Teil 64 (KW 36/2019): Philipp Pflieger

© Ruben Elstner

Diese Woche schmücken wir uns mit fremden Federn. Nach Absprache mit dem „Edel Books“-Verlag, veröffentlichen auch wir das Interview mit dem deutschen Lauf-Ass Philipp Pflieger. Warum dies genau am heutigen Freitag passiert? Heute erscheint „Laufen am Limit“ – das erste Buch des 32-Jährigen. Danke dafür – und viel Spaß beim Helden-Interview #64.

42,195 Kilometer – Mythos, Tortur und Faszination. Warum ist, wie der Untertitel Ihres ersten Buches suggeriert, der Marathon „die größte Herausforderung für Läufer“?

Marathon ist in meinen Augen die ultimative Herausforderung, die beiden eigentlich gegensätzlichen Pole Ausdauer und Geschwindigkeit zu einer perfekten Symbiose zusammenzuführen. Natürlich kann man auch kürzere Strecken schnell(er) laufen und ja, man kann auch längere Strecken dementsprechend langsamer laufen, aber beim Marathon ist beides von zentraler Bedeutung – zumindest, wenn man ambitionierte Zeitziele verfolgt. Wenn man meine Bestzeit von 2:12:50h als Beispiel nimmt, dann bedeutet das im Umkehrschluss eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,1 km/h für die 42,195 km. Oder anders gesagt: Viermal 31:30 min pro 10 km in Folge und danach noch 2,195 km on top. Mental ist es eine Mammutaufgabe, die Geschwindigkeit so zu steuern, dass das Rennen nicht schon nach 30 km zu Ende scheint.

Sie gelten als einer von Deutschlands Topläufern, dabei sind Sie erst vor fünf Jahren in die längste olympische Laufdisziplin gewechselt. Wie kam es dazu?

Um ganz ehrlich zu sein war es nicht gerade „Liebe auf den ersten Blick“. In jungen Jahren meiner Karriere galt mein Fokus ausschließlich den 5.000m und 10.000m und ich dachte auch, dass mich mein Weg über eine dieser Strecken zu den Olympischen Spielen führen würde. Nach meinem ersten Profijahr und quasi auf halbem Weg nach Rio dämmerte es mir, dass ich für die beiden Bahnstrecken vielleicht doch nicht schnell genug sein würde. Statt meinen olympischen Traum aufzugeben, wandte ich mich einer für mich vollkommen neuen läuferischen Herausforderung zu. Wer das Buch liest, wird sehen, dass das auch nicht auf Anhieb für mich funktionierte. Stattdessen musste ich erst durch ein tiefes Tal gehen, bevor ich dann beim Berlin-Marathon 2015 nicht nur meine persönliche Bestzeit von 2:12:50h aufstellte, sondern auch mein Ticket für die Olympischen Spiele in Rio 2016 lösen sollte.

Warum haben Sie sich in Ihrer Jugend für den Laufsport entschieden und was sind, Ihrer Meinung nach, die Vorteile des Laufens gegenüber anderen populären Sportarten wie beispielsweise Fußball?

Den ersten Kontakt zum Laufen erhielt ich schon früh – bevor ich überhaupt einem Leichtathletikverein beigetreten bin – über meinen Vater. Er war täglich nach Feierabend laufen und hat in seiner Freizeit auch an unterschiedlichsten Wettkämpfen bis hin zu Marathons teilgenommen. Als Kind verfolgt man natürlich genau, was die Eltern tun und es hat nicht lange gedauert, bis ich als kleiner Steppke zum ersten Mal mitlief. Die erste „Runde“ war dann ganz gemütlich bis zum Waldrand und zurück, vermutlich zwischen 1-2 km lang. Nichts Spektakuläres und doch hat das auf mich einen so großen Effekt gehabt, dass ich immer wieder mitlaufen wollte, bis mich meine Eltern letztlich in einem Leichtathletikverein angemeldet haben. Für mich sind die Vorteile des Laufens die große Flexibilität und das wahnsinnig hohe Abwechslungspotential. Im Prinzip braucht man nichts außer ein paar guten Schuhen und schon kann man immer und überall laufen – egal ob vor oder nach der Arbeit, auf Geschäftsreise oder im Urlaub. Man braucht niemanden dafür und trotzdem muss Laufen kein Einzelsport sein – wie die Vielzahl an Lauftreffs oder neu-deutsch Running Crews oder Communities zeigen. Man kann drinnen oder draußen laufen, bei jedem Wetter und praktisch auch auf allen Untergründen. Vom Laufband, über die Tartanbahn, zum Asphalt der Großstadt bis hin zu Waldwegen und Bergtrails. Es ist einfach für jeden etwas dabei.

