Teil 1 (KW26/2018): Reinhard Buchgeher

Reinhard ist 30 Jahre und wohnt in Marchtrenk. Beruflich ist er Gymnasiallehrer in Wels (OÖ). Reinhard ist leidenschaftlicher Läufer, genauer gesagt Ultraläufer. Vor kurzem wurde der ehemalige Turniertänzer zum zweite Mal österreichischer Meister über die 100 Kilometer-Distanz. In diesem Interview spricht er über sein Training und die bevorstehende WM in Kroatien. Heldendes Laufsports: Servus Reinhard! Hast du dich nach dem 100er in Wien schon wieder erholt? Buchgeher: Hallo Mario! Ich fühle mich nach einem langen Lauf relativ schnell erholt, den normalen Trainingsrhythmus kann ich aber erst nach zirka drei Wochen wieder aufnehmen. Obwohl mir nach sehr kurzer Zeit oft wieder schnell nach Trainieren zumute ist, habe ich gelernt Parameter wie Häufigkeit, Intensität und Umfang nach einem intensiven Wettkampf nicht allzu schnell wieder anzuheben. Hdl: Wie warst du dort mit dem Rennverlauf zufrieden? Ich gehe ja davon aus dass nach einem Titelgewinn ja nicht so viel falsch gelaufen ist. Buchgeher: Wenn du Staatsmeister wirst, ist an diesem Tag auf jeden Fall alles richtig gelaufen. Wichtig ist für mich aber vor allem, dass ich mich im Rennen an meine eigenen Vorgaben gehalten habe. Mein Ziel war ein kontrolliertes Rennen zu laufen und vor allem in Phasen, in denen ich müde werde, das Tempo zu halten. Da mir das gelungen ist, bin ich mit dem Rennverlauf sehr zufrieden. Hdl: Wie sehr hast du im Vorfeld der Meisterschaften daran geglaubt den Titel tatsächlich zu holen? Buchgeher: Ehrlich gesagt habe ich im Vorfeld gar nicht über einen möglichen Titelgewinn nachgedacht. Als ich am Wettkampftag bemerkt habe, dass die aktuell besten 100km-Läufer Österreichs nicht am Start sind, habe ich gewusst, dass sich bei einem problemlosen Lauf mindestens eine Medaille ausgehen kann. Hdl: 04:44min/km auf 100 Kilometer, eine sensationelle Leistung. Wieviel muss man da in einer intensiven Woche trainieren? Buchgeher: Das ist insofern eine brandaktuelle Frage, als dass ich mich derzeit selbst wieder sehr genau mit der Trainingssteuerung auseinander setze. In den letzten Jahren habe ich sehr genau an einem Trainingsplan festhalten wollen, was so gut wie gar nicht funktioniert hat. Seit dem heurigen Frühjahr passe ich das Training jede Woche an Aufwand im Arbeitsalltag, körperliches Befinden, Lust und Laune sowie Zeit für mein Privatleben an. Umfangreiche Wochen können zwischen 150 und 200 km aufweisen, intensive Wochen enthalten zum Beispiel zwei Trainingswettkämpfe zwischen 5 und 42 km. Hdl: Wie sieht so eine Woche dann im Detail aus? Buchgeher: Eine Woche mit hohem Trainingsumfang beinhaltet zum Großteil langsame Dauerläufe, die die Hälfte der Distanz ausmachen. Etwa ein Achtel absolviere ich im Schwellenbereich oder darüber, der Rest sind flotte Dauer- oder Tempowechselläufe. Ich setze auf sehr viel Abwechslung, das heißt, dass ich üblicherweise an zwei Tagen hintereinander nie im selben Trainingsbereich laufe. Eine intensive Woche mit zwei Trainingswettkämpfen beinhaltet ansonsten eigentlich nur lockere Dauerläufe in einem persönlichen Wohlfühltempo. Hdl: Nach dem Gewinn der Staatsmeisterschaft in Wien steht in Kürze die WM in Kroatien am Programm. Mit welchen Erwartungen fährst du nach Sveti Martin na Muri? Buchgeher: Nach 2015 werde ich zum zweiten Mal bei einer WM starten. Damals bin ich nach einer sehr starken ersten Hälfte nach Kilometer 60 ordentlich eingegangen und trotzdem noch deutlich unter 8 Stunden geblieben. Für heuer habe ich mir vorgenommen kontrollierter zu starten – ähnlich wie bei der Staatsmeisterschaft. Ich erwarte mir aber kein sehr schnelles Rennen, da die Strecke kupiert ist und großteils keine Schattenmöglichkeit bietet. Dennoch möchte ich meine persönliche Bestleistung ansteuern. Unser Kader ist so stark wie schon lange nicht, was jedem von uns zusätzliche Motivation bringen könnte. Hdl: Jetzt zum Thema Ultralauf allgemein. Warum Ultra? Ist Marathon nicht genug? Buchgeher: (lacht) Mit dieser Frage habe ich gerechnet. Mit 21 Jahren bin ich meinen ersten Marathon gelaufen und habe dabei Spaß am Laufsport gefunden. Zum Ultralauf bin ich eigentlich durch damalige Vereinskollegen gekommen. Nachdem ich ein paar Bewerbe als Zuseher besucht hatte, stand ich 2013 zum ersten Mal über 100 km am Start und dann irgendwie in die sehr familiäre Ultralaufgemeinde in Österreich hineingewachsen. Ich denke, dass Ultralauf eine absolut puristische Disziplin ist, in der du dich sehr intensiv mit dir selbst beschäftigst. In den zahlreichen langen Trainingseinheiten, die ich alleine absolviere, reflektiere ich über meine Erlebnisse aus dem Alltag und kann viele Dinge verarbeiten. Außerdem habe ich gelernt geduldig zu sein. Einen Ultralauf gewinnst du ja auch nicht in der ersten Stunde. Hdl: Speziell in den Bewerben in welchen du unterwegs bist läuft man meist Runden mit 2 bis 10 km und das stundenlang. Was fasziniert dich am Rundenlaufen? Buchgeher: Rundenlaufen ist eine große mentale Herausforderung, alleine schon weil es Überwindung kostet sehr oft auf dieselbe Runde zu gehen, auf der du immer wieder dieselben Dinge siehst. Aber du bist deinen Konkurrenten sehr nah und hast immer die Möglichkeit deinen eigenen Verpflegungsstand zu nutzen. Das taugt mir richtig. Und irgendwie fühlt man sich wie ein Rennfahrer, nur mit weniger PS… Hdl: Mit deinen 30 Jahren bist du in der Szene einer der Jüngeren, würde es dich nicht reizen mal einen Marathon so schnell wie möglich zu laufen? Ein Training das viel auf Ausdauer ausgelegt ist und wo man viele lange Läufe machen muss fördert vermutlich nicht den Speed? Buchgeher: Es reizt mich tatsächlich jedes Jahr aufs Neue auf einen schnellen Marathon zu trainieren. Irgendwie wird’s dann jedes Mal wieder nichts. Derzeit fühle ich mich beim 100er einfach am wohlsten, weil er vielleicht die Disziplin ist, bei der ich meine Stärken am besten ausspielen kann. Hdl: Weltweit laufen die Menschen heute sehr viel, Ultraläufe machen natürlich verhältnismäßig nur Wenige. Wie kannst du den Läufer/innen Ultra schmackhaft machen? Buchgeher: Ich denke, dass Ultralaufen sehr viel positive Auswirkungen auf das Berufs- und Privatleben haben kann. Man lernt seinen Körper besser kennen und kann zum Beispiel sehr viel genauer einschätzen, nach welchen (gesunden) Nahrungsmitteln der Körper dann automatisch verlangt. Man erkennt viel genauer, was einem gut tut. Neben dem Lernen von Dankbarkeit für die kleinen Dinge des Alltags und Geduld schließt man auch sehr viele neue Freundschaften. Hdl: Und was sagt du denen die sagen: „alles Spinner“ oder „die ruinieren ja nur ihren Körper“? Buchgeher: Eigentlich sage ich immer, dass es darauf ankommt, wie man sich auf eine so große Belastung vorbereitet und wie man nach dem Wettkampf weitermacht. Ein gezielter Trainingsaufbau, die langsame Gewöhnung an große Distanzen und vorbeugende Untersuchungen von Arzt sowie regelmäßige Checks in der Physiotherapie sind meiner Meinung nach unerlässlich. Und wenn du dem Körper nach dem Wettkampf ausreichend Zeit zur Erholung gibst, glaube ich nicht, dass es einen ruiniert. Hdl: Hattest du schon mal gröbere Verletzungsprobleme? Buchgeher: Wenn du Sehnenentzündungen als grob bezeichnen willst. (grinst) Länger als drei Wochen musste ich mit dem Laufen nie pausieren. Hdl: Was sind deine großen Ziele in den nächsten Jahren? Buchgeher: Die großen Ziele betreffen eigentlich mein Privatleben. Als Hobbysportler schaue ich im Laufsport immer auf das, was sich jedes Jahr an Möglichkeiten ergibt. Sehr langfristige Ziele gibt es sportlich gesehen nicht. Hdl: Anderes Thema – Bewegung allgemein. Du bist Lehrer und hast somit viel mit Kindern/Jugendlichen zu tun. Stimmt es dass die Jugend von heute, im Gegensatz zu früher, fauler ist und sich immer weniger bewegt? Buchgeher: Das kann ich an dieser Stelle nicht beurteilen. In der Schule unterrichte ich Mathematik und Physik und habe mit sportlichen Aktivitäten sehr selten zu tun. Aber ich bin Klassenvorstand einer dritten Klasse Gymnasium und scheine die Kinder mit meiner Begeisterung irgendwie angesteckt zu haben. Heuer fahren wir zum dritten Mal hintereinander zu einem mehrstündigen Staffelbewerb. Hdl: Warst du als Kind viel in Bewegung und wann hat dich die Laufleidenschaft gepackt? Buchgeher: Die Begeisterung für Sport war bei mir schon immer vorhanden, sowohl aktiv als auch im Mitfiebern bei großen Events. Als Kind und Jugendlicher habe ich sehr viel getanzt, bin sehr oft auf der Bühne gestanden. Irgendwann wollte ich dann eine Sportart ausüben, bei der ich zeitliche Planung, Training und Termine selbst organisieren konnte. Das ganze Paket selbst in der Hand zu haben, gefällt mir am Laufsport sehr. Hdl: Berufsleben und Ultralaufen. Kann man da gegenseitig was lernen? Buchgeher: Ja, es gibt sehr viel Parallelen. Für mich stehen Körperbewusstsein, Geduld und konsequentes Arbeiten an sich selbst im Fokus. Aber ich denke, dass du offen sein musst dafür, die Parallelen zu erkennen. Hdl: Als abschließende Frage noch die Wichtigste! Wer sind bei der Ausübung deines „Hobbys“ deine größten Unterstützer oder bist du ein Einzelkämpfer? Buchgeher: Generell sehe ich mich schon als Einzelkämpfer. Ohne dass mich Familie und Freunde im Alltag unterstützen, meine Trainingsumfänge akzeptieren und manchmal auch mit mir mitfiebern, könnte ich meinen Sport bei weitem nicht mit so viel Lockerheit ausüben. Hdl: Danke Reinhard für das Interview und viel Erfolg in Kroatien. Buchgeher: Vielen Dank Mario!

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