Teil 41 (KW 13/2019): Florian Reus

Florian Reus war in den letzten Jahren der Dominator über die 24 Stunden. Nicht nur national, sondern auch international lief der Ultraläufer von Titel zu Titel. 2015 wurde der heute 35-jährige Würzburger in Italien Weltmeister. Florian ist der erste Weltmeister in unserer Interview-Serie und berichtet uns von seiner erfolgreichen Karriere und davon was jetzt kommt.

Helden des Laufsports: Hallo Flo, 2018 hast du deine unglaublich erfolgreiche Karriere als Ultraläufer beendet und gehst es jetzt etwas ruhiger an. Was war der ausschlaggebende Grund dafür?

Flo: Ganz Weg von meiner großen Leidenschaft Ultramarathon werde ich sicher nicht sein, aber ja, mit den Auftritten im Nationalteam bei internationalen Meisterschaften soll nun Schluss sein und damit einhergehend möchte ich es auch generell ruhiger angehen lassen. Prinzipiell war das eine Sache, die schon lange geplant war und ich selbst hatte den Entschluss schon im Jahr 2017 gefasst. Ultramarathon ist eine wundervolle Sportart mit wahnsinnig vielen verschiedenen Facetten und Ausprägungen. Dadurch, dass ich den Sport ja doch recht viele Jahre mit sehr hohen Ambitionen und damit verbunden auch mit einer starken Spezialisierung (in meinem Fall auf den 24-h-Lauf) ausübte, habe ich immer nur einen sehr kleinen Teil an diesen verschiedenen Rennen erleben dürfen. Ich glaube es gibt abseits von Meisterschaften auch für mich im Ultramarathon noch sehr viel zu entdecken – und dazu muss dann auch nicht immer der leistungssportliche Aspekt ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Die letzten 24-h-Läufe haben mir auch ein Stück weit gezeigt, dass ich da mal einen Tapetenwechsel brauche. Ich habe für mich einfach auch gespürt, dass ich von diesem „Kämpfen bis zum Umfallen“ doch schon ein wenig gesättigt bin. Und ja, wenn du deine eigentlichen Ziel schon erreicht hast, dann sind es rückblickend betrachtet doch auch mal diese ein, zwei Prozent Motivation, die halt dann irgendwo fehlen – habe ich zwar lange nicht so sehen wollen, aber das muss ich mir eingestehen.

Hdl: 2012 Silber, 2013 Bronze und 2015 dann die Krönung! Weltmeister in Turin/Italien über die 24 Stunden. Hast du im Vorfeld mit dem Titel spekuliert?

Flo: Die Weltmeisterschaft zu gewinnen war mein ganz großer Traum! Das einmal zu schaffen war über viele Jahre mein Antrieb, auch dann die Laufschuhe zu schnüren, wenn man mal nicht so wirklich Lust auf Laufen hatte. Nun ist es bei so einer langen Distanz sicherlich nicht sinnvoll, mit einem Platzierungsziel ins Rennen zu gehen. Ein Kilometerziel ist da deutlich zielführender, da man sich so mehr auf sein eigenes Rennen konzentrieren kann. Etwa vier Monate vor der Weltmeisterschaft bin ich in Taipeh / Taiwan mein wahrscheinlich spektakulärstes Rennen gelaufen. Damals lag ich nach 21 Stunden bei 244 Kilometern! Die letzten drei Stunden hat es dann leider nicht gereicht, aber ich war mir durch diese Erfahrung sicher, dass ich insbesondere beim Jahreshöhepunkt deutlich über 270 Kilometer drauf habe – und mit genau diesem Selbstverständnis bin ich nach Turin gereist. Als ich die Strecke mit einer scharfen Rampe vor Ort gesehen habe, war klar, dass dieses Ziel schon sehr ambitioniert ist. Dennoch habe ich mich dafür entschieden, bei meiner angestrebten Renntaktik zu bleiben. Heute wundere ich mich selbst über diese Selbstsicherheit, aber ich wusste damals einfach, dass ich in sehr guter Form bin.

Hdl: Wie verlief das Rennen aus deiner Sicht?

