Laufen als Ausgleich zur unerträglichen Bequemlichkeit des modernen Lebensstils

Liebe Leser!

Ich verrate euch jetzt mal etwas, und zwar einen wichtigen Grund, warum man Sport treiben sollte: Es ist ja nicht auszuhalten, wie wenig man sich heutzutage eigentlich anstrengen muss, um seinen ganz normalen Alltag zu bewältigen. Das ist ur-langweilig, behaupte ich.

Wir sind mit so viel Komfort umgeben, dass es schon fast weh tut! Dabei ist meiner Ansicht nach gar nicht so sehr der Komfort das Problem, sondern vielmehr die Tatsache, dass wir ihn einfach nicht mehr zu schätzen wissen. Stellt euch mal vor, ihr würdet im Winter wie in früheren Zeiten in einer einfachen Hütte leben, wo der kalte Wind durch die Lücken in der Ziegelwand pfeift. Damit nicht die ganze Familie bibbert, muss man raus um Holz zu holen, dann den Ofen anfachen, und wenn man es richtig macht, ist es bald gemütlich warm in der Stube und alle versammeln sich glücklich ums Kaminfeuer und sind einfach nur froh, dass es jetzt nicht mehr so eisig ist.

Das nenne ich Zufriedenheit!

Und heute? Jeder Innenraum ist beheizt, wir haben außerdem Sitzheizung im Auto (Standheizung sogar – damit man nicht einmal in den ersten paar Minuten frieren muss wenn man sich morgens ins Auto setzt), Thermo-Unterwäsche, Whirlpools, Sauna,… Und außerdem: Wenn man im Winter nicht rausgehen möchte, dann kann man die Wegstrecken unter freiem Himmel auf ein absolutes Minimum reduzieren! Siehe Auto, Bus, Fitnessstudios, Hallenbäder etc. Nicht, dass das irgendwie schlecht ist, bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin auch manchmal ziemlich erfroren und verhalte mich dann laut meiner besseren Hälfte wie die größte Diva, weil mir 20 Grad Raumtempertur zu wenig sind.

Allerdings kann ich den ganzen Schnickschnack besser wertschätzen, weil ich fast jeden Tag bei jedem Wetter draußen meine Runden drehe, und dabei ein bisschen ins Schnaufen, ins Schwitzen oder auch ins Frieren komme. Ich sage euch, es gibt nichts Schöneres, als sich ein bisschen anzustrengen, und mal rauszukommen aus der Komfortzone! Man weiß dann andere Dinge viel mehr zu schätzen. Zum Beispiel: Wenn ich bei Minusgraden draußen herumrenne, dann fühle ich mich irgendwann wie ein leicht verschwitzter Eiszapfen (ja, das geht!). Nach weiteren 20-30 Minuten ist das Gefühl in den Fingern mitunter kaum mehr vorhanden – ABER ich konzentriere mich dann auf die schönen Dinge, die mir in dieser Situation bleiben, und zwar auf die tolle landschaftliche Kulisse, den Sonnenaufgang oder auch den Gedanken an die heiße Dusche danach. Es gibt für mich nichts Besseres, als nach einem solchen “Eiszapfen-Lauf” nach Hause zu kommen, meinem Schatz einen eiskalten Kuss zu geben und ab unter die heiße Dusche zu springen. Danach kann ich alles dreimal so sehr schätzen, was die heutige Zeit uns beschert. Den Wasserkocher, der mir in weniger als 1 Minute einen Liter Wasser zum kochen bringt. Die Kaffeemaschine, und natürlich das Frühstück!

Ich finde, es ist richtig langweilig, einfach nur aufzustehen, heiß zu duschen, zu frühstücken und zur Arbeit zu fahren. Weil man dann immer verwöhnter wird, und über jede Kleinigkeit zu motzen anfängt. Zum Beispiel, wenn im Radio nicht gerade das richtige Lied gespielt wird, oder wenn im Stau nichts weiter geht. Oder wenn nicht die Lieblings-Teesorte im Haus ist, oder das Wasser beim Duschen so lange braucht bis es warm ist.

Nein Danke, das brauche ich nicht!

Ich motze natürlich auch mal ganz gern auf hohem Niveau (wie ihr aus meinen Kolumnen ja wisst) – aber ich bemühe mich, für alle Dinge dankbar zu sein, die auf anderen Teilen der Erde nicht so selbstverständlich sind, und auch vor 150 Jahren nicht selbstverständlich waren.

Dadurch bin ich ein glücklicherer Mensch. Und deshalb schnaufe ich und friere, und renne auch im Winter sinnlos draußen herum. 😉

Eure Liesl