Jan Kerkmann: „Ich habe bis zu 210 Trainingskilometer pro Woche absolviert“

Jan Kerkmann lief beim TSVE-Trackmeeting eine Zeit von 15:46,28 Minuten über die 5.000 m. Der 28-jährige Bielefelder hat auf dieser Distanz, vor allem aber auf der Bahn, ziemlich wenig Erfahrung – Kerkmann ist Spezialist für die Marathon und Ultradistanzen.

Foto: ©Jan Kerkmann

Helden des Laufsports: Wie verlief das Rennen aus deiner Sicht?

Jan Kerkmann: Das war ein ausgesprochen lehrreiches Rennen! Die Zeit ist wahrlich nicht ehrfurchtgebietend, doch musste ich erst einmal die bei den bisherigen Bahnrennen bestehende, mentale Limitation der 16-Minuten-Marke auch physisch überwinden. Rückblickend hat sich bei mir die Einschätzung zementiert, dass ich das Rennen zu defensiv angegangen bin; flankiert von einer Einteilungsintention, die mir von den langen Distanzen her vertraut ist. Florian Bochert, der den Wettkampf schließlich mit einem furiosen Schlussspurt für sich entscheiden konnte, schlug allerdings schon zu Beginn ein sehr hohes Tempo an, sodass es wahrscheinlich klug war, ihm nicht zu folgen. Ich war selbst etwas überrascht, dass ich nach ca. 3.500 m die Führung übernehmen konnte. Während des gesamten Rennens hatte ich den Eindruck, das Tempo konstant halten und länger als 5000 m perpetuieren zu können. Wie mir hinterher von mehreren erfahrenen 5000-m-Läufern mitgeteilt wurde, sollte ebenjene Empfindungsqualität gerade nicht aufkommen, da die individuelle Belastungsgrenze dergestalt nicht ausgeschöpft wird. Wenn ich es etwas lakonisch ausdrücken darf: Offenbar muss man sich auf den 5000 m von Anfang an in eine krisenhafte Verfassung begeben. Obzwar ich auf den letzten 100 Metern noch von meinen Vereinskollegen Florian Bochert und Patrick Böhme überholt wurde, bin ich froh, der für mich durchaus signifikanten Wegmarke einer 15er-Zeit auf der Bahn eine dokumentierte Wirklichkeitsbedeutung verliehen zu haben. Für meine 5-km-Bestzeit auf der Straße (15:38min) musste ich weit mehr Anstrengungsgehalte investieren, sodass sich die positiven Aspekte des Bahnuntergrundes und der kompetitiven Einbindung anderer Läufer bemerkbar gemacht haben.

Auf Facebook hast du geschrieben, dass du dich mit dem Jan Fitschens Video von Göteborg 2006 motiviert hast, machst du das vor jedem Rennen?

Das Video ist unvergleichlich motivierend, besonders während der mitreißenden letzten Runde, als sich die Stimmen der Kommentatoren überschlagen und Fitschen auf den finalen 200 Metern ungeahnte Kräfte freizusetzen vermag. Das Video schaue ich mir eher ungeplant einige Male im Jahr an. Vor längeren Wettkämpfen wie z.B. dem Ultramarathon in Rodgau setze ich mich vornehmlich mit der Streckenführung und den Vorjahresergebnissen auseinander.

Hast du in dieser kuriosen Corona-Saison noch weitere Wettkämpfe absolvieren können?

Tatsächlich habe ich nach dem 50-km-Ultramarathon in Rodgau und dem in jedem Februar fest eingeplanten Baukastenmarathon in Bad Salzuflen noch insgesamt sechs weitere Wettkämpfe absolvieren können, wobei zwei von ihnen in virtueller Form ausgetragen wurden. Neben dem imaginären Salzkotten-Marathon, den ich in Freiburg bestritt und in einer Zeit von 02:34 Stunden abschloss, nahm ich im Juni an der virtuellen Variante der Nacht von Borgholzhausen (füng Kilometer) teil. Wenig zufriedenstellend verlief der erste reale Wettkampf des Spätsommers. Beim Marathon in Bremerhaven fand ich von Anfang an keinen förderlichen und gleichmäßigen Rhythmus. Diese Negativerfahrung bildete ein Novum auf der Marathondistanz. Daher entschied ich mich sehr früh dafür, den zweiten Platz abzusichern. Im Rahmen meiner langen Vorbereitungsläufe hatte ich mich an einer ähnlichen Geschwindigkeit orientiert. Das Ziel erreichte ich nach 02:36 Stunden. Dennoch durfte ich es als sinnstiftende Positivität würdigen, wieder einmal einen ‚echten‘ Laufwettkampf zu erleben! Als dann startete ich im September beim „Kleinen Enni-Schlossparklauf“ in Moers (fünf Kilometer). Der Wettkampf war vorzüglich organisiert und konnte durchaus als erstes Hoffnungszeichen für künftige Veranstaltungen gewertet werden. Nicht zuletzt hatte ich noch vor dem TSVE-Trackmeeting das Glück, Anfang Oktober an der Premiere des Südwestzipfel-Laufes in Grenzach-Wyhlen partizipieren zu dürfen. Meines Erachtens gebührt den Veranstaltern für ihren Mut, ihre Umsicht und ihren Enthusiasmus große Anerkennung.