Was macht für Sie persönlich die Magie des Laufens aus? Und was hat es mit dem berühmt-berüchtigten Runner’s High auf sich?

Jeder, der das Runner’s High schon einmal erlebt hat, weiß es in dem Moment, in dem es passiert – und es macht süchtig nach mehr! Dieses Gefühl von Geschwindigkeit gepaart mit Leichtigkeit kommt einem tranceartigen Zustand vermutlich relativ nahe. Man hat das Gefühl zu fliegen und endlos weiterlaufen zu können. Auch ich genieße natürlich ein Runner’s High, aber auch wenn ich täglich fast zweimal laufe kommt es deswegen nicht häufiger vor. Insofern bleibt es einfach etwas Besonderes und das ist gut so. Ganz allgemein bedeutet Laufen für mich Freiheit und ist eindeutig die Bewegungsform, die sich für mich am besten anfühlt.

In „Laufen am Limit“ nehmen Sie Ihre Leser mit hinter die Kulissen des professionellen Marathonlaufens. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Faszination für die Königsdisziplin der Leichtathletik zu Papier zu bringen?

Ich bin ein großer Verfechter davon, Chancen und Möglichkeiten nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Den Gedanken, mal irgendwann ein Buch zu schreiben, hatte ich schon immer. Als dann im Herbst 2018 für mich sehr überraschend die Option aufkam, sich schon so bald einem solchen Projekt widmen zu können, musste ich nicht lange überlegen. Ich empfinde es als großes Privileg, meine Geschichte zu erzählen und wenn ich damit den einen oder anderen Menschen erreiche, inspiriere oder motiviere, dann würde mich das sehr glücklich machen.

In „Laufen am Limit“ schildern Sie nicht nur offen Ihre persönlichen Siege und Niederlagen, sondern geben auch Tipps, was Amateure von Profis lernen können. Richtet sich Ihr Buch ausschließlich an Marathonsportler oder kann jeder Hobbyläufer Lektionen aus der Lektüre lernen?

Ich würde sagen, das Buch richtet sich ausdrücklich NICHT nur an Marathonläufer, sondern gerade AUCH an Hobbyläufer, die sich mit den 42,195 km noch nie so richtig beschäftigt haben. Natürlich geht es in dem Buch ums Marathonlaufen und meine Erfahrungen mit dieser Strecke, aber eben auch viel um die Laufkultur im Allgemeinen, das Umgehen mit Herausforderungen und Rückschlägen und das Verfolgen von Träumen. Insofern würde ich sogar noch weiter gehen und behaupten, dass dieses Buch auch für (Noch-) Nicht-Läufer spannend sein und die Begeisterung fürs Laufen vielleicht ja sogar erst entfachen kann.

Laufen ist seit vielen Jahren für Sie mehr als nur ein Hobby. Was würden Sie Ihrem früheren „Ich“ bzw. Menschen, die mit dem Laufen anfangen möchten, raten und was hätten Sie rückblickend gern anders gemacht?

Ich bin heute glücklich in meiner Situation, wie sie ist und wahnsinnig dankbar für alles, was ich bislang erleben durfte. Ich habe bei weitem noch nicht alle Ziele erreicht, die ich mir erträumt habe, aber es geht im Leben auch viel weniger darum, alles zu erreichen, als vielmehr darum, das Erreichte auch entsprechend wertschätzen zu können. Hätte ich als kleiner Junge, der damals mit dem Laufen begonnen hat, schon gewusst, was es alles an Schwierigkeiten, Schmerzen und Täler zu überstehen gilt – wer weiß, ob mich das damals vielleicht nicht sogar abgeschreckt hätte, diesen Weg weiterzuverfolgen. Es ist eine gute Schule, damit umgehen zu lernen und insbesondere die Rückschläge haben mich gelehrt: Es geht immer weiter. Wenn ich eines meinem früheren Ich mit auf den Weg geben würde, dann vielleicht früher auf die (Warn-) Signale des eigenen Körpers zu hören und diesen mit mehr Respekt zu behandeln. Die ein oder andere Verletzung hätte ich mir damit vielleicht ersparen können.

Sie engagieren sich als Laufmentor und trainieren regelmäßig mit Hobbyläufern. Was sind Ihre persönlichen Motivationstipps, wenn der innere Schweinehund mal wieder zu siegen droht?

Es hilft immer, sich bewusst vor Augen zu führen, dass man sich nach dem Lauf zu 100 % besser fühlen wird als vorher. Damit will ich aber gar nicht sagen, dass es bei mir nicht auch diese Tage gibt, an denen ich mich ganz schwer aufraffen kann. Die größte Hürde ist es, über die Schwelle zu gehen. Sobald man zwei, drei Schritte gelaufen ist und seinen Rhythmus gefunden hat, ist man schon glücklich, dass man sich überwunden hat. Wenn man dann noch einen schönen Lauf hinter sich bringt – und das kann auch im strömenden Regen sein – ist dieses wohlige Gefühl von innerer Zufriedenheit garantiert.

