Teil 58 (KW 29/2019): Rainer Zammernig

Rainer Zammernig ist ein leidenschaftlicher Läufer mit tollen Bestzeiten. Der 39-jährige Bayer hat seit dem Jahr 2015 20 Kilogramm abgenommen. Im Interview erzählt uns Rainer von dem tollen Gefühl nach einer harten Trainingseinheit und warum er in diesem Leben kein Triathlet mehr wird.

Helden des Laufsports: Hallo Rainer. Du bist ein flotter Bayer mit einer Marathon-Bestzeit von 02:45 Stunden. Seit wann bist du so sportlich?

Rainer: Erstmal vielen lieben Dank für die Einladung. Vorab zum Thema „Bayer“: mit diesem Titel darf ich mich nicht schmücken. 😊 Ich bin ein gebürtiger Kärntner, der zwischenzeitig in Bayern lebt und in Salzburg arbeitet – quasi ein kultureller Mix. Gerne bewegt habe ich mich eigentlich schon immer. In meiner Kindheit bin ich aber nicht den klassischen Weg über einen Fußballverein gegangen. Da habe ich bereits im ersten Training gemerkt, dass das nicht mein Sport ist. 😊 Meine Jugend habe ich mehr oder weniger im Rennradsattel verbracht, tausende Kilometer abgespult und an unzähligen Rennen teilgenommen. Dort wurde ich mit dem Virus des Ausdauersports infiziert. Ab dem Bundesheer ist es sportlich gesehen etwas ruhiger geworden. Viel mehr Bewegung als gelegentliches Squash spielen, kurze Spaziergänge oder Radausfahrten gab es nicht mehr. Bis zu jenem Tag im April 2015, wo ich beschlossen habe, dass ich die 90 Kilo Körpergewicht nicht erreichen will und mich ein damaliger Freund zum Laufen mitgenommen hat. Im Herbst 2015 sind wir dann unseren ersten gemeinsamen Halbmarathon gelaufen. Zwischenzeitig sind es bei mir vier Marathons sowie zwei Ultraläufe geworden und die Waage zeigt knapp 20 Kilo weniger an.

Hdl: Was bedeutet das Laufen für dich?

Rainer: Der Laufsport hat grundsätzlich mein ganzes Leben verändert und mit diesem neuen Lebensgefühl geht es mir sehr gut. Die Zeit beim Laufen ist Me-Time pur. Ich bin offline, kein Handy stört. In diesen Momenten gibt es nur meine Garmin und mich. Egal wie der Tag war oder was mich beschäftigt: nach dem Lauf bin ich quasi auf Werkseinstellungen zurückgesetzt. Es ist aber auch immer wieder schön, mit Gleichgesinnten/-bekloppten mit einer Startnummer auf der Brust zu laufen oder einfach nur über unser Hobby zu sprechen. Die Lauf-Community ist generell etwas Besonderes. Durch das Laufen bzw. durch Strava und Co. habe ich unzählige neue Bekanntschaften geschlossen und auch den einen oder anderen „virtuellen Kontakt“ durfte ich auch schon persönlich kennenlernen. Klar, es ist für mich auch ein gewisser Reiz, mir immer wieder neue Ziele zu setzen um dann beim Training bzw. im Wettkampf meine Komfortzone zu verlassen, an meine Grenzen zu gehen und diese sogar zu verschieben.  Ab und zu erwische ich mich dann wieder, dass ich das Ganze wieder zu motiviert und kritisch durchziehe. Bewusst ist mir das bei der diesjährigen TV-Übertragung des Wings-For-Life-World-Run wieder geworden. Wir jammern beim Laufen oft über zu heißes Wetter, Regen, zu kalte Temperaturen, Wind oder wenn man das gesteckte Ziel dann doch nicht schafft. Im Endeffekt muss man jeden Tag froh sein, gesund wach zu werden und laufen gehen zu können.

Hdl: 2018 bist du beim Frankfurt Marathon 02:45 Stunden gelaufen. Wie verlief das Rennen aus deiner Sicht?

