Nie mehr Marathon!

#Kolumne

Ich halt nicht mehr viel vom Marathon.

Den ersten lief ich, als mir Marathonlaufen noch als etwas Besonderes erschien – ich war jung. Ausdauersport jenseits des Citylaufs umwehte der Hauch des Abenteuerlichen, Extremen, ja Wahnsinnigen. Sepp Resnik wurde mit Hawaii- und Dreifachtriathlon zur lokalen Berühmtheit, und das Titelbild seines Buchs „Ironman“ erweckte bei mir den Eindruck, die totale Erschöpfung wäre der Weg zur totalen Erfüllung. Vielleicht würde ich den ersten Schritt auf diesem Weg schon mit einem einfachen Marathon tun.

Tat ich nicht. Nach dem Überschreiten der Ziellinie ertönten weder Fanfaren noch Himmelsläuten, und ich fühlte – nichts. Oder präziser: was man halt so fühlt, wenn man über ein Stück Straße geht. Die Ernüchterung nach 42,195 Kilometern glich jener eines Kirchenaustreters nach einem Jahr buddhistischer Zen-Meditation: „Das war es auch nicht“.

Doch nicht nur die enttäuschten, weil überhöhten Erwartungen nahmen dem Marathon seine Attraktivität, auch die sportliche Leistung des Finishens hat die Aura des Besonderen verloren. Auf Strava und Co. werden heute täglich Marathons absolviert, dazu haben Ultraläufer aller Klassen den Marathon auch im Breitensport zur Kurzstrecke degradiert. Und für Profis ist die einst sagenumwobene Strecke ohnehin nur ein vergleichsweise lukrativer (und gar nicht mal so langer) Tempolauf: Gut 120 Minuten im quasi grünen Bereich laufen, wo ist hier die Leistung? Wenigstens werten die Carbon-unterstützen Fabelzeiten der Elite indirekt den Vier- und Fünfstundenläufer auf, denn: vom Frühstück bis zum Mittagessen durchzulaufen – das beweist schon eher Kämpferherz.  

Wenn der Marathon kein Heldentum mehr verspricht, bleibt er wenigstens als Instrument zeitgeistiger Selbstoptimierung, vielleicht sogar auf ärztlichen Rat? Es gibt ja die Idee, den Marathontrainingsplan für die Förderung der Gesundheit zu absolvieren, um dann zu ihrer Schonung das Rennen auszulassen (wer immer so etwas schafft). Doch selbst diesen kümmerlichen Rest an Legitimation verwarf ich schnell: um beim 5 Kilometerlauf flotter zu werden, mach ich auch nicht viel anders, kann das aber auch ohne viel Tagesfreizeit durchführen. Und anstatt 6 Monate auf Frühjahr- und Herbstmarathon warten zu müssen, kann ich der goldenen Ananas über 5 Kilometer (vermutlich bald wieder) fast wöchentlich nachlaufen.

Und so verblasste der Mythos Marathon für mich. Er entpuppte sich als ein Hirngespinst, eine frei erfundene Geschichte, die nur Bedeutung stiftet, wenn man fest daran glaubt. Und ohne den Glauben an diese Geschichte sehe ich nur mehr Menschen, die sich gemeinsam kreuz und quer durch die Stadt bewegen und dabei versuchen, ja nie mit beiden Füßen gleichzeitig den Boden zu berühren.

Ich sehe also nicht mehr den geringsten Anlass, in meinem Leben noch einen Marathon zu laufen.

Die Anmeldefrist für den Linz-Marathon, der – so Corona will – Ende Oktober stattfinden soll, startete am 15. April. Ich bin seit 15. April dafür angemeldet.

Sportliche Grüße, Herbert!

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