Ferner liefen …

#Kolumne

Corona scheint verflogen, auch am nahen Flughafen. Deshalb landen und starten dort nicht nur wieder Flugzeuge, es rennen auch wieder tausend Läuferinnen beim sommernächtlichen Eventlauf über das Rollfeld. Ganz unvirtuell und eher ohne Abstand. Ich trau mich zwar wegen einer beleidigten Wade kaum, einen schnellen Schritt zu machen, aber da ich gern im Dunklen unke, lass ich das Startgeld doch nicht verfallen. Und fünf Kilometer Joggen sollten die halbreparierten Muskelfasern schon aushalten.

Wenn die Pace wurscht ist, bleibt Zeit fürs Schauen, und die Werbebotschaften des Veranstalters – „Flughafen! Mitternacht! Lichter!“ – ergeben irgendwie Sinn. Musik beschallt das Start-Zielgelände und ringt selbst rhythmusfernen Zeitgenossen ein Wippen der Hüften oder ein Zucken der Zehen ab. Wer nicht vor Erschöpfung taumelt, sieht statt Sternen vor Augen vielleicht jene am Himmel. Und als Ziel eine Flutlichtinsel in der Dunkelheit vor sich zu haben hat schon fast was Transzendentales.

Start. Ganz hinten im Pulk gibt es niemanden, der wie von der Tarantel gestochen losstürmt. Man setzt sich eher gemächlich in Bewegung, ein herdentierartiger Aufbruch wie beim Almauftrieb. Und es wird viel geredet – die Gesprächsthemen reichen von Diskussionen über das Verhalten der Security bis zur Frage, warum Mann im Internet mit geschönten Profilbildern nach Dates sucht.

Was aber nicht heißt, dass jeder im Plaudertempo unterwegs ist. Einige, die schon nach ein paar Minuten Gehpausen machen, dürften sich nicht von vornherein für die „Walk“-Wertung angemeldet haben. Ohnehin ist der tapfere Kampf gegen die individuelle Leistungsgrenze völlig unabhängig vom Kilometerschnitt. Und er dauert: als der Sieger schon durchs Ziel läuft, ist der Besenwagen noch nicht mal bei der Hälfte der Strecke angelangt. Jetzt versteh ich auch, wie eine weitgehend laufferne Kollegin mal vor Jahren auf die Idee kam, mir für die Bewältigung des lokalen „Fünfkilometermarathons“ zu gratulieren. Passenderweise erhalte ich im Ziel sogar eine Finishermedaille – vom Gewicht her das Volkslaufäquivalent zu den extraschweren Olympiamedaillen von Tokio.

Einen Preis für einen simplen Dauerlauf (Rang 839) zu erhalten, finde ich ja eher eigenartig. Doch dann ruft jemand nicht weit vom Ziel die Rettung – ein Teilnehmer liegt regungslos am Boden. Während der Eventmoderator hundert Meter daneben brav gute Stimmung verbreitet, eilt die Organisatorin mit angsterfülltem Gesicht zum Rettungswagen. Ich schicke ein Stoßgebet in den Himmel. Da oben glänzen unbeirrt die Sterne. Was passiert ist, werde ich nicht erfahren.

Plötzlich scheint mir die Medaille gar nicht mehr so läppisch, weil überhaupt nicht selbstverständlich. Vielleicht hätte man noch den Rang eingravieren können: „Unter ferner liefen“. Denn eigentlich passt das doch für uns alle.

Sportliche Grüße, Herbert!

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