Marathonlaufen und das Herz

Liebe Leser!

Wenn ihr fleißige und regelmäßige Läufer seid, dann hilft euch sicherlich der Gedanke an ein gesundes Herzkreislauf-System dabei, langfristig dem Laufsport treu zu bleiben. Ich jedenfalls bin der Meinung, wenn man es nicht komplett übertreibt mit dem Laufen und auf ausreichende Erholung achtet, dann ist der durchschnittliche Läufer höchstwahrscheinlich gesünder als die durchschnittliche Couchpotato. Leider ist es sehr schwierig, zu dem Thema „wie gesund ist das Laufen wirklich“ gute Studien durchzuführen. So wie bei allen Kohortenstudien, wo man eine große Gruppe von Menschen untersucht, fällt das Standardisieren schwer. Man kann zum Beispiel fragen: „Sind Läufer gesünder als nicht-Läufer?“. Einfache Frage, aber bei näherer Betrachtung doch recht kompliziert. Definiere „Läufer“! Der typische Vereinsläufer, der das schon seit Jahren oder Jahrzehnten mit nur wenigen (Verletzungs-) Pausen durchzieht, der gehört natürlich dazu. Aber was ist mit dem Jogger, der maximal 4 Kilometer im Stück zurücklegt, dabei kaum schneller als 6:30 min/km läuft, und schon mal das eine oder andere Jahr mangels Motivation nicht gelaufen ist? Oder: Was ist mit dem Ü-50 Jährigen, der erst vor einem Jahr mit dem Laufsport begonnen hat? Ist doch klar, dass dessen Körper sich durch das Laufen (sowohl im Positiven wie auch im Negativen) nicht in einer Art und Weise verändert und adaptiert haben kann, als der Körper eines Ü-50 Jährigen, der seit dem 15. Lebensjahr regelmäßig läuft. Ihr wisst schon worauf ich hinaus will, oder?

Dennoch, hier ein paar wissenschaftliche Studien zum Thema:

Im European Heart Journal wurde 2014 eine Studie publiziert, die sowohl kardiovaskuläre Adaptation als auch kardiovaskuläres Risiko unter Marathonläufern beurteilte (Predel et al., Eur Heart J 2014). In dieser Arbeit heißt es, der Marathonlauf per se sei nicht gerade gesund. Untersucht man nämlich Athleten direkt nach dem Absolvieren von 42,195 km, werden im Blut erhöhte Troponin T, nt-proBNP und im Herzultraschall sogar ab und an akute Veränderungen festgestellt – ähnlich wie bei einem Herzinfarkt. Allerdings sind diese Veränderungen meist innerhalb von Stunden bis Tagen reversibel. Weiters sind passionierte Ausdauersportler im mittleren Lebensalter signifikant häufiger von Vorhofflimmern betroffen, was laut der o.g. Publikation als ein Resultat von irreversiblem kardialen „Remodeling“ – also einem Umbau des Herzmuskels und damit auch des Reizleitungssystems – in Zusammenhang gebracht wird. Die gute Nachricht: eine Datenanalyse von 10.9 Millionen (!) Marathonläufern (d.h. Finishern von zumindest einem Marathon), zeigte, dass kein signifikantes Risiko für einen Herzstillstand während des Marathonlaufs besteht. Anders gesagt, nimmt man einen beliebigen Passanten mittleren Alters her, dann hat dieser Mensch beim Gartenarbeiten oder beim Autofahren, sprich, während seines normalen Alltags, das gleiche Risiko, aus heiterem Himmel einen Herzstillstand zu erleiden, wie ein Marathonläufer während des Marathons. Eine weitere Arbeit (Wilhelm et al., Am J Cardiol, 2012) beschäftigte sich mit der Frage, wie häufig irreversible Veränderungen des Herzmuskels und Herzrhythmusstörungen bei Marathonläufern vorkommen. In dieser Studie wurde der Fokus v.a. auf die rechte Herzkammer gelegt (normalerweise findet man bei nicht-Sportlern strukturellen Veränderungen eher in der linken Herzhälfte). Wilhelm et al. verglichen Marathonläufer mit einer weniger sportlichen Kontrollgruppe. Die Marathonläufer wurden unterteilt in jene, die maximal 5 Marathons in ihrem Leben absolvierten (Gruppe 1), und jene, die 6 oder mehr in den Beinen hatten (Gruppe 2). In Gruppe 2 zeigten 60% vergrößerte rechte Vorhöfe, und 74% vergrößerte linke Vorhöfe, während es keinen Unterschied in der Größe der Herzkammern zwischen den nicht-Läufern und den Marathonläufern gab. Auch Extrasystolen (zusätzliche Herzschläge; „Herzstolpern“) war im 24-Stunden EKG unter den nicht-Läufern und den Marathonläufern beider Gruppen gleich häufig. Die Conclusio dieser Studie ist also, dass die Herzvorhöfe durch das Marathonlaufen offensichtlich größer werden, während die Herzkammern normal groß bleiben, und dass auch Rhythmusstörungen in dieser Population von Marathonläufern nicht häufiger auftraten als unter „Normalos“. Patil et al. zeigten in einer Übersichtsarbeit (Patil et al., Mo Med. 2012), dass die wiederholte Teilnahme an „Langdistanz-Ausdauerbewerben“, i.e. Marathons, Ultra-Marathons, Ironmans oder Ultra-Radrennen, zu einer zwischenzeitlichen Volumen-Überbelastung speziell der Herzvorhöfe, und einer Verminderung der rechtsventrikulären Auswurffraktion führt. Was jedoch, lt. o.g. Studie, innerhalb von 7-10 Tagen nach dem Ultra-Wettkampf wieder völlig reversibel ist. Allerdings, so heißt es, würde die wiederholte, oft jahre- oder jahrzehntelange Überbelastung durch Ausdauersport-Exzesse, und die wiederkehrende Belastung des Herzens mit anschließender Erholungs- (und Umbau-?) Phase bei Ultra-Veteranen irgendwann doch zu irreversiblen Schäden des Herzmuskels führen. Patil et al. schreiben, es käme zu einer Fibrose des Herzmuskels, wobei Muskelgewebe teilweise durch Bindegewebe ersetzt wird, was zu Rhythmusstörungen oder im schlimmsten Fall sogar zu einer chronischen Herzinsuffizienz führen kann. Deshalb mahnen die Autoren dieses Reviews, man soll doch „maßvollen Ausdauersport“ betreiben, und sich durch moderates, auf den eigenen Körper abgestimmtes und ja nicht zu extremes Training fit halten.

