbe anzumelden. Gleich zu Beginn lief ich einen Halbmarathon beim Leopoldi Lauf im November 2018 in 01:23 Stunden, das gab mir Mut, dass mir die Langstrecke doch liegen könnte. Danach folgte eine Winterlaufserie mit Läufen über 14, 21 und 28 Kilometern und dann kam der Wings for Life-Run im Mai 2019, bei dem ich 45,2 Kilometer zurücklegte und den zweiten Platz in Wien und den neunten Platz international erreichen konnte. Da ich hier die Marathondistanz schon in unter drei Stunden durchging wusste ich, dass ich dies auch bei einem reinen Marathonlauf schaffen könnte. Aber was mir damals schon klar war: eine Langdistanz ist echt nichts für Anfänger! Und mein Körper musste sich von den kurzen Distanzen komplett umstellen. Die Energieversorgung stellte bei den Long Jogs anfangs das größte Problem dar. Auch meine relativ hohe Muskelmasse ist natürlich kein Vorteil für die Langdistanz, aber ich stellte nach und nach fest, wie sich mein Körper „umbaut“. Das ist schon eine sehr interessante Erfahrung, wenn man fast 20 Jahre nur kurze Strecken gelaufen ist und sich der Körper dann auf einmal „umpolt“. Spannend! Vor allem für meine Trainerkarriere ein sehr entscheidender Faktor, da ich nun wirklich vom Sprint bis zur Ultradistanz selbst Erfahrung gesammelt habe. Aber zurück zu der ursprünglichen Frage: Der „SUB3-Lauf“ gelang mir dann schlussendlich beim Berlin Marathon im September 2019, wo ich nach 02:57:12 Stunden ins Ziel kam. Dazwischen durfte ich noch bei der 50-Kilometer-WM in Brasov/Rumänien teilnehmen, wo wir mit dem Team den sensationellen dritten Platz erreichen konnte (hinter GB und den USA). Das war auch wieder mal eine tolle internationale Erfahrung! Rückblickend betrachtet waren es jedoch 2019 fast zu viele Bewerbe, denn fix geplant war nur New York im November 2019. Dann kam der Midnight Sun Marathon in Norwegen dazu, und anschließend qualifizierte ich mich für die 50-Kilometer-WM Anfang September und erst danach wurde ich zum Berlin Marathon eingeladen und konnte natürlich nicht absagen bei so einer tollen Strecke. Natürlich war das im September alles viel zu knapp für eine vollständige Regeneration. Denn die Regeneration ist bei Ultra-Distanzen wirklich extrem wichtig. Das ist mir auch heuer (2020) bewusst geworden, als ich mit meinem Trainingspartner die 120 Kilometer rund um den Neusiedlersee in Angriff genommen hatte. Geschafft haben wir es in 11:25 Stunden, die komplette Regeneration hat dann doch einige Tage gedauert.

Wie viel trainierst du heute und wie sah eine Trainingswoche in deiner Zeit als Leistungssportlerin aus?

Zurzeit trainiere ich fünf bis sechsmal pro Woche, ich tendiere eher zu fünfmal und dafür längere Distanzen, aber ich richte das auch sehr stark nach meinen beruflichen Terminen. Ich arbeite wirklich gerne und habe wie im Sport eine relativ hohe Toleranzgrenze, sodass ich oft gar nicht merke, wie wenig Zeit für mich selbst bleibt. Durch das Training nehme ich mir zumindest die wenigen Stunden Zeit für mich und bevorzuge auch deshalb meistens ein Training alleine oder mit meinem Hund. Im Leistungssport standen natürlich mehr Einheiten am Programm, aber hier muss angemerkt werden, dass es oft auch regenerative und ergänzende Trainings waren und im Nachhinein betrachtet hätten es auch weniger Einheiten getan. Das Minimum waren sieben Mal pro Woche, das Maximum, gelaufen im Trainingslager, war zwölf Mal. Aber die Wochenkilometer warten teilweise weniger, als ich jetzt zurücklege. Die Intensität war jedoch viel höher. Auch Technik, Schnelligkeit und Kraft hatten einen höheren Stellenwert. Davon profitiere ich jetzt noch.

Gibt es sportliche Ziele für die Zukunft?

Ja, und zwar die Marathonzeit deutlich zu verbessern und auch mal eine gute Halbmarathonzeit hinzuknallen. Jedoch stehen diese Ziele nicht so wie früher an erster Stelle in meinem Leben. Wenn es klappt freue ich mich, wenn nicht, bin ich mit dem bisher Erreichten auch mehr als zufrieden.

Sport scheint dein Leben zu bestimmen. Beruflich bist du ebenfalls beim Sport geblieben. Erzähl uns davon.

Mein Berufswunsch war immer Sportmedizinerin und 2004 begann ich direkt nach der Matura das Studium Humanmedizin. Leider war mein Zeitmanagement damals noch nicht so ausgefeilt und ich kam mit dem Umzug nach Wien, einem völlig neuen Lebensstil und dem Umstand, mit 19 Jahren alleine in einer Großstadt zu sein, nicht so schnell zurecht, wie es für dieses höchst aufwändige Studium UND eine Leistungssportkarriere im Mittelstreckenlauf notwendig gewesen wäre. Ich hätte mich entweder für ein Vollzeitstudium oder eine Sportkarriere entscheiden müssen, denn mit zwei Trainingseinheiten am Tag und dem großen Zeitaufwand konnte es auf Dauer nicht gut gehen. Um meinen Traumberuf trotzdem verwirklich zu können, hörte ich mich ein wenig um und kam schnell zu dem Entschluss, mit einem Studium der Sportwissenschaft auch die wesentlichen Tätigkeiten eines Sportmediziners ausüben zu können nämlich die Laktatdiagnostik und die Trainingsplanung, sowie das Fachwissen über sport- und trainingswissenschaftlich relevante Themen zu besitzen. Das Studium der Sportwissenschaft konnte ich neben meinem Training recht gut durchziehen und so baute ich langsam, aber sicher, mein eigenes Unternehmen auf. 2013 gründete ich die Firma “Tristyle” und seit 2015 habe ich einen Standort mitten im Zentrum. Bei “Tristyle” betreue ich vor allem Läufer, Triathleten und Radsportler, die mittels Laktattest und Trainingsplanung ihre persönlichen Ziele erreichen wollen. Zudem bieten wir auch klassische Personal Coachings, Trainingscamps, Ernährungsberatung und Schwimmtechniktraining an. Mein Team besteht aus ehemaligen Profis oder eigens an der “Tristyle Academy” ausgebildeten Trainern. Es macht mir wirklich sehr viel Spaß, mein Wissen an Interessierte weiterzugeben. Deshalb studiere ich zurzeit auch noch berufsbegleitend Klinische Ernährungsmedizin (Ende 2021), um auch in diesem Bereich meine Kunden noch besser betreuen zu können.

Welche Hobbys, außer das Laufen, hast du noch?

Sprachen lernen, Klavierspielen, Essen gehen, Auslandsreisen und einfach in der Natur zu sein, bevorzugt mit Freund und Hund.

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