Flo: Das Rennen selbst war ein absolutes Wechselbad der Gefühle. Nach (zu) offensivem Beginn mit 50 Kilometer in vier Stunden und 100 Kilometern in 8:11 Stunden bin ich nach gut neun Stunden in eine heftige Krise gelaufen. Als Reaktion bin ich komplett von meinem Rennplan abgewichen und habe mir zum Ziel gesetzt, einfach so gut es geht, irgendwie die Runden abzuspulen. Mit der Zeit ging es mir auch wieder besser und ich lag ganz lange Zeit auf dem Platz vier. In dieser Phase habe ich eigentlich nichts anderes gemacht, als auf meine Chance „gewartet“. Mir war klar, dass es selbst dann, wenn nur einer der ersten drei sein Rennen durchbringt, wieder nicht langen wird. Aber dann wäre es halt so gewesen, für mich war in dieser Rennsituation vor allem wichtig, dass ich mir selbst nichts vorzuwerfen habe. Wie so oft bei einem 24-h-Lauf mussten dann tatsächlich die ersten drei Läufer in den Nachtstunden ihrem hohen Tempo Tribut zollen und aus dem Rennen aussteigen. So wurde ich innerhalb von kurzer Zeit tatsächlich an die Spitze vorgespült. So nah dran am großen Traum, waren die letzten acht Stunden wahrscheinlich die längsten Stunden meines Lebens. Mein zwischenzeitlich recht komfortabler Vorsprung wurde in den letzten Stunden immer kleiner und das Rennen hätte nicht mehr viel länger gehen dürfen, denn ich war wirklich auf der sprichwörtlichen „allerletzten Rille“ unterwegs.

Hdl: 24 Stunden im Kreis laufen! Mental eine sehr große Herausforderung, wie teilst du dir so ein Rennen ein bzw. an was denkt man da?

Flo: Es ist schon ganz gut, wenn man ein paar Zwischenziele hat. Bei mir sind das meist die Marken 50 Kilometer – 100 Kilometer – 12 h – 18 h. Auf dieser Basis war auch in der Regel mein Rennplan ausgerichtet, wobei es im letzten Drittel sowieso meist nur darum ging, sich irgendwie durchzuhangeln, so gut es eben gerade geht. Was das Denken betrifft, habe ich für mich herausgefunden, dass es eine Frage von Fokus und Konzentration ist. Früher war ich der Meinung, dass es gut ist, wenn man sich möglichst ablenkt, damit es nicht so monoton ist und man vielleicht auch die auftretende Erschöpfung nicht so wahrnimmt. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass man auf diese Weise eher in so eine Art Lethargie verfällt. Für mich ist es schon wichtig, auch geistig sehr präsent und einfach „on fire“ zu sein. Dementsprechend bin ich gedanklich auch die allermeister Zeit wirklich mit dem Rennen, oder allem was zumindest im weiteren Sinne mit dem Wettkampf zu tun hat, beschäftigt.

Hdl: Wie hat deine Vorbereitung auf dem Weg nach Turin ausgesehen. Wie trainiert man für so eine Distanz?

Flo: Eigentlich kann man fast sagen, dass meine Vorbereitung auf Turin ein Prozess von fast 1,5 Jahren gewesen war. In den Jahren 2012 und 2013 bin ich ja schon auf dem Treppchen gelandet, so dass ich natürlich schon darauf gehofft habe, 2015 ganz oben zu stehen. Noch dazu habe ich in meinem langfristigen Plan eigentlich die Jahre 2015 und 2016 immer als den Leistungszenit prognostiziert. Um mich noch weiter zu verbessern, wusste ich aber, dass ich auch auf den Unterdistanzen besser werden muss. Also habe ich mich zwischen dem Spartathlon 2013 und 2014 für ein Jahr von den ganz langen Ultras verabschiedet, um mich auf den kürzeren Strecken zu verbessern. Das war im Hinblick auf 2015 ein wichtiger Zwischenschritt. In der konkreten Vorbereitung lief es dann so ab, dass die längsten Läufe bis acht Wochen vor dem Zielwettkampf bei maximal 35 oder 40 Kilometern lagen. Mit den richtig langen Trainingsläufen über 50 oder 60 Kilometer habe ich dann eben erst acht Wochen vor dem 24-h-Lauf begonnen. Die Wochenkilometer lagen nun meist im Bereich von 180-200 Kilometern. Als nur noch drei Wochen Zeit waren, habe ich meine umfangreichste Vorbereitungswoche mit über 230 Kilometern gestartet, welche mit dem längsten Lauf der Vorbereitung über etwa 75 Kilometer abgeschlossen wurde.

Hdl: Neben dem WM-Titel hast du auch zahlreiche deutsche Meistertitel errungen und du konntest auch dreimal über den EM-Titel jubeln. Warum bist du so bärenstark über die 24 Stunden?