Welche sind die größten Verletzungsgefahren beim Laufen und wie beugt man ihnen am besten vor?

Die größte Verletzungsgefahr ist in meinen Augen falscher Ehrgeiz. Zu schnell zu viel wollen führt fast zwangsläufig zu Frust und leider häufig auch zu den ersten Überlastungserscheinungen in Form von Sportverletzungen. Gerade wenn man erst kürzlich das Laufen für sich entdeckt hat, sollte man nicht direkt den Anspruch haben, täglich zu laufen, denn der Bewegungsapparat braucht gerade am Anfang Zeit, sich zu erholen. Man kann diese Erholungstage aber durchaus sinnvoll nicht-läuferisch nutzen, indem man sie für funktionales Training nutzt, um Rumpf und Rücken für das Laufen, aber auch für den Alltag im Beruf, zu kräftigen.

Wie unterscheidet sich das Trainingsprogramm eines Läufers über kürzere Distanzen von dem eines Sportlers, der an Marathons teilnimmt? Kann sich jeder Hobbyläufer theoretisch auch an einem Marathon versuchen oder ist davon eher abzuraten?

Aus meiner Sicht ist der Hauptunterschied die Integration von sogenannten „Long Runs“ im Trainingsprogramm – also Läufe, die über die 30 km hinausgehen. Komplett unvorbereitet würde ich niemandem empfehlen, einen Marathon zu laufen. Es geht gar nicht darum, dass man das nicht schaffen kann, aber im Idealfall sollte man ja auch Spaß daran haben. Eine gewissenhafte Vorbereitung über acht bis zwölf Wochen auf einen Marathon mit einigen Läufen über 30 km oder länger sind auf jeden Fall empfehlenswert. So startet man gut vorbereitet ins Rennen und freut sich im Ziel vielleicht sogar schon auf den nächsten Start.

Jeder dritte Deutsche läuft regelmäßig und mit über 200 Rennen finden doppelt so viele Marathonläufe wie noch vor 15 Jahren statt. Wie erklären Sie sich die zunehmende Begeisterung an Laufveranstaltungen?

Gerade in der heutigen Zeit sehnen sich die Menschen nach „einfachen Sportarten“, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Laufen ist vergleichsweise kostengünstig und maximal flexibel durchzuführen, ob alleine oder mit anderen zusammen. Außerdem gibt es nach wie vor das Bedürfnis, sich zu messen, egal ob mit anderen oder absolut betrachtet im Kampf gegen die Uhr. Dazu muss man auch sagen, dass sich die Laufveranstaltungen in den vergangenen Jahren massiv weiterentwickelt haben: Marathons wie in Berlin, Hamburg oder Frankfurt sind riesige Events mit Musik-Acts und hunderttausenden Zuschauern an der Strecke. Das sind einfach extrem beeindruckende Erlebnisse, die einen nachhaltig prägen!

Obwohl heute zwei Millionen Menschen jährlich in Deutschland an Laufveranstaltungen teilnehmen, gilt die Disziplin im Bereich des Profisports noch immer als Randsportart. Wie ist das zu erklären und was müsste sich ändern, um auch als professioneller Marathonläufer in der öffentlichen Wahrnehmung eine größere Rolle zu spielen?

Das mag jetzt hart klingen, aber vermutlich sind wir deutschen Marathonläufer dafür im internationalen Vergleich nicht erfolgreich genug. Erfolg ist immer ein Katalysator, der Sportarten in den Blickpunkt des nationalen Interesses rückt. Das war im Tennis so (Graf, Becker), im Skispringen (Schmitt, Hannawald) und auch im Turnen (Hambüchen). Dass (Marathon-)Laufen ein Sport für Jedermann ist, ist Fluch und Segen zugleich. Man braucht außer Schuhen kein Equipment, keine teuren Sportanlagen und kann bis auf der Sahara und der Antarktis im Prinzip überall laufen. Das sorgt in meinen Augen dafür, dass Laufen die Sportart mit der höchsten Konkurrenzdichte weltweitund es demenentsprechend schwer ist, sich hierdurchzusetzen. Dazu kommt, dass wir zwar auch in Deutschland nach wie vor riesige (Lauf-)Talente haben, aber die Rahmenbedingungen in einer sich zunehmend professionalisierenden Sportwelt hierzulande noch nicht so sind, dass man sich zu 100 % nur auf den Sport konzentrieren kann.

