Post-Marathon-Blues

Liebe Leser,

Das Leben ist wie eine Achterbahnfahrt: mal geht’s rauf, dann bleibt man, wenn alles gut geht, länger „oben“, ist super drauf, alles scheint perfekt. Und dann die Leere. Es geht bergab. Was jetzt? Sinnfrage.

Ich behaupte: Läufer haben höhere Hochs und tiefere Tiefs als die meisten „Normalos“. Ist ja klar: unser Hobby ist herausfordernd, und paradox ist es auch: denn nicht jeder Lauf ist (wie wir alle nur zu gut wissen) ein guter Lauf. Manche Trainings sind zach. Andere sind besch…eiden. Würden wir laufen, wenn jeder Lauf gut wäre, wenn jeder Lauf gleich wäre? Ich für meinen Teil nicht – das wäre fad. Außerdem könnte ich die richtig guten Trainings dann eh nicht zu schätzen wissen – und was hinzukommt: wenn laufen so einfach wäre, dann würden es alle machen, was wiederum sicher in meinem Fall dazu führen würde, es genau deshalb nicht zu machen. Ich mag nicht mit dem Strom schwimmen.

Aber zurück zum Thema: Post-Race-Blues. Kennt ihr das: man arbeitet wochen-, monatelang auf ein Ziel hin: der erste 10er, der erste Halbmarathon. Der erste 10er unter 40 Minuten. Der erste Halbmarathon unter 1:40. Unter 1:35. Der erste Marathon. Der erste Bergmarathon. Und-so-weiter. Was kommt danach? Was kommt nach dem Ziel? Na klar, man sucht sich ein neues Ziel. Problem ist nur: das dauert. Und die Ziele werden, mit steigendem Trainingszustand, auch immer „zacher“ zu erreichen. Weil ein Halbmarathon unter 2 Stunden am Anfang zwar ein großes Ziel ist, aber die Verbesserung von 1:30 auf 1:25 im Allgemeinen viel, viel schwieriger. Und dann kommen die Ziele, auf die man hin arbeitet (neue Marathon Bestzeit zum Beispiel), und sie dann aber nicht erreicht. Bis zum nächsten Marathon also. Da kommt dann aber auch wieder was dazwischen, eine Erkältung zum Beispiel. Und zack. Wieder ein paar Monate warten. Warten, warten. Laufen wie die Blöde, sich schinden. Man fragt sich: wo ist denn nun die Leichtigkeit, die ich vor ein paar Monaten noch verspürt habe, wo ist die Zuversicht? Warum das alles? Mental wird’s schwieriger, obwohl ich körperlich immer zäher, immer härter werde. (Oder auch nicht… wer weiß. Vielleicht bin ich einfach ein Weichei und meine Selbsteinschätzung ist schlichtweg unrealistisch. Hm.)

Bei mir ist es immer so: Je mehr ich mich vor einem Rennen „fürchte“, je länger ich darauf hin arbeite, und je schwieriger das Rennen an sich dann ist, umso „geiler“ das Gefühl in den ersten paar Tagen danach. Man fühlt sich unbesiegbar, man hat seine Grenzen wieder einmal ausgelotet, ist über sich hinaus gewachsen, und stärker gewesen als man selbst es für möglich gehalten hätte. Man ist richtig stolz. Und auf einmal, nach circa einer Woche – zack. Aus das Hochgefühl, alles ist Leere. Ich trainiere ja eh weiter, sogar viel härter als man nach einem Marathon / Bergmarathon in den ersten Tagen und Wochen trainieren sollte. Aber es fühlt sich nicht richtig an. Irgendwie zu locker, aber auch zu zach. Warum, warum mache ich das? Was ist mein nächstes Ziel? Verdammte Off-Season. Ich will wieder rennen, und zwar schnell. Will mir selbst wieder was beweisen. Das nächste Rennen ist aber noch sooo weit weg. Ich dreh durch.

Mein persönliches Rezept gegen die Post-Race-Blues: 1. Ablenkung: Kunst und Kultur, Literatur, Familie, Freunde. Billard, Kino, Musizieren, etc. Was euch einfällt! Alles außer Laufen eben. (Crossfit hab ich sogar in Erwägung gezogen, so weit ist es gekommen!) 2. Drauf achten, dass >70% des Trainings in der Wohnfühl-Zone liegen. Das heißt für mich: beim Laufen chillen. 5er Schnitt, oder noch langsamer. Nachdenken. Laufen ohne Schnaufen.

Und irgendwann kommt dann wieder diese spontane Lust am Training, die Leichtigkeit und Unbekümmertheit. Egal ob ein Wettkampf ansteht oder nicht. Man übertaucht die Depri-Phase, und beim nächsten Marathon wird man hoffentlich wieder ganz oben schweben.

Eure Liesl