Flo: Ich denke ein wichtiger Aspekt war es gewesen, dass ich mich sehr stark spezialisiert habe. Klar, gab es viele andere Läufe, die mich auch gereizt hätten. Oftmals hatte ich damals Einladungen zu anderen Ultraläufen bekommen, die ich aber abgelehnt habe, um mein Ziel nicht zu gefährden. Überhaupt sind „Fokus“ und „Langfristigkeit“ auch zwei ganz wichtige Aspekte für den Erfolg gewesen. Ich hatte ein klar definiertes langfristiges Ziel und daraus hat sich der Weg dorthin ein Stück weit ergeben, denn mit jedem Lauf, mit jeder Vorbereitung, mit jedem Rückschlag habe ich dazu gelernt und den Kompass neu ausgerichtet. Gerade, was die Themen Geduld und mentale Stärke im Wettkampf betreffen, habe ich über die Jahre ziemlich viel dazugelernt – denn das ist die Grundvoraussetzung, wenn man gute Ergebnisse auf solch langen Strecken erzielen möchte.

Hdl: Was macht für dich die Faszination Ultralauf aus?

Flo: Ein wichtiger Aspekt ist auf jeden Fall die Gemeinschaft. Ich habe schon das Gefühl, dass Werten wie Fairness und Wertschätzung anderer Leistungen im Ultramarathon – auch trotz eigenem Ehrgeiz – eine größere Bedeutung im Vergleich mit anderen Sportarten zukommt. Darüber hinaus kann man im Ultralauf unfassbar tolle Momente und Emotionen erleben. Wenn man eine Strecke über weit mehr als 200 Kilometern mit allen Höhen und Tiefen eines solch langen Rennens bewältigt und dann auch noch sein persönliches Ziel erreicht hat, dann sind das wirklich einzigartige Augenblicke, die sich tief ins Herz einbrennen. Auch wenn der Ultralauf manchmal gnadenlos ist, ist er in der Lage, Momente zu schaffen, die auch Jahre später noch „gänsehautfördernd“ wirken. Wenn ich mich beim Spartathlon in der letzten Stunde vor dem Cut-off an die Zielgerade stelle und diese unfassbare Freude der Finisher sehe, dann zeigt mir das auch, dass dieses Erleben auch unabhängig von Zeit und Platzierung ist. Es geht stattdessen ganz allein darum, das persönlich gesteckte Ziel zu erreichen, noch dazu ist ja alleine schon das Finishen bei solch einem langen Lauf eine große Leistung. Genau dieses gemeinsame Erleben wirkt eben auch sehr verbindend unter den Sportlern.

Hdl: Kürzere Distanzen wie der Marathon (Bestzeit: 02:39h) waren für dich nie ein Thema?

Flo: Kein Thema will ich nicht sagen, aber sie waren halt immer „Mittel zum Zwecke“, um für den Ultralauf zu profitieren. Ultra hat mich einfach immer viel, viel mehr fasziniert. Viele Facetten, die mich am Ultralauf in den Bann ziehen, konnte ich bei den kürzeren Strecken nicht finden, gerade auch was die mentalen Aspekte betrifft. Ich finde zum Beispiel den Umgang mit Krisen im Wettkampf eine der spannendsten Herausforderungen. Bei einem 24-h-Lauf ist es einer der wichtigsten Fähigkeiten, Schwächeperioden – im schlimmsten Fall auch mal über mehrere Stunden andauernd – so zu gestalten, dass sich der Zeitverlust in Grenzen hält, um dennoch das persönliche Ziel in Reichweite zu behalten. Bei kurzen Strecken ist das anders, da versuche ich mein Tempo gleichmäßig zu halten. Ich kann mit aller Kraft dagegen halten, um nicht langsamer zu werden. Wenn ich dann doch das Tempo reduzieren muss, habe ich kaum mehr eine Chance wieder zurückzukommen. Genau diese Handlungsoptionen, die es für mich so spannend machen finde ich dort nicht.

Hdl: An was denkst du, wenn du „Spartathlon“ hörst?

Flo: Magisch, Wahnsinn, Gänsehaut! Der Spartathlon ist wirklich ein einmaliger Lauf und ein Mythos an sich. Das Flair das dort herrscht, gekoppelt mit der Geschichte des Laufs, findet man wahrscheinlich bei keinem anderen Rennen. Alleine schon der Zieleinlauf in Sparta, wo der Fuß der dortigen Leonidas-Statue das Ziel markiert, ist einmalig.
Meine eigene Geschichte beim Spartathlon ist ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft – zwei Mal Platz zwei und dann eben in 2015 der Coup. Aber ganz egal, ob als Erster oder als Letzter, der Spartathlon ist wirklich ein riesiges Erlebnis und nicht umsonst für viele Ultraläufer DAS sportliche Lebensziel.

Hdl: „Laufen ist doch schlecht für die Knie“. Diesen Satz hast du, wie die meisten Läufer, vermutlich schon öfter gehört. 😉 Was sagst du diesen Leuten?

Flo: Ja, solche Gespräche kommen mir schon durchaus bekannt vor, gerne werden solche kritischen Beiträge auch noch mit der Laufsuchtkeule untermauert. Ich versuche es differenziert zu bewerten. Nach dem Motto „alles kein Problem, was gesünderes als lange Ultramarathons zu laufen gibt es nicht“ zu argumentieren wäre wahrscheinlich genauso unsachlich wie der oben beschriebener Beispielsatz. Für mich ist vor allem die Frage des „Wie?“ entscheidend, was solche langen Wettkämpfe angeht. Gerade nach solch langen Rennen ist es schon wichtig, sich die Regenerationszeiten zu gönnen. Ein zu voller Wettkampfkalender wird mal ganz abgesehen von der Verletzungsgefahr auch nicht unbedingt zu möglichst guten Leistungen über einen langen Zeitraum führen. Wenn man es vernünftig angeht, glaube ich aber schon, dass man den Sport auch ohne Verschleiß lange betreiben kann. Man muss das auch immer alles ein Stück weit einordnen. Bei uns Sportlern fällt es vielleicht mehr auf, wenn mal eine Pause vonnöten ist, weil wir das ganze dann auch tatsächlich als Verletzung definieren. Viele Menschen bewegen sich so gut wie überhaupt nicht, da stört es für den Moment dann auch nicht so sehr, wenn die Orthopädie nicht belastungsfähig ist. Ob das langfristig jedoch der sinnvollere Weg ist sei dahingestellt.

Hdl: Was hast du jetzt nach deiner aktiven Karriere vor? Wie geht dein Leben nach dem Leistungssport weiter?

Flo: Ganz weg werde ich ja nicht sein, so wie schon beim Rücktritt aus dem Nationalteam angekündigt, werde ich auf nationaler Ebene schon auch bestimmt mal wieder an Deutschen Meisterschaften über 24h teilnehmen, auch wenn das dann vielleicht mit niedrigeren Leistungsambitionen abläuft. In 2019 soll es aber wirklich mal ein Jahr ohne diese brutal langen Rennen werden. Aber auch ansonsten wird es definitiv nicht langweilig werden. In den letzten gut zehn Jahren haben sich bei mir viele Ideen für eigene Projekte angesammelt, die ich neben den hohen Leistungsambitionen zurückgestellt habe. So bin ich zum einen dabei, ein Projekt im Kontext von Wein, meiner zweiten Leidenschaft, an den Start zu bringen. Zum anderen möchte ich der hohen Nachfrage nach Trainingstipps in den vergangenen Jahren mehr gerecht werden, indem ich meine Coachings ein wenig mehr ausweite. Es wird definitiv nicht langweilig, ich hätte nämlich auch sonst noch so manche Idee im Kopf 😉

Hdl: Wie verbringt ein Florian Reus seine Freizeit?

Flo: Ich bin auf jeden Fall total naturverbunden und liebe es draußen zu sein. Wandern ist da eben auch eine Aktivität die mir sehr viel Spaß macht, genauso wie die Arbeit in meinem Weinberg. Mir macht es einfach Spaß aktiv zu sein und so etwas, wie Langeweile kenne ich eigentlich auch überhaupt gar nicht. Dementsprechend besitze ich auch schon seit sieben Jahren bewusst keinen Fernseher und vermisse dabei auch nichts. Fußballinteressiert bin ich (leider) auch, was so manches Wochenende, als Fan des 1. FC Nürnbergs für schlechte Laune sorgt. Ansonsten versuche ich natürlich auch Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, denn das ist in den letzten Jahren phasenweise natürlich schon auch mal ein wenig zu kurz gekommen.

Hdl: Abschlussfrage bzw. Fragen! 1. Was wirst du am Leistungssport vermissen? 2. Was wirst du nicht vermissen?

Flo: Am ruhiger unterwegs sein werde ich diese Panik vor Erkältungen kurz vor einem Wettkampf am wenigsten vermissen. Im austrainierten Zustand ist man natürlich schon etwas anfälliger und dementsprechend ist die Angst nicht ganz unbegründet. Manchmal habe ich es da aber schon ein wenig übertrieben. Abgesehen von dieser Erkältungsangst ist es aber genau die Spannung und die Aufbruchstimmung, insbesondere bei internationalen Wettkämpfen, die ich vermissen werde.

Hdl: Danke und vielen Dank für das Gespräch!

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