Laufurlaub

#Kolumne

Was für ein Ort zum Laufen, denke ich, während ich darauf warte, dass der espresso doppio noch ein bisserl abkühlt.

In der Morgensonne glänzen steile Bergwände wie riesige Klingen frühgeschichtlicher Waffen, doch weil hellgrüne Buchenwälder sie umrahmen, wirken sie nicht gefährlich, sondern sehen eher aus wie riesige Ausstellungsstücke auf grünem Samt. Wanderwege ziehen sich durch die Landschaft, über die ich kilometerweit auf und ab laufen könnte. Am Ende würde ich an Latschen und Almen vorbei ganz hinauf gelangen; dann könnte ich glücklich verschwitzt hinunter auf den blauen See und die terrakottafarbenen Dächer der Häuser blicken.

Ich könnte auch in der Früh durch den Ort laufen, an Zypressen und Oleandersträuchern vorbei, in friedlicher Ruhe, zumindest so lange bis mir das plötzliche Läuten der jahrhundertealten Wachturmglocke die Trommelfelle durchdehnt. Dann lauf ich weiter in die Weinberge, hau mich zwischendurch unter die Reben und warte, ob mir ein paar Trauben in den Mund fallen. Sicher kann es hier ein bisserl heiß werden, aber was soll´s, in dem Fall würde ich zum See runterlaufen, die Laufschuhe unter eine Palme stellen und ins Wasser hüpfen.

Oder ich laufe erst in der einsetzenden Dunkelheit, durch die erleuchtete Altstadt, mitten unter den Verliebten und Verlorenen, den Touristen und den Hiesigen, erfrischt vom einsetzenden Nordwind oder auch einem kurzen Sommergewitter. Wenn ich nicht zu streng rieche, könnte ich dabei sogar noch einkaufen.

Nach so einer Woche wäre ich so viele Lauferlebnisse reicher, hätte so viel zu erzählen und so viel mehr Kondition.

Der espresso doppio hat jetzt sicher die richtige Temperatur.

Eine andere Möglichkeit gäbe es auch noch: Ich könnte statt eines Laufurlaubs einen Urlaub vom Laufen machen. Die Laufschuhe gar nicht auspacken. Nichts zu erzählen haben, dafür den diversen Wehwehchen beim Jammern zuhören, so lange bis sie damit fertig sind und verstummen. Die Frage der Kondition vom Wind verwehen lassen.

Dann würde ich einfach hier sitzen bleiben, mitten in der Altstadt, über mir der Berg, hinter mir die Weinberge, und vor mir der See. Bis die Laternen angehen.

Das mach ich, beschließe ich. Und nehme einen Schluck vom espresso doppio.

Sportliche Grüße, Herbert!

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