Peter Filzmaier: “Die technische Entwicklung ist unumkehrbar”

September 2021: Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler und Buchautor, ist Fan von vielen Sportarten.Vor allem der Laufsport hat es dem Wiener angetan. Das hat einen guten Grund: Der 54-Jährige war selbst ein begeisterter und guter Läufer. Filzmaier, der eine Halbmarathon-Bestzeit von 1:12 Stunden vorzuweisen hat, analysiert im Interview den Vienna City Marathon 2021.

Foto: ©Kellner

Helden des Laufsports: Vom Wien Marathon 2021 wird vor allem ein Wort in Erinnerung bleiben! Nämlich: „Schuh-Gate“! Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Peter Filzmaier: Man wird im Nachhinein schlauer, was die Tücken der Regelkompromisse rund um die Carbonschuhe sind. Vielleicht hätte es mindestens bei den knapp 30 Eliteläufern vorher eine Schuhkontrolle gebraucht, der Organisator will ja da bereits beim Berlin Marathon nachbessern. Ich will Laufbewerbe, bei dem das Sportgerät eine geringe Rolle spielt. Insofern war die Entscheidung richtig, dass wenigstens keine Prototypen mehr gelaufen werden dürfen, sondern jeder Schuh im Handel erhältlich sein muss. Allerdings um 300 Euro, was für mich dem Breitensportgedanken widerspricht.

Würden Sie sich also ein völliges Verbot der Carbonschuhe wünschen?

Nein. Die technische Entwicklung und die Sehnsucht auch der Nichteliteläufer danach ist unumkehrbar. Ich muss zugeben, dass zu meiner aktiven Zeit sich die Leute genauso ein Racermodell mit 170 Gramm Gewicht für den Marathon gekauft haben, obwohl das für einen Läufer der etwas höheren Gewichtsklasse mit einem Zeitziel von vier bis fünf Stunden einfach Unsinn war. Nun sind eben Carbonschuhe das Neueste vom Neuen und es geht darum, Auswüchse eines reinen Ausrüsterwettbewerbs in den Griff zu kriegen. Bei den Ganzkörperanzügen im Schwimmen ist das ja letztlich gelungen.

Haben Sie Mitleid mit Derara Hurisa, dem disqualifizierten Sieger, der ein Schuhwerk mit einer Schuhsohle von 50 mm verwendete, obwohl nur 40 mm erlaubt sind?

Hm. Um das zu beantworten, müsste ich wissen, wer den Schuh ausgewählt hat. Doch eine Abweichung des Sportgeräts um 25 Prozent vom Normwert passiert ja kaum zufällig und müsste auffallen. Stellen Sie sich vor, ein Skispringer hat um ein Viertel längere Sprungskier und behauptet, das vor dem Absprung nicht zu bemerken. In der internationalen Klasse bekommt jeder Läufer zudem eine ganze Palette von Schuhen zur Auswahl und hat mindestens ein großes Mitspracherecht, welche er für einen Wettkampf anzieht. Die Sache nur auf den Ausrüster oder die versehentliche Verwendung eines Trainingsschuhs schieben, das erscheint mir zu einfach.

“Stellen Sie sich vor, ein Skispringer hat um ein Viertel längere Sprungskier und behauptet, das vor dem Sprung nicht zu bemerken”

Peter Filzmaier über Derara Hurisa.

Was war Ihr Highlight beim diesjährigen VCM?

Dass er überhaupt stattgefunden hat, auch wenn wir das Bauchwehgefühl in Pandemiezeiten dabei vermutlich noch lange nicht loswerden.

Wie sehr haben Sie die Staatsmeisterschaften auf dem Schirm? Ihr Resümee dazu?

Ich hatte bereits vor dem Start ein Paradoxon auf dem Schirm. Im Dezember des Vorjahres wurde Isaac Kosgei österreichischer Meister, diesmal konnte er das aufgrund geänderter Regeln nur in der Altersklasse werden. Das Argument war, dass er nicht österreichischen Staatsbürgern sozusagen internationale Ranglistenpunkte wegnehmen soll. Was ich für falsch halte. Ein wie früher mehrjähriger Hauptwohnsitz in Österreich und eine längere heimische Vereinsmitgliedschaft sollten genügen. Nun ergab sich die seltsame Situation, dass – mit Gratulation zu seiner tollen Leistung – Martin Mistelbauer Meister wurde, der Vorjahresmeister jedoch ein paar Minuten schneller lief, ohne wieder Meister zu sein. Hat man da nicht eine kuriose Situation geradezu provoziert? Bei den ohnehin wenigen Mannschaften für die Teamwertung war zusätzlich so, dass aussichtsreiche Teams aufgrund des „Ausländerparagraphen“ plötzlich gar nicht mehr existierten, obwohl alle Starter seit Jahren oder Jahrzehnten in Österreich leben.

Sie selbst waren vor Jahren ein sehr flotter Athlet. Wegen gesundheitlichen Problemen haben Sie einige Jahre nicht laufen können. Wie man liest, laufen Sie jetzt wieder, richtig?

Ich laufe ein paar Mal in der Woche ein Stündchen, das ist es, und das ist für einen 54-jährigen gut so.

Auf welche Sportevents freuen Sie sich als nächstes?

Da ist die Antwort einfach. Zuerst der Berlin Marathon und danach der Marathon in New York. Allerdings beides als Fernsehzuschauer.

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