Letzte Ausfahrt Fahrrad

#Kolumne

Und wieder zwickt was.

Brav gelockert, gedehnt, gekräftigt, und trotzdem gibt die Wade auf.

Nicht einmal mit einem Stich beim zu schnellen Sprint oder zu ehrgeizigen Intervall. Nein, sie wartet höflich wie jemand, der sich ganz hinten in der Reihe anstellt, obwohl es dringend ist. Kurz vor Ladenschluss, lange nach ein paar ein bisserl flotter überquerten Hügeln, meldet sie sich dann – nur um sich vom Dienst abzumelden. Wieder mal reihe ich mich unter die angeblich 50% der aktiven Läufer ein, die sich mindestens einmal im Jahr verletzen.

Ärgerlich, weil ich nicht mal weiß, warum. Was will mir die Wade sagen? Die Signale des durch Laufen belasteten Körpers sind ungefähr so leicht zu deuten wie jene zerbrechender Lieben. Die von der nichtlaufenden Umgebung präsentierte Erklärung „du bist halt nicht mehr der Jüngste“ hat zwar was, aber was nicht sein darf, kann halt leider nicht sein.  

So trete ich in Verhandlungen:

Ein Tag Pause, ein Tag Joggen – ja geht 😊!

Am nächsten Tag gleich wieder Joggen: nein geht doch nicht ☹.

Zwei Tage Pause, zwei Tage Joggen – jetzt geht es aber 😊!

Am nächsten Tag eine Viertelstunde Joggen und dann eine Viertelstunde Laufen – nein geht eh immer noch nicht ☹.

Ich muss der Realität ins Auge blicken und trete den Bußgang in den Keller an. Dort steht das Gefährt des letzten Auswegs: mein zwanzig Jahre altes Fahrrad. Wirklich lieb hab ich es nur an den heißesten Tagen des Jahres, wenn ich mit Kindern ins Freibad fahren kann. Den Rest des Jahres darf es von mir aus gerne Staub ansetzen.

Ich trete in die Pedale, und sogleich gilt es Widerstände abzubauen: Ich habe zu wenig Kraft in den Beinen, um den Puls hochzubringen; wenn ich dem Autoverkehr via holpriger Feldwege ausweiche (Fahrradhelm hab ich längst verloren), tut der Hintern in der Laufhose weh; jede Rollphase erinnert mich daran, wieviel weniger Zeit ich doch beim Laufen brauch, um so richtig „schön fertig“ zu sein. Und bergauf radeln ist sowieso eine Zumutung – möchte ich den an mir vorbeiziehenden Läufern zurufen.

Aber irgendwann kapiere ich es. Auch wenn ich im Tratschtempo durch Feld und Vorstadt radle, lässt mich der Fahrtwind keine Hitze spüren. Ich schau den Wolken zu und komm wieder drauf, wie friedlich zweckfreie Bewegung machen kann. Und es schadet der Stimmung nicht, wenn ich nachher „schön fertig“ im Sinn von „ready“ statt „done“ bin. Die Wade schweigt, ich glaube, sie will damit andeuten, dass ich sie verstanden habe. Und während ich nebenbei neue Wegerl entdecke, die ich ohne Rad nie ausprobiert hätte, beginne ich zu hoffen: in ein paar Wochen komm ich wieder zurück – nur auf zwei Beinen.

Sportliche Grüße, Herbert!

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