Nachts

Nachts

#Kolumne

Ich kann nicht schlafen.

Würde ich Schäfchen zählen, hätte die Herde bereits neuseeländische Dimensionen. Die Stäbchenzellen meiner Augen sind so gut aktiviert, dass ich im Dunkeln die feinen Risse in der Wandfarbe erkennen kann. Vielleicht war der letzte Kaffee ja doch nicht decaffeinato? Irgendwann wird’s mir zu blöd, und ich stehe auf. Was tun, mitten in der Geisterstunde? Den Kühlschrank plündern oder doch frische Luft schnappen? Mit Blick auf den drohenden morgendlichen Bußgang auf die Waage wähle ich dann doch den nächtlichen Spaziergang ins Freie. Mit Jogginghose (also das, was in den Achtzigern so hieß und was ich heute nie zum Joggen anziehen würde), Moonboots und kreischfarbener Skijacke breche in die Kälte auf.

Kein Mensch ist mehr unterwegs. Die kahlen Bäume ragen wie die Hände nicht ordnungsgemäß begrabener Riesen in den Himmel, statt Sternen leuchten hie und da ein paar Schneereste. Ein Gefühl wie auf dem Mond, und das Quietschen von Moonboots als einziges Lebenszeichen in einer erstarrten Landschaft. Die totale Einsamkeit, leicht abgemildert durch die nicht uneitle Vorstellung, gerade was besonders Einzigartiges zu tun. So latsche ich in meiner Besonderheit über einen leeren Parkplatz, als mir hundert Meter voraus eine Bewegung auffällt. Aus dem Schwarzgrau schält sich eine Gestalt heraus, die sich zügig und zielstrebig genau auf mich zubewegt. Besser gesagt: genau auf mich zuläuft. Ich spüre einen leichten Adrenalinstoß, werde langsamer und bleibe schließlich stehen. Fast will ich die Hände aus den Jackentaschen ziehen und zur Abwehr ausstrecken, aber das kommt mir dann doch zu lächerlich vor. Die Figur wird mich ja nicht angreifen wollen, oder?

„Serwas“, sagt die Gestalt und bleibt direkt vor mir stehen. Ich starre ein paar Sekunden, dann erst erkenne ich einen Nachbarn aus der Siedlung. Er drückt auf den Pausenknopf seiner Sportuhr und schnauft durch. Von gelegentlichen Begegnungen weiß ich, dass er ziemlich viel Sport macht, aber nur hin und wieder läuft. Er nimmt an keinen Wettbewerben teil, und Gewichtsproblem hat er auch keins. Also nicht unbedingt einer, den der Ehrgeiz oder das schlechte Gewissen mitten in der Nacht hinaustreibt.

Ich schau auf meine eigene Uhr. Es ist 00:47 Uhr. „Läufst du um die Zeit?“ frage ich ungläubig. „Gehst du um die Zeit spazieren?“ antwortet er. Wir lachen. Er erklärt, dass es mit den Kindern sehr spät geworden sei und er noch schnell raus wollte. Außerdem seien um die Zeit keine Hunde unterwegs. Damit hat er zweifellos recht. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Nacht, und er setzt seinen Lauf fort. Ich sehe ihm nach, wie er Schritt für Schritt wieder in die Dunkelheit entschwindet. Dann gehe ich nachhause. Mein Gefühl, ganz besonders einzigartig zu sein, hat sich in Luft aufgelöst. Meine Einsamkeit aber auch.

Sportliche Grüße, Herbert!

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