Nur zur Gaudi

#Kolumne

„Heißt das, Laufen macht dir Spaß?“

Ungläubige, fast vorwurfsvolle Augenpaare richten sich auf mich. Dabei war es doch nur ein harmloses Kantinengespräch über Bewegung, Abnehmen und andere Rezepte, die eine Verbesserung des Lebens versprechen. Resignativ hatte der ehemalige Fußballer, der den Ball jetzt als Bauch trägt, gemeint: „Laufen sollte man halt. Aber leider macht mir das überhaupt keinen Spaß. Das ist so fad und zach.“ Da war es mir, wie eine Rechtfertigung, rausgerutscht: „Ich muss mich eigentlich nie zum Laufen überwinden. Ich lauf ganz gerne.“

Worauf mir die Eingangsfrage gestellt wurde.

„Spaß? Naja …“, stammle ich. Ich denke an lange Läufe in der Mittagshitze, die Laktatanhäufung bei Intervallen und die gequälten Gesichter der Volksläufer auf den letzten Kilometern. Bevor mir einfällt, wie ich das positiv vermitteln kann, dreht sich das Gespräch schon um den neuen Bond.

Doch die Frage, was der offensichtliche „Spaß“ am Laufen sein soll, beschäftigt mich weiter, und da in der Stadt gerade ein typischer „Fun Run“ ansteht, bietet sich die Gelegenheit zum Lokalaugenschein. Zudem legt mir ein rekonvaleszenter Haxen ohnehin nahe, unter der anaeroben und somit über der Spaßschwelle zu bleiben: also auf zur Gaudi!

So starte ich die fünf Kilometer hinten, wo eher der Schmäh rennt als die Lunge brennt. Das nächtliche Flair der beleuchteten Innenstadt, mit dem der Lauf alljährlich wirbt, ist für jemanden, der hier aufgewachsen ist, nicht gar so aufregend, selbst wenn man mal bei Rot über die Kreuzung laufen darf. Dafür beamt es mich gleich am Hauptplatz innerlich weit zurück: genau hier, zwischen Pestsäule und Leberkaspepi erlebte ich vor Jahren richtungsweisende Nächte. Anzunehmen, dass nicht gar so wenige Teilnehmer hier auch die Kreuzungen ihres ganz persönlichen Glücks oder Unglücks queren.

Einmal über die Donau und gleich wieder zurück, und die Altstadt ist schmähfreie Zone. Rundherum wird in einer Weise gestöhnt und geschnauft, dass einem die Lust vergehen kann. Ich leiste mir das billige Vergnügen, das Feld von hinten aufzurollen, ohne mich wirklich anstrengen zu müssen. Doch halt: das Vergleichen ist der Beginn der Unzufriedenheit, warnten die Weisen schon vor Jahrhunderten. Fragt sich, was ich dann ausgerechnet im Sport zu suchen habe, der den Vergleich mit sich und anderen doch zur Religion erhoben hat? Beschlossen werden diese Überlegungen von einem Wolf im Schafspelz, der noch weiter hinten als ich gestartet ist: ein eleganter Schlanker zieht an mir vorbei wie James Bonds Aston Martin an Frank Stronachs Sarit.

Und schon biegen wir durch die Alkoholverbotszone, auch Volksgarten genannt, auf die Landstraße ein, auf der es schnurgerade zum Ziel geht. Inzwischen hat es mich in die Mitte des Feldes geschwemmt. Hier wird für so manche aus der Gaudi endgültig ein Quäl di, da sie die Länge der Zielgerade – es geht noch mehr als einen Kilometer – unterschätzt haben, das aber nicht zugeben wollen: Jetzt geht keiner mehr vom Gas. Das weckt auch bei mir sinnbefreiten Ehrgeiz: Wenn mich bisher nur einer überholt hat, so soll das auch so bleiben. Somit wird’s aber doch anstrengend. Zum Schluss noch ein Adrenalinstoß der anderen Art: eine Riesenlücke ohne Läuferin liegt plötzlich vor mir – hoffentlich regt das den Moderator nicht an, meinen Zieleinlauf zu kommentieren. Glücklicherweise bleibt mir das erspart, und ich tauche in den dröhnenden Zielbereich ein.

Und – hat es Spaß gemacht? Naja, irgendwie schon!

Sportliche Grüße, Herbert!

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