Generationenlauf

#Kolumne

„Bäh! Die Turnlehrerin hat gesagt, wir müssen einmal in der Woche laufen gehen“, klagt die 13jährige.

„Mhm“, antworte ich.

„In der Schule laufen wir in Turnen höchstens 5 Minuten zum Aufwärmen. Wir sollen aber so eine halbe Stunde laufen. Das ist sooo langweilig.“

„Ich weiß“, bemühe ich mich, ihr recht zu geben. Dann ergänze ich in einem Anfall von Tollkühnheit: „Soll ich mit dir laufen gehen?“ Pause. Dann die überraschende Antwort: „Okay.“

Wie wecke ich bei einer Teenagerin die Freude am Laufen? Zahllose Artikel und Websites, Blogs und Bücher fallen mir ein, alle voller Tipps, wie man so mit dem Laufen anfängt, dass man nicht gleich wieder aufhört. Und meinen eigenen Senf nach jahrzehntelangem Laufen kann ich auch noch dazugeben. Allerdings reicht die Aufnahmebereitschaft des Gegenübers vermutlich höchstens für einen einzigen Tipp. Welcher ist da der Richtige? Gott sei Dank fällt er mir noch rechtzeitig ein: ich sage nichts.

Wir starten, ich zur Sicherheit immer einen halben Schritt hinter ihr – nur ja keine Pace vorgeben!  Natürlich läuft sie flott los – logisch, wir haben ja gesagt, wir „laufen“. Mit meiner Gurkerei im Fettverbrennungsbereich will sie sich nicht aufhalten. Versteh ich. Doch nach fünf Minuten zeigen zwölf Monate Corona-Normalität vor Handy, Fernseher und virtuellen Klassenzimmern Wirkung: sie schnauft wie ein Dampfross, und ihr Gesicht hat die Farbe eines reifen, roten Apfels. Ich murmle „wir können ruhig langsamer laufen“, doch gleichzeitig erinnere ich mich, wie ich als Kind mit meinem Vater laufen war, und wie sehr mich seine geriatrische Joggerei genervt hat. „Mach bitte einmal eine schnelle Bewegung“, machte ich mich damals über ihn lustig. Fast immer ohne Erfolg: eisern hielt er an seinem Zeitlupensport fest. Nur einmal ließ er sich von mir zu einem Wettrennen die Allee hinunter überreden. Ergebnis: Muskelfasereinriss.

Einen guten Kilometer hält sie ihr Tempo durch, dann wird sie schnell langsamer: „Können wir eine Pause machen?“ Immerhin: wir haben uns mehr als 10 Minuten bewegt, und wir sind in einem Minipark mit Froschteich angekommen. „Ein schöner Platz zum Umdrehen“, sage ich. Subtext: die Hälfte haben wir. Ihre Stimmung hebt das nicht, mit finsterer Miene schlurft sie um den Teich. „Laufen ist so langweilig“, wiederholt sie. Ich überlege, ob ich ihren Ehrgeiz anstacheln soll mit dem Hinweis, dass die Jungen eigentlich schneller sein sollten als die Alten? Besser nicht.

 „In der Schule rennen wir nur ganz kurz und schnell, das ist wenigstens lustig.“ Das bringt die Königsidee: „Weißt du was? Wir laufen jetzt ganz, ganz langsam, also im Spaziertempo, aber …“ „Was noch langsamer???“ „… ja, aber dafür machen wir zwischendurch drei Sprints!“ Ihre Miene hellt sich auf.

Am Rückweg joggen wir so langsam, dass uns flanierende Igel überholen könnten. Doch jeweils 50 Meter vor dem Osterstrauch, vor der Aussichtsbank und vor dem grünen Mistkübel zähle ich „Achtung, fertig, …“  und schon ist sie davon: wie ein Wirbelwind läuft sie mit langen Schritten und hohen Armen, die Haare flattern gestreckt hinter ihr wie eine Fahne im Sturm. Ich sprinte ihr nach, habe aber keine Chance, ihr nachzukommen. Alles in Ordnung: Die Jungen sind immer noch schneller als die Alten.  

Nach dem Lauf fragt sie: „Das machen wir wieder, oder?“ Ein bisschen stolz macht mich das schon: „Ja sicher!“

Sportliche Grüße, Herbert!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.