Wie viel hast du in den letzten Wochen und Monaten trainiert?

Da ich fest mit einem Herbstmarathon rechnete (und mir das Laufen nach wie vor eine inkommensurable Freude bereitete), habe ich in den Spitzenwochen 190 bis 210 Kilometer trainiert. Insgesamt besaß das Training in dieser Saison einen wandlungsreichen Charakter, weil ich im Grunde drei verschiedene Ansätze erprobte. Vor dem Ultramarathon im Januar und bis April befolgte ich das System, das sich auch in der Vorbereitung auf den Frankfurt-Marathon 2019 bewährt hatte: Neben zwei wöchentlichen Tempoeinheiten, die zumeist aus kilometerreichen Tempodauerläufen bestanden, bestritt ich am Wochenende einen langen Lauf, der recht langsam vollzogen wurde und einen Gesamtumfang zwischen 40 bis 48 Kilometer aufwies. In zeitlicher Hinsicht transzendierten diese Einheiten die Drei-Stunden-Marke. Im April modifizierte ich das Training und begann damit, den langen Lauf in einem für meine Verhältnisse hohen Durchschnittstempo (etwa 3:40 bis 3:45min/km) zu bestreiten. Außerdem kürzte ich diese Einheit auf etwa 32 bis 38 Kilometer. Zusätzlich versuchte ich, auch die normalen Dauerläufe allesamt in einem fordernden Tempo umzusetzen. Dafür lief ich überhaupt keine VO2max-Intervalle und favorisierte stattdessen Einheiten im Schwellenbereich. Resümierend muss ich selbstkritisch anmerken, dass diese Trainingsgestaltung ebenjenem ausgleichenden Paradigma entspricht, das viele ambitionierte Läuferinnen und Läufer ausdrücklich zu vermeiden suchen: Im Grunde habe ich in der Phase von April bis Ende August weder richtig schnell noch richtig langsam trainiert. Gleichwohl weiß ich, dass viele Spitzenathleten darauf schwören, den langen Lauf möglichst zeiteffizient zu bewältigen. Indes drängt sich mir die keineswegs zu verallgemeinernde Schlussfolgerung auf, dass ich aufgrund der verringerten Zeitdauer von diesem Trainingstypus nicht profitieren kann, wenn ich nicht zusätzlich einen langsamen langen Lauf in den Wochenablauf integriere. Seit Anfang September habe ich den Schwerpunkt auf die Bahnintervalle verlagert. Nun tragen die normalen Dauerläufe zumeist ein regeneratives Gepräge.

Welche Pläne und Ziele hast du für die neue Saison 2021?

Da mir das Laufen auf der Bahn immensen Spaß bereitet hat und mir aktuell auch das – lange Zeit in den Hintergrund der Trainingsplanung gerückte – intensive Intervalltraining sehr gefällt, möchte ich den Fokus in der nächsten Saison auf die 5-km- und 10-km-Distanz legen. Leider bilden die Monate April/Mail stets die Hauptphasen meiner Pollenallergie, weswegen eine Bahnsaison für mich mit Schwierigkeiten verbunden ist. Allerdings hoffe ich, 2021 etwas zu meinen läuferischen Anfängen zurückkehren zu können; dergestalt, dass ich vermehrt bei kleineren Volks- und Straßenläufen in der Region zu starten gedenke. Da ich meine (Lebens-) Ziele im Marathon und im 50-km-Lauf mit Zeiten unter 02:30 Stunden respektive unter drei Stunden erreicht habe, würde ich innerhalb der kommenden zwei Jahre gerne eine 31er-Zeit auf der 10-km-Distanz realisieren. Hinsichtlich der 5.000-m-Strecke wäre ich sehr glücklich, könnte ich mich in Richtung 15:10 bis 15:20 Minuten weiterentwickeln.

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