In „Laufen am Limit“ äußeren Sie sich meinungsstark zu mitunter heiklen Themen wie Leistungsdruck, Doping oder Sportfördersysteme. Ganz bewusst verzichten Sie auf monetäre Leistungen des Deutschen Leichtathletik- Verbands und finanzieren sich selbst. Worin liegen, Ihrer Meinung nach, die sportpolitischen Schwachstellen im Fördersystem des Verbandes?

Das Prinzip fördern und fordern ist in meinen Augen sinnvoll und gerecht, in Deutschland aber leider nicht gelebte Praxis. Hier wird viel von Sportlern gefordert, aber leider nicht im gleichen Maße gefördert. Die jungen Sportler sollen eine duale Karriere machen, sauberen Sport betreiben, am besten mindestens zweimal pro Tag trainieren und international Medaillen gewinnen. Das reicht für mindestens zwei Leben gleichzeitig, dabei ist aber noch nicht klar, woher das Geld zum Leben kommen soll. Ich kenne Leute, die daran zerbrochen sind. Burn-out, wie man das heute nennt. Ständige Existenzangst gepaart mit dauerhafter Überforderung – physisch und psychisch – ist keine gute Mischung, ich denke, das braucht man nicht zu erklären. Da sind andere Länder schon weiter. Entweder muss mehr Geld in die deutsche Sportförderung fließen oder wir müssen die Anspruchshaltung an unsere Sportler anpassen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir nicht nur viele junge Talente verlieren, sondern sie sehenden Auges ins offene Messer laufen lassen und das ist noch schlimmer.

2017 sorgten Sie für Schlagzeilen, als Sie vorzeitig den Berlin-Marathon abbrechen mussten. Können Sie rückblickend sagen, was dazu geführt hat und welche Lehren Sie aus dieser Erfahrung für den nächsten Marathon ziehen konnten?

Wir haben im Nachgang zu diesem Rennen eine ganze Reihe von Untersuchungen und Analysen durchgeführt, die aber allesamt keine eindeutigen Ergebnisse geliefert haben. Im Prinzip hatte das auch etwas von der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Rückblickend war es wohl eine unglückliche Konstellation aus widrigen Witterungsbedingungen (Kälte, Regen, Wind) und meiner sehr ambitionierten Zielstellung, was letztlich eine explosive Mischung war. Ich habe eine Weile gebraucht, das zu verarbeiten und habe mir die TV-Bilder der besagten Szenen dafür unzählige Male angesehen. Bei meinem nächsten Marathonstart in halbes Jahr später in Hamburg habe ich dann keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Mit Rückschlägen gehe ich sehr offensiv um, da ich diese so am besten verarbeiten und abhaken kann. Es geht immer weiter.

Was nehmen Sie sich für den Berlin-Marathon im September 2019 vor?

Im kommenden Herbst geht es schon um die Olympia-Tickets für Tokio 2020. Die Norm des Weltverbands liegt bei 2:11:30h. Das wäre ausgehend von meiner bisherigen Bestzeit zwar ein ordentlicher Schritt, aber einer der in meinen Augen auch längst überfällig ist. In diesem Sinne: Man wächst mit seinen Herausforderungen. Im kommenden Jahr stehen die Olympischen Spiele in Tokio an.

Wie können wir uns die Vorbereitungen auf die Qualifikation vorstellen und welche Vorkehrungen treffen Sie außerdem für die Chance auf Ihre zweiten Olympischen Spiele?

Anders als in den vergangenen vier Jahren plane ich diesen Sommer nicht ins Höhentrainingslager nach St. Moritz zu fahren. St. Moritz ist super und das Training in den Schweizer Bergen gefällt mir wahnsinnig gut, aber ich möchte diesen Sommer bewusst in Regensburg bleiben und mit meiner Trainingsgruppe trainieren, die vom Niveau her wahrscheinlich die stärkste in ganz Deutschland ist. Die Jungs werden nicht nur älter, sondern auch besser und durch das gegenseitige Motivieren entsteht eine Gruppendynamik, die allen hilft, sich auf ein neues Level zu heben.

Ein Tag im Leben des Philipp Pflieger:

06:30 Uhr: Wecker & Frühstück + Kaffee

08:00 Uhr: 15 Kilometer Dauerlauf

10:00 Uhr: 60 Minuten “Functional Training” mit Personal-Trainer

11:00 Uhr: 40 Minuten Physiotherapie

12:30 Uhr: Mittagessen

13:30 Uhr: Eine Stunde Mittagsschlaf

14:30 Uhr: Kaffee und E-Mails / Telefonate / Social Media

17:30 Uhr: 15 Kilometer Dauerlauf & Stretching

19:00 Uhr: Abendessen

20:00 Uhr: E-Mails, Lesen oder TV / Netflix

22:00 Uhr: Schlafen