Läufst du auch so langsam wie Eliud Kipchoge?

#Kolumne

Ein schneller Weg, um die Echokammern der beiden gängigsten Hirne, jenes der „more of the same“-Algorithmen im Web und das im eigenen Schädel, zu verlassen: Triff ein Kind.

Die Siebenjährige bemerkt, dass ich mir eine Wiederholung aus der Prater Hauptallee vom 12. Oktober 2019 ansehe: Bejubelt von Tausenden eilt Eliud Kipchoge inmitten eines Geschwaders von Pacemakern zur ersten Marathonzeit unter 2 Stunden. Nicht trottend, schlurfend oder humpelnd wie wir Amateure am letzten Kilometer, sondern federnd, springend, schwebend. Wie eine Friedenstaube mit Düsenantrieb fliegt die weiße Funktionskleidung mitsamt Sportler Richtung Ziel. „Fast genau das mach ich auch“, sage ich zur Siebenjährigen und hoffe auf eine anerkennende Reaktion. Sie zeigt auf den schnellsten Marathonläufer der Geschichte und fragt: „Wieso läuft der so langsam?“

´LANGSAM?´ protestiere ich innerlich. Wieso findet die das langsam? Da muss ich wohl was richtigstellen! Doch wie vermittelt man einem Kind einen Kilometerschnitt von 2 Minuten und 50 Sekunden, oder 100 Meter in 17 Sekunden, 422 Mal? „Schau mal, der ist genauso schnell wie der Radfahrer da hinter ihm!“ „Der tretet ja gar nicht.“ „Schau mal, man kann kaum mitlesen, was auf den Werbeplakaten steht, so schnell ist er!“ „Ich kann das lesen, da steht S und 1 und O und 5 und …“ „Der läuft schneller als du die Straße hinunter, und das 1000 Mal ohne Pause!“ „Machen wir ein Wettrennen?“

Na gut, wenn sie es dann kapiert. „Achtung, fertig, Feuer …“, und sie ist schon losgesprintet. Unaufgewärmt komm ich kaum nach und näher nur mit Zwicken im Oberschenkel. Gewinnen lass ich sie auch noch. Und versuche es ein letztes Mal: „Schau: so schnell wie du gerade gelaufen bist, läuft der Mann in Wien 11 SpongeBob-Folgen lang!“ Sie denkt nach und sagt: „Das ist doch unlogisch: Du rennst so oft und ich gar nicht, und trotzdem gewinn ich!“

Ich gebe auf: „Ich geh jetzt laufen.“ Das Kind weiß zwar, wieso Menschen rennen – „Ein Schmetterling!“ „Der schwarze Hund!“ „Die Mama!“ – aber Dauerlaufen erscheint ihr so sinnvoll wie sich den Schokomund mit einer Serviette abzuwischen statt mit dem eigenen Leiberl. „Machst du jetzt das Gleiche wie der Mann in Wien?“ fragt sie skeptisch. „So was Ähnliches“, murmle ich.

Ich jogge los und grüble die erste halbe Stunde über der Frage, wo genau der Übergang von angeborener Bewegungsform zur erlernten Kulturtechnik sein könnte. Noch vor einem etwaigen Erkenntnisgewinn fällt mir ein, dass ich doch auch richtig rennen kann. Reste des kindlichen Sprints kennt nämlich sogar der erwachsene Dauerläufer: sie nennen sich Steigerungsläufe. Da diese wie ich vermute nicht den Sehgewohnheiten der Spaziergänger entsprechen, warte ich auf eine einsame Asphaltgerade, an der ich mich unbeobachtet fühle. Dort geht´s dann los: Gewicht nach vorn, Knie heran und Fersen hoch, schneller und schneller werden, und noch bevor es anfängt wehzutun oder die Lunge mitbekommt, dass sie mehr Luft schnappen muss, schon wieder austrudeln lassen. Die ersten Male sind noch vorsichtig, die Beine machen ja sonst nur halbe Schritte. Doch beim vierten oder fünften Mal kapieren sie es und laufen wie losgelassen, ohne Anstrengung, ohne Widerstand. Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, und ich renne wie ein Kind. Nein, nicht wie ein Kind: in diesem Moment bin ich ein Kind.

Zurück treffe ich im Park die Siebenjährige, die wie ein Frosch von einem Stein zum nächsten hüpft. „Und, bist du so gelaufen wie der Mann in Wien?“ fragt sie. Ich lache und antworte: „Viel, viel schneller!“ Sie lacht zurück.

Sportliche Grüße, Herbert!

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