Martin Sprenger: “Die Gesundheitschancen sind ungleich verteilt”

Laut einer neuen US-Studie hängen schwere Covid-19-Krankheitsverläufe mit vier Vorerkrankungen zusammen: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Herzinsuffizienz. Gebe es diese Risikofaktoren nicht, könnten zwei Drittel aller Krankenhausaufenthalte verhindert werden. Martin Sprenger, Public-Health-Experte aus Graz, spricht im Interview über die Lage in Österreich. Sprenger wurde Anfang März in den Beraterstab der „Coronavirus-Taskforce“ des Gesundheitsministerium berufen, später folgte der Bruch mit der Führungsebene.

Foto: ©Martin Sprenger

Helden des Laufsports: Blenden wir zu Beginn des Gesprächs Corona mal kurz aus und gehen ins Jahr 2019 zurück. Waren Sie zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass die Politik die Bewegung von Kindern und Jugendlichen optimal gefördert hat? Diskutiert wurde ja auch damals schon, Stichwort: Tägliche Turnstunde!

Wir können nie genug für die Bewegung von Kindern und Jugendlichen tun. Die Politik ist dabei vor allem für die Schaffung von bewegungsfreundlichen Rahmenbedingungen zuständig. Dazu gehören zum Beispiel sichere Schulwege. Viele Kinder könnten zu Fuß in die Schule gehen. Aber wir hängen ihnen lieber Warnwesten um und führen sie mit dem Auto in die Schule, als dass wir rund um Schulen verkehrsberuhigte Zonen schaffen. Ein weiteres Beispiel wären sichere Radwege. In den Städten, aber auch auf dem Land hat sich die Mobilität verändert. Es gibt Radanhänger, kleine Kinder sind auf dem Laufrad oder mit dem Roller unterwegs, dann gibt es die Radfahrer, E-Biker, E-Scooter, usw. Die Politik ist dafür verantwortlich die Rahmenbedingen, die Radwege, diesen Entwicklungen anzupassen. Tut sie aber nicht, oder viel zu zögerlich.

Die tägliche Turnstunde klingt im ersten Moment toll. Aber ist es wirklich eine Stunde und steckt in dieser Stunde auch wirklich immer das gleiche drinnen. Natürlich soll die Bewegung in der Schule gefördert werden. Da gibt es viele kreative Möglichkeiten. Es geht aber auch immer um Alltagsbewegung. Kinder und Jugendliche brauchen sichere und attraktive Bewegungsräume. Für alle Altersgruppen, für Mädchen und Burschen, in der Stadt und auf dem Land. Oft genügt es die Kinder und Jugendlichen zu fragen was sie gerne hätten und ihnen das dann auch zur Verfügung zu stellen. Jede Investition in Bewegung kommt vielfach zurück. Politiker denken da immer noch viel zu eindimensional und zu kurzfristig.

“Mit den richtigen Konzepten hätte der Schul- und Vereinssport niemals unterbrochen werden müssen.”

Martin Sprenger, Public-Health-Experte.

Viele Kinder leiden bereits in frühen Jahren an Übergewicht, bewegen sich kaum und ernähren sich ungesund. Sind Eltern oftmals falsche Vorbilder?

Der Befund stimmt. Es gibt auch eine Korrelation zwischen dem Einkommen und der Bildung der Eltern und dem Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Kinder. Sportliche Eltern haben auch öfter sportliche Kinder. Das sollte aber keinesfalls dazu führen die Schuld alleinig bei den Eltern und Kindern zu suchen. So wie das Einkommen und die Bildung, sind auch die Gesundheitschancen ungleich verteilt. Deshalb muss eine Gesellschaft speziell die Mitglieder unterstützen und fördern, die weniger Chancen haben ein gesundes Leben zu führen. Das ist nicht einfach. Bildungseinrichtungen kommt dabei eine ebenso große Bedeutung zu wie Städteplanern, Vereinen, oder Lokalpolitikern. Wenn der Wille, die Kreativität und die Ressourcen da sind, ist sehr viel möglich.

In Zeiten von Corona verschärft sich die Lage nochmals! Hätten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt der Pandemie die Sportstätten geschlossen, und unter welchen Voraussetzungen wäre Training aktuell, nicht nur für Kinder sondern auch für Erwachsene, wieder möglich?

Nein, ich hätte jede sportliche Aktivität im Freien weiterhin zugelassen, ja sogar gefördert und empfohlen. Aber auch in Hallen wäre viel möglich gewesen. Mit den richtigen Konzepten hätte der Schul- und Vereinssport niemals unterbrochen werden müssen. Leider ist die Frage „Was erhält Menschen gesund?“ in dieser Pandemie vollkommen vernachlässigt worden. Bewegung ist ja nicht nur gut für unsere Gesundheit, unser Immunsystem, sondern auch für unsere Psyche und unser Sozialkapital.

Man wird ja zurzeit mit Corona-Nachrichten überflutet, allerdings liest oder hört man relativ wenig davon, dass man das Immunsystem stärken sollte. Wird hier präventiv zu wenig gemacht und kommuniziert?

Es wird viel zu wenig gemacht. Wobei ich der Meinung bin, dass nichts unserem Immunsystem besser tut als Bewegung in der freien Natur.

Legen Sie persönlich viel Wert auf eine gesunde Ernährung?

Ich versuche es. Habe aber zum Thema Ernährung einen sehr entspannten Zugang. Extreme vermeide ich. Ein großer Fleischesser war ich nie und eigentlich schmeckt mir das am besten was geläufig als gesunde Ernährung bezeichnet wird.

“Vor Juni bin ich sicher nicht an der Reihe, aber wenn ich die Möglichkeit bekomme, werde ich mich impfen lassen”

Martin Sprenger über die Impfung.

Sind Sie ein sportlicher Typ, haben Sie eine Lieblingssportart?

Definitiv. Als Student war ich noch öfter in Hallen, zum Badminton und Squash spielen. Jetzt gehe ich in der kalten Jahreszeit hin und wieder in die Halle bouldern. Ansonsten bewege ich mich am liebsten im Freien, am Berg. Bergsteigen, Klettern, Biken und Schitourengehen sind aktuell meine Hauptsportarten.

Wie sieht es mit dem Laufen aus?

Ich bin früher öfter gelaufen, einmal sogar den Wienmarathon (3:47 Stunden). Irgendwann haben meine Achillessehnen angefangen sich über das Laufen, meinen Laufstil, oder meine Laufschuhe aufzuregen. Was auch immer. Seither laufe ich nur noch selten.

Letzte Frage: Lassen Sie sich impfen?

Ja. Aber vor Juni werde ich wohl nicht drankommen. Dann gibt es sicher schon mehr als fünf Impfstoffe und ich werde mir den aus meiner Sicht besten, also sichersten und wirksamsten, aussuchen.

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