Rainer: Die Vorbereitung war nicht auf eine spezielle Ziel-Zeit ausgerichtet. Die magische Marke von sub3 habe ich im Jahr zuvor in Berlin geknackt. Im Laufe des Jahres habe ich mir dann schon zugetraut, diese Marke noch um ein paar Minuten nach unten drücken zu können. In Summe war ich mit der Vorbereitung zufrieden und bin von Krankheiten und Verletzungen verschont geblieben. In der Woche vorm Marathon habe ich mich dann noch mit dem Trainer bzgl. Pace und Zeit abgestimmt. Rein von meinem persönlichen Gefühl hätte ich eine Endzeit von 2:52 Stunden angepeilt. Mein Trainer war da – wie immer – etwas motivierter und hat von 2:45 Stunden gesprochen. Für mich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellbar. Am Tag vor dem Lauf haben wir uns dann die berühmt berüchtigte Messehalle angesehen. Dort läuft man nach 42 Kilometer auf einem roten Teppich ein und wird von tausenden Zuschauern sowie einer lässigen Lichtershow und Konfettiregen erwartet. Es war schon da ein Gänsehauterlebnis und das Adrenalin stand mir bis Oberkante Unterlippe. Am Renntag fegte ein zum Teil stürmischer Wind durch die Stadt. Mal abgesehen davon war es genau mein Laufwetter: bedeckt und knapp 10 Grad – obwohl beim Warm-Up habe ich schon ziemlich gefroren. 😊 Aufgestellt im Startblock habe ich mich dann dazu entschieden, doch den ambitionierten Plan vom Trainer zu verfolgen und bin mit einer Pace von 3:54min/km gestartet. Ich bin super ins Rennen gekommen, habe immer wieder eine Gruppe erwischt, die mein Tempo gelaufen ist. Die fünf Kilometer-Splits waren sehr gleichmäßig und es gelang mir unglaublich konzentriert und fokussiert zu laufen. Bei 35 Kilometer wurde es dann – wie immer im Marathon – hart und der innere Schweinehund musste teilweise an die kurze Leine genommen werden. Die letzten drei, vier Kilometer habe ich mir nur noch die Festhalle vorgestellt und bin einfach gelaufen, was die Beine hergaben. Den Einlauf inkl. der Zurufe meiner mitgereisten Familie habe ich dann in vollen Zügen genossen und vorlauter Emotionen auch die eine oder andere Träne weggedrückt. Genau das sind die Erlebnisse, für die es sich immer wieder lohnt zu trainieren.

Hdl: Du wohnst in Freilassing. Wie sind dort deine Trainingsmöglichkeiten?

Rainer: Diesbezüglich glaube ich behaupten zu können, dass ich im läuferischen Paradies wohne. Egal was auf meinem Trainingsplan steht: ich kann immer von meiner Haustüre starten und das Training beginnen. Neben einer öffentlich zugänglichen 400 Meter Bahn gibt es unzählige Asphaltstraßen, Forst- und Schotterwege in und rund um Freilassing. Die langen, flachen Einheiten laufe ich entlang der Salzach/Saalach (Grenzfluss zwischen Salzburg und Bayern). Entweder auf Asphalt Richtung Salzburg oder aber auf Schotterwegen entlang Richtung Bad Reichenhall. Wenn es dann auch mal Höhenmeter sein sollten, sind einige Hügel in unmittelbarer Umgebung und auch die Salzburger Berge (z.B. der Gaisberg oder Untersberg) bzw. die Salzburger Stadtberge (Mönchsberg und Kapuzinerberg) befinden sich quasi vor der Haustür. Natürlich bieten auch der angrenzende Chiemgau inkl. Chiemsee bzw. die Regionen rund um den Fuschlsee bzw. den Wolfgangsee läuferisch viele Highlights an.

Hdl: Wie viel Zeit investierst du pro Woche in Training – und wie sieht dein Trainingsalltag aus?

Rainer: In Sachen Training unterstützt mich ein Triathlet und begnadeter Läufer aus meiner Region. Wir stimmen uns bezüglich meiner Ziele ab und tauschen uns wöchentlich über die Trainingseinheiten aus. In der Regel habe ich drei Belastungswochen, gefolgt von einer Erholungswoche. In den Belastungswochen gibt es die klassischen Einheiten wie Intervalle, Tempolauf und den langen Lauf. Die Intensität bzw. Umfänge variieren natürlich, je nachdem in welcher Phase der Saison ich mich befinde. In der Woche kommen so max. 80 bis 90 Kilometer zusammen. Andere Läufer, die ähnliche Wettkampfzeiten haben, laufen hier oft weit über 100 Kilometer pro Woche. Bei meinem Trainer steht aber eindeutig Qualität vor Quantität. Dadurch fallen „leere“ Laufkilometer Großteils weg. Neben drei bis vier Laufeinheiten pro Woche, stehen auch noch Krafteinheiten, Lauf-ABC und Stabilisationsübungen sowie Blackroll und die wichtigen Regenerationstage am Trainingsplan. So akribisch wie ich meine Lauftrainings absolviere, so konsequent ziehe ich auch das weniger geliebte Ausgleichstraining sowie die Erholungstage durch, auch wenn letzteres oft schwerfällt. 😊 In Summe kommen da schon so einige Stunden pro Woche zusammen. Im letzten Belastungsblock waren es zum Beispiel pro Woche zwischen 7,5 und 9 Stunden. Die Art, wie das Training geplant wird, ist aber abwechslungsreich und macht mir Spaß

Hdl: Intervalle oder Dauerlauf? Welche Trainingsform ist dein Favorit?

Rainer: Ich glaube da gibt es keinen Favoriten bei mir. Beide Trainingsformen haben ihren Reiz. Natürlich fällt der erste Schritt zu einem Intervalltraining schon ab und zu schwer, aber für mich ist es beim Laufen auch wichtig, hin und wieder an meine Grenze zu gehen und den Körper zu spüren – auch wenn es in dem Fall Schmerzen sind. Und das Gefühl nach einer geschafften harten Trainingseinheit ist unbeschreiblich. Besser nachdenken und Chaos im Kopf sortieren lässt sich natürlich bei einem Dauerlauf, wenn man zwei Stunden im angenehmen Lauftempo unterwegs ist.

Hdl: Dein Verein ist der „RSV Freilassing Triathlon“. Trainiert ihr viel gemeinsam und bist du auch Triathlet?

Rainer: Für mich ist es schon sehr herausfordernd, meinen Alltag so zu organisieren, dass ich Training, Beruf und Familie unter (m)einen Hut bekomme. Deshalb bin ich eher der Typ Einzelkämpfer und trainiere dann, wenn ich es zeitlich schaffe, zumeist zeitig in der Früh. Es freut mich dann aber immer wieder, mit meinen laufenden Tri-Kollegen an einer Startlinie zu stehen oder wenn man sich so mal trifft, sich über das eine oder andere Thema auszutauschen. Nein, Triathlet bin ich keiner. Im letzten Winter habe ich zwar in einem Schwimmkurs versucht meine Kraultechnik zu verbessern, aber nach der Hälfte des Kurses habe ich dann beschlossen, einfach beim Laufen zu bleiben. 😊 Und anscheinend bin ich schon als reiner Läufer ein schwierig zu trainierender Sportler, denn mein Trainer hat mal gesagt, dass er es nervlich nicht packen würde, mich zum Beispiel auf meinen ersten Ironman vorzubereiten. 😊  

Hdl: Den Ultralauf „Mozart 100“ hast du auch schon absolviert. Erzähl uns davon.

Rainer: Den Großteil meines Trainings absolviere ich auf Asphalt und ohne Höhenmeter. Es gibt aber hier bei uns im Salzburger Land den „Mozart100“, ein Ultra-Traillauf-Event in einem landschaftlich einzigartigen Ambiente. 2016 und 2017 war ich bereits auf der 30 Kilometer-Runde von Fuschl am See nach Salzburg am Start und es war jedes Mal ein besonderes Erlebnis. 2018 wollte ich dann testen, was mit meinem Körper passiert, wenn ich nach 42,195 Kilometer nicht stehen bleibe. Deshalb habe ich mich zum Mozart Ultra angemeldet. Die Route führt von der Salzburger Altstadt nach Fuschl am See und wieder zurück über knapp 63 Kilometer mit knapp 2.000 positiven und 2.000 negativen Höhenmetern. Zum Vergleich: in einem Trainingsmonat laufe ich für normal keine 1.000 Höhenmeter.  Bis auf drei längere Trailläufe mit Höhenmetern habe ich mich dafür nicht speziell vorbereitet. Umso überraschter war ich, als ich nach 06:48 Stunden auf Gesamtplatz sechs die Ziellinie überquerte. Phasenweise haben mir die Höhenmeter schon zu schaffen gemacht und ich war auch oft an meinen Grenzen, aber am Ende des Tages war es wieder ein einzigartiges Lauferlebnis. Das Organisationsteam rund um diesen Event leistet jedes Jahr sehr gute Arbeit. Dieses Jahr war ich nicht am Start, aber es hat mich gefreut, ein kleiner Teil des Teams zu sein. Ich habe nämlich für ein paar Stunden die Labestation in Fuschl am See betreut und wieder viele bekannte Gesichter gesehen.

Hdl: Welche Pläne hast du für deine sportliche Zukunft?

Rainer: John Lennon formulierte es bereits sehr treffend: „Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“. Ich mache mir darüber um ehrlich zu sein wenig Gedanken. Aktuell scheint das Training noch zu funktionieren bzw. schaffen wir es durch setzen neuer Reize, doch noch das eine oder andere Mehr an Leistung aus meinem Körper zu holen. So lange es mir auf diesem Niveau Spaß macht und ich von gröberen Verletzungen verschont bleibe, kann mir schon vorstellen, die Zeiten bei Straßenläufen bis zur Marathondistanz noch etwas zu verbessern. Für mich haben aber auch Trailläufe bzw. Ultradistanzen ihren Reiz, wo dann nicht nur die Zeit im Vordergrund steht. Erst am letzten Wochenende bin ich beim “MOUNTAINMAN – Trail.Run.Hike” am Start gewesen und erreichte am Ende als dritter das Ziel. Mal sehen, wohin die Reise geht.

Hdl: Was machst du in deiner Freizeit wenn du nicht gerade sportlich unterwegs bist?

Rainer: Neben einem Vollzeitjob und dem Trainingsplan bleibt nicht mehr so viel Freizeit übrig, aber die gehört meiner Frau und unserer Familie. Und so gerne ich auch sportlich unterwegs bin, so sehr genieße ich es einfach einmal nur auf der Couch zu liegen und Musik zu hören oder einen Film anzuschauen.

Hdl: Danke für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.