Naja.

Hier am Ende noch mein Senf zu der ganzen Geschichte: 1) Wie ich schon früher mal geschrieben habe: das Leben ist lebensgefährlich. Man soll nicht nur rumsitzen, aber auch nicht zu viel rumrennen. Man soll Joggen und Pilates machen, aber Marathons sind dann doch wieder ungesund. Man soll weniger Kohlenhydrate essen, nein, doch lieber viele Kohlenhydrate, aber nur Vollkorn. Halt! Nein – man soll Paleo essen. Also nur rohes Fleisch. Man soll viel Wasser trinken – Nein. Lieber Tee. Aber ohne Koffein, das ist dann doch wieder ungesund… Oje. Wie soll man sich in diesem Dschungel von Empfehlungen jemals auskennen, frage ich mich. Das führt mich zu Punkt 2) Fitness – wie immer ihr das für euch definiert – soll in erster Linie Spaß machen. Mir, und euch vielleicht auch, macht es Spaß, weit zu laufen. Manchmal auch schnell zu laufen. Manchmal auch so weit und so schnell, dass man völlig k.o. ist und alles weh tut. Na und? Wenn’s mir Spaß macht so zu trainieren, und gelegentlich einen Marathon zu laufen – warum nicht?

Punkt 3) In meiner doch mittlerweile gut 5 Jahre dauernden Tätigkeit als Ärztin habe ich schon einige Ausdauersportler als Patienten gesehen. Und ich schwöre (aber das fällt natürlich unter „anecdotal evidence“), dass der typische passionierte Sportler im fortgeschrittenen Lebensalter (Ü-65), niemals so kaputt und fertig gefahren ist, wie so manch eine Couchpotato, der/die mit Diabetes Typ II, Adipositas, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und all diesen Wohlstandskrankheiten zu kämpfen hat. Zumindest hat der Ausdauersportler Spaß am Training, sei es nun besonders gesund oder nicht. Während ich bezweifle, dass die Zigarette nach dem zweiten Herzinfarkt noch ein richtiger Genuss ist, oder dass der insulinpflichtige Typ II Diabetiker seine X-te Sahnetorte noch so richtig genießen kann.

Punkt 4) In diesem Sinne noch ein Zitat von Mary Julie Isphording, einer amerikanischen Profi-Langdistanzläuferin: „Laufe oft. Laufe lang. Aber niemals so oft oder so lang, dass du die Freude am Laufen verlierst.“

Eure Liesl

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