Teil 70 (KW 42/2019): Lukas Müller

Lukas Müller war Junioren-Weltmeister und einer der besten Skispringer Österreichs. Der 27-jährige Villacher lebte seinen Traum als Leistungssportler, bis sich sein Leben im Jänner 2016 schlagartig veränderte. Nach einem Sturz am Kulm (Steiermark) verletze sich Lukas schwer und ist seither querschnittsgelähmt. Wie es dem Botschafter des „Wings for Life World Runs“ heute geht, erfahren wir im Helden-Interview 70.

Helden des Laufsports: Skisprung-Junioren-Weltmeister 2009 und Teilnahme bei der Vierschanzentournee, du konntest vor deinem Unfall schon einige Erfolge feiern. Wie war bis dahin deine Zeit als Leistungssportler?

Lukas: Absolut aufregend. Ich war ganz oben, ganz unten, fit, verletzt, hatte gute Phasen sowie auch längere Durchhänger. Aber die Zeit als Leistungssportler lässt dich sehr diszipliniert werden, weil man gerade in seinen „besten“ Jahren auf viele Dinge verzichten muss, die gleichaltrige teilweise jede Woche erleben. Allerdings, wenn man am Podest steht, die Medaille umgehängt bekommt, oder zu einem Weltcup oder Skifliegen fahren darf, weiß man, wofür die vielen Stunden in der Kraftkammer waren.

Hdl: … dann kam der 13. Jänner 2016! Wie hast du den Sturz am Kulm in Erinnerung?

Lukas: Erstens, vollständig. Ich war nie bewusstlos, so wie das von mehreren Seiten gemutmaßt wurde. Mein Sprung war sensationell, ich stellte mich auf einen Flug >225 Meter ein, bis ich merkte, wie ich aus dem linken Schuh herausschlüpfte. Mich drehte es auf den Rücken und ich schlug am Steißbein auf. In weiterer Folge entwickelte sich eine Peitschenbewegung, die mir letztendlich das Genick brach und ich wusste im selben Moment, meine Füße sind weg. Unten, wie ich langsamer wurde, nachdem ich den gesamten Hang heruntergekugelt bin, war einer meiner ersten Gedanken – entweder, ich habe gerade einen Schock aufgrund der fehlenden Funktion meiner Füße, oder ich stehe am Beginn einer ganz langen Reise. Heute wissen wir, was es ist.

Hdl: Haben angesichts deiner Querschnittslähmung deine Erfolge aus der Vergangenheit an Wertigkeit verloren?

Lukas: Nein. Ich sage sogar, dass sie zu einem Teil dafür verantwortlich sind, dass ich nach meinem Unfall weiter Erfolge habe vorweisen dürfen. Wer die Situation, ganz oben und ganz unten zu sein, kennt, weiß was man manchmal aufbringen muss, damit sich überhaupt kleine Erfolge einstellen. Die Ergebnisse von meiner besten Zeit kann mir ja niemand mehr nehmen.

Hdl: Wie geht es dir heute, dreieinhalb Jahre nach deinem Sturz?

Lukas: Ich habe seit einiger Zeit ein Level erreicht, welches selbst mir teils unheimlich erscheint. Ich wollte ursprünglich „nur“ aufstehen können, weil ich wusste, dann kann ich mich zumindest mit Krücken, Geländer oder anderen Personen „fortbewegen“. Heute sind in bestimmten Therapiesituationen freie Schritte möglich, selbst am Trampolin falle ich nicht sofort um. Auch wenn ich nach wie vor >95% pro Tag im Rollstuhl sitze, und ich auch nicht glaube, jemals auf ihn verzichten zu können – es tut gut zu wissen, temporär ihn auch kurz hinter mir lassen zu können.

Hdl: Dein Weg zurück ist steinig und schwer. Hast du manchmal auch Zweifel oder hilft dir hierbei die Tatsache, dass du vom Leistungssport kommst?

Lukas: Ich bin kein Roboter. Natürlich habe ich Zweifel, auch heute noch, trotz der ganzen Erfolge. Ein Querschnitt bleibt ein Querschnitt, denn das bedeutet mehr als nur den Verlust der Gehfunktion. Kein Schwitzen, schlechte Wundheilung, Sexualität und vor allem der Stoffwechsel machen oft viel größere Probleme. Leistungssport hilft natürlich, aber es reicht schon, grundsätzlich Sport zu machen und sich mit seinem Körper zu beschäftigen. Das kann jeder, und ist meiner Meinung nach für ein gesundes Leben unabdingbar.

Hdl: Wie sehen die ärztlichen Prognosen aus? Wie optimistisch bist du, dass du wieder ohne Hilfe gehen kannst?

Lukas:  Es gibt keine Prognosen beim Querschnitt. Und die Frage, ob ich wieder normal gehen werde können, stellt sich nicht, denn: ein Querschnitt ist irreversibel. Und solange „Wings for Life“ keinen Durchbruch vermeldet von Projekten, welche sie unterstützen, wird sich das auch nicht ändern.

Hdl: In einem TV-Interview hast du einmal gesagt, dass Menschen keine Hemmungen haben sollen dich auf deine Beeinträchtigung anzusprechen. Erlebst du solche Situationen des Öfteren im Alltag?

Lukas: Ja, immer wieder. Menschen interessieren sich dafür, wie das Leben im Rollstuhl so ist, da die für sie markanteste (und sichtbarste) Funktion, das Gehen, uns abhanden gekommen ist. Aber aus Gründen der Pietät wollen sie uns oft nicht ansprechen, was aber nie ein Problem sein wird, denn solche Gespräche integrieren Menschen mit Behinderung noch mehr in die Mitte der Gesellschaft. Natürlich signalisiere ich auch die Bereitschaft darüber zu reden, damit die Hemmschwelle sinkt und sich jemand mich auch das fragen traut, was ihm oder ihr auf der Zunge liegt. Grundsätzlich beißen wir nicht.

Hdl: Wie kannst du Menschen Mut machen, welche vom selben schlimmen Schicksal betroffen sind?

Lukas: Erstens, wir können die Zeit nicht zurückdrehen, deshalb ist es uns möglich, nur das zu ändern, was vor uns liegt. Die einzige Chance, dass ich mich weiterentwickeln kann, ist ein regelmäßiges Arbeiten an mir selbst. Es gibt keine Alternative, das Rückenmark heilt nicht, und schon gar nicht ohne spezifischer Therapie und dem Willen, diese kontinuierlich über Monate, oder sogar Jahre durchzuziehen. Zusätzlich gewinnt man immens an Erfahrung und lernt, dass der Rollstuhl eine Mobilitätshilfe ist und keine Einschränkung, sowie auch, dass es Dinge gibt, welche auch mit Rollstuhl richtig lustig sein können. Abwärts bin ich immer schneller als der Rest!

Hdl: Ein Zitat von dir lautet: „Egal, mit wem ich rede, wenn diese Person den Raum verlässt, soll sie mit einem Lächeln gehen.“ Wie bringst du Leute zum Lächeln?

Lukas: Meistens gar nicht wirklich gewollt. Und wenn gewollt, dann mit schwarzem Humor. Zehn Minuten nach meiner Operation hat der Doktor mich unterrichtet, dass die Lähmung in den nächsten 24 Stunden gefühlt noch etwas ansteigen dürfte (sie war zu diesem Zeitpunkt auf Bauchnabelhöhe). Meine Antwort darauf: „Ja wenn sie mir über den Kopf steigt, haben wir beide ein Problem.“

Hdl: Du bist Botschafter für den „Wings for Life World Run“. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, eine Heilung für Rückenmarkverletzungen und Querschnittlähmungen zu finden. Dazu unterstützt die Stiftung finanziell Forschung und Studien über Rückenmark und Rückenmarkverletzungen. Wie fortgeschritten ist hier die Medizin?

Lukas: Aktuell werden 83 Projekte gefördert. Letzte Jahr gab es so etwas wie einen kleinen Durchbruch, denn drei komplett gelähmte Patienten konnten mithilfe eines eingesetzten Implantats wieder gehen. Aber es gibt noch einiges zu tun, bis man die Querschnittslähmung als heilbar bezeichnen kann – deshalb ist es auch so wichtig, dass jedes Jahr im Mai so viele Leute wie möglich beim “Wings for Life World Run” teilnehmen.

Hdl: Was machst du in deiner Freizeit?

Lukas: Ich spiele Rugby im Rollstuhl, im Winter Skifahren, mache derzeit die Ausbildung zum Skisprungtrainer und gehe auch gerne mal fort – natürlich mit Rollstuhl. Es ist einfacher als gedacht, und entgegen der Annahme vieler Leute fahre ich keine Schlangenlinien, sollte ein Abend einmal länger werden.

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch & weiterhin viel Kraft und Ehrgeiz für eine baldige Genesung. Wir von „Helden des Laufsports“, drücken dir dafür die Daumen und werden dich “verfolgen”.

Lukas: Danke!