Rekordläufer Wolfgang Michl: „Wenn ich über diesen Lauf spreche, muss ich immer grinsen“

Rekordläufer Wolfgang Michl: „Wenn ich über diesen Lauf spreche, muss ich immer grinsen“

Wolfgang Michl wurde bei der 100-km-WM in Berlin 25. und erreichte nach 6:51 Stunden das Ziel. Diese Zeit bedeutete auch neuen österreichischen Rekord über diese Distanz. Am kommenden Wochenende startet der Vorarlberger bei der 24-h-EM in Verona (Italien). Im Interview spricht der 39-Jährige über seinen Rekord und gibt uns Einblicke in sein Training.

Wolfgang Michl.

Helden des Laufsports: Österreichischer Rekordhalter über 100 Kilometer! Hast du das schon realisiert?

Wolfgang Michl: Ob ich schon die gesamte Tragweite verstehe, kann ich nicht genau sagen…alles andere habe ich schon gut realisiert und genieße es sehr. Wenn ich über diesen Lauf spreche oder daran denke, muss ich immer grinsen.

Hattest du den Rekord bereits im Vorfeld im Visier?

Ich wollte die Tagesform abwarten, hatte aber schon im Vorfeld den Plan den