Fernsehsport

#Kolumne

Das Laufen kann ich gut abschalten. 

Wenn ein Teil des Gestells anhaltend schmerzt, dann geh ich halt nicht Laufen. In Wahrheit muss ich mich nicht mal groß bewegen. Aus Erfahrung weiß ich, dass meine sportlichen Aktivitäten von keinerlei körperlichem Drang angetrieben werden. Zu Fuß zum nächsten Supermarkt zu latschen, um eine Schokolade zu kaufen, reicht aus, um mein Bewegungsbedürfnis zu stillen. Die wahren Gründe für meine Sporttreiberei dürften nicht in meinem Körper zu finden sein.  

Und so eine Pause vom Laufen hat sogar erwünschte Nebenwirkungen: Wenn ich in der Früh aufwache, kann ich sofort normal gehen, weil die Waden nicht steif wie Gipsfüße sind. Am Abend kann ich gemeinsam mit anderen fernschauen, weil ich nicht übermüdet fünf Minuten nach dem Zurücklehnen einschlafe. Ich esse sogar eine Tafel Schokolade weniger pro Tag, weil ich nicht mal die theoretische Chance habe, sie wieder von den Hüften zu laufen.

Da frage ich mich, ob ich die Pause nicht zum Dauerzustand machen sollte.

„Olympia vertreibt so destruktive Gedanken“, sage ich mir und klinke mich in den Strom der Berichterstattung ein. Allerdings fühlt sich nach einigen Jahrzehnten das Betrachten der sportlichen Dramen etwas anders an als früher. Die Kameras und Interviews sind zwar mehr geworden, der Inhalt aber nicht: Siegen und Verlieren, Jubel und Enttäuschung. Und wenn ich zum tausendsten Mal höre, dass ein Sieger vor Freude strahlt, weil „der Druck endlich weg ist“, und ein Verlierer seinen Traum auf die „nächste olympische Chance in X Jahren“ verschiebt, dann werde ich den Eindruck nicht los, dass diese „Spiele“ todernst sind. Nicht mal die Reporter selbst, obwohl sie die Geschichten durch ihre Inszenierung erst erschaffen, bleiben verschont: Beim Skateboarden beteuert ein Kommentator einen ganzen Wettbewerb hindurch, wie olympiawürdig dieser Sport denn sei. Ironisch, wenn ein Funsport seinen Wert nun im Umhängen runder Metallscheiben zum Klang zu schnell abgespielter Hymnen sucht. Eine gigantische, fast verzweifelte Sublimierung ungestillter Sehnsucht nach menschlicher Anerkennung.

„Das ist nicht der große Motivationsboost“, denke ich mir und hol mir die Frustschokolade. Zumal ich vermute, dass jedes Meckern über andere mir eigentlich nur etwas über mich selbst erzählt.  

Wieder startet ein neuer Wettbewerb: Schwimmer springen ins Becken, als ginge es um ihr Leben. Doch dann fängt die Unterwasserkamera diesen einen Moment ein: direkt nach dem Eintauchen, wenn die Schwimmer schwere- und noch völlig anstrengungslos durch das Blau gleiten, geradezu gezwungen sind, innezuhalten, weil jede zusätzliche Bewegung nur Zeit kostet – ein ganz kurzer Moment, in dem alles im perfekten Gleichgewicht ist.

„Wie beim Laufen“, fällt mir ein, „zumindest meistens.“ Ich lege die Frustschokolade ungegessen wieder zurück.

Sportliche Grüße, Herbert!

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