Neujahrslaufen

#Kolumne

Das neue Jahr lässt das Hobby alt aussehen: Was soll ich mir beim Laufen Neues vornehmen? Kilometerfressen statt Minutenzählen? Segmente jagen statt bei Intervallen versagen? Oder einfach bei der Standardrunde die andere Richtung nehmen? Neu und Laufen, das ist ein Widerspruch in sich, so wie „leere Kilometer“ oder „Dieser Schuh unterstützt das natürliche Abrollverhalten!“. Ob Sprinten oder Schlurfen, ob auf Gatsch oder Asphalt, immer folgt nur ein Schritt auf einen Schritt auf einen Schritt.

Gestern war es anstrengend, also darf es heute gemütlich sein. Möglicherweise fad. Kein Puls (auf der Uhr), kein Zeitcheck bei den Büschen, zwischen denen genau 200 Meter liegen, nicht mal ein GPS-Track fürs digitale Vergessen. Definitiv fad. Soweit haben es die Gedanken schon mal gebracht, als ich zum Kreisverkehr komme, über den es um diese Nachtzeit normalerweise schnurgerade drüber geht.

Lauf ich halt mal links.

Die Gegend kenn ich vom Autofahren. Nach der ersten Kurve kommt ein Park, so klein, dass man auch bei einer Vollbremsung vorbeirutschen würde. Zu Fuß kreuze und quere ich hindurch, bis ich jeden Kiesel auf den gewundenen Pfaden abgelaufen bin. Hinter dem Park erstrahlen monströse Wohnblöcke und dazwischen mickrige Bäumchen in postweihnachtlicher Beleuchtung – in meiner Kindheit gabs sowas nur „bei den (depperten) Amis“. Heute laufe ich auch im österreichischen Speckgürtel durch meinen privaten Christkindlmarkt: Lichtskulpturen überall, und außer mir keiner da. Die hiesigen Bratwürsterl gehen mir da gar nicht ab.

Die Laternenreihe auf der nächsten Straße braucht vermutlich kein eigenes Kraftwerk für ihr Licht, aber der einzige bin ich auch hier. Das nutze ich, um am Mittelstreifen zu laufen: wo sonst Autos dröhnen, hör ich nur das Tapptapp meiner Laufschuhe – lonesome runner am Weg ins Nirgendwo.

Das Nirgendwo nimmt bald konkrete Formen an. Ein Betriebsparkplatz, eine einsame Kreuzung vor der Einkaufsmeile, eine Sackgasse zu einer Tiefgarageneinfahrt – Posterbilder für die nächste Eventlaufidee „Suburb Run“? Doch mit jedem neuen Schauplatz wird die innere Stimme leiser, verkneift sie sich nach und nach ihre ständigen Kommentare. Das Denken lässt los und den Beinen freien Lauf, der Beton wird zur Landschaft und die Laternen zu Sternen.

An einer unbekannten Abzweigung bleibe ich stehen: Wo bin ich hier? Still und starr steh ich da, in meine eigenen Atemwolken gehüllt. Wie ein Schulkind schau ich links, rechts, wieder links. Erst dann begreife ich, dass ich wieder an dem Kreisverkehr angelangt bin, an dem ich vor einer Ewigkeit zum ersten Mal nach links abgebogen bin. Ich schau auf die Uhr. Gerade mal eine Viertelstunde ist vergangen.

Am Rückweg läuft es von allein, ich bin nur mehr stummer Zuschauer. Dass ich mir was Neues überlegen wollte, habe ich vergessen. Es ist auch nicht notwendig, es ist ja alles da, ein Schritt folgt auf einen Schritt auf einen Schritt.

(Anmerkung: In der Trainingsaufzeichnung bekommt der erste Lauf des neuen Jahres den ältesten Eintrag, den die Exceldatei kennt: „Dauerlauf 45min“.)

Sportliche Grüße, Herbert!

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