Es passiert im Kopf – Ultra Running Teil 2

Liebe Leser!

Wie angekündigt, möchte ich heute kurz auf die mentalen Aspekte des Ultralaufens eingehen. Zur Erinnerung, als Ultraläufer wird jemand bezeichnet, der sich auf das Absolvieren von Distanzen jenseits der Marathondistanz (also größer 42,195 Kilometer) spezialisiert hat. Im Laufschritt, versteht sich. Erzählungen und Berichten von Ultraläufern zufolge spielt dabei „der Kopf“, die altbekannte mentale Stärke, eine mindestens so wichtige Rolle wie die körperliche Kondition.

Ein Ultraläufer macht während der vielen, vielen Stunden des Wettbewerbs (zum Beispiel: ein 100 Meilen Rennen) oft mehrere „Hochs“ und „Tiefs“ mit. Zu Beginn ist jeder noch voll Ambitionen. Die meisten Ultraläufer haben bereits den einen oder anderen Ultramarathon absolviert – entsprechend größer ist die Nervosität und Unsicherheit bei denjenigen, die sich zum ersten Mal auf eine so lange Distanz wagen. Könnt ihr euch noch an euren ersten Halbmarathon, an den ersten Marathon, erinnern? Ich stelle mir das Gefühl an der Startlinie bei einem 100 Meilen Bewerb ähnlich vor, allerdings wahrscheinlich noch ungleich aufregender. Dieses Bauchgefühl, etwas ganz Neues zu wagen, die Vorfreude, die Spannung wann es denn endlich losgeht. Die Minuten bis zum Start, die sich ewig dahin zu ziehen scheinen. Vielleicht kennt ihr das ja. Und natürlich der Gedanke, „hoffentlich schaffe ich das überhaupt“. Das Finishen, einfach nur ins Ziel zu kommen, egal mit welcher Zielzeit, ist ungleich wichtiger je länger die Distanz ist. Dieses Phänomen kennt man auch von kürzeren Distanzen: Rennt man 5 Kilometer, dann will gleich jemand wissen „in welcher Zeit?“, hat man aber einen Marathon absolviert, gilt schon allein das Finishen als beachtliche Leistung und die Frage nach der Zielzeit bleibt oft aus. Aber zurück zum Ultralaufen: Wie ich erfahren habe, kann es sein, dass man sich beispielsweise am Beginn eines Rennens für die ersten 20, 30 Kilometer sehr gut fühlt. Dann kommt das erste Tief: zum Beispiel weil einem bewusst wird, dass 30 Kilometer praktisch noch „gar nichts“ sind im Vergleich zu den 160 Kilometern (i.e. 100 Meilen), die es zu absolvieren gilt. Weil man jetzt schon bemerkt, dass man angestrengt ist. Weil es heiß ist (oder zu kalt), weil man zu schnell begonnen hat, oder weil jetzt schon das Knie schmerzt. Berichten zufolge muss man im Falle eines Tiefs, was bei Ultrabewerben im Verlauf des Rennens unvermeidlich kommt, mit mentalen Tricks arbeiten, um das Tief zu übertauchen. Eine kurze Gehpause einzulegen soll helfen, einen kleinen Snack zu sich nehmen, oder die Landschaft betrachten. Tatsächlich gibt es bei vielen Ultraläufen eine Cutoff Zeit, die ein relativ gemütliches Tempo erlaubt. Sprich, wenn man ein bestimmtes Rennen zu 50% im Wanderschritt und zu 50% im Joggingtempo zurücklegt, würde man dennoch rechtzeitig die Ziellinie passieren. Zum Thema Verpflegung: zumeist gibt es mehrere Labestationen („Aid Stations“) entlang der Strecke, etwa alle 30 Kilometer, oder auch in größeren oder geringeren Abständen, je nach Bewerb. Dort werden die Athleten von ihren „Crew“-Mitgliedern erwartet und mit ihren ganz persönlichen Snacks und Getränken versorgt. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass eine gastrointestinale Problematik, vor allem nach vielen Stunden und bei Hitze, der Grund für ein Tief ist. Ultraläufer, die sich übergeben müssen, die keinen Bissen mehr drin behalten können, sind keine Seltenheit. Hier wird es noch schwieriger, sich aus einem mentalen (in diesem Fall wohl auch: körperlichem) Tief wieder hochzurappeln. Schließlich ist die Sorge nun real, die Ziellinie nicht zu erreichen. Eventuell wird einem sogar zugeredet, jetzt aufzuhören. Did not finish – DNF. Diese drei Buchstaben liest man nicht gerne hinter seinem Namen in der Ergebnisliste. Aus medizinischer Sicht würde ich allerdings sagen, ist es durchaus oft sinnvoll und notwendig, Athleten zum DNF zu ermutigen. Elektrolytentgleisungen, oder ein akutes Nieren- oder Herzproblem während eines Ultrabewerbs sollten unbedingt vermieden werden. Dennoch soll es nicht selten vorkommen, dass ein Ultraläufer „at mile 60“ unter massiver körperlicher Erschöpfung leidet, sich übergibt, mehrere Minuten lang nicht einmal einen Schluck Wasser trinken kann – und dann nach etwa 20 Minuten Pause oder sogar nach einem Power Nap das Rennen fortsetzt und die letzten Stunden wieder ein „Hoch“ erlebt. Die Endorphine bzw. endogenen Opiate sind dafür zuständig: kommt der menschliche Körper an seine Leistungsgrenze, aber das Gehirn befielt (entscheidet), „jetzt geht es trotzdem weiter“, kann urplötzlich eine angenehme Euphorie einsetzen die den Athleten unter Umständen stundenlang, bis an die Ziellinie, begleitet.

Offenbar ist es genau diese Erfahrung, die viele Ultraläufer wieder und wieder machen wollen. Wie ein amerikanischer Ultraläufer es beschrieb: „This experience, to go through absolute low-points, and then all of a sudden to hit a runner’s high again – this is amazing. I absolutely love this.” (“Diese Erfahrung, durch ein Tief zu gehen, und dann plötzlich wieder ein Runner’s High zu erleben – das ist großartig. Ich liebe das.“)

Könnt ihr das nachvollziehen, oder habt ihr gar etwas Ähnliches schon erlebt?

Eure Liesl

Hier geht es zu Teil 1.

1 Kommentar zu „Es passiert im Kopf – Ultra Running Teil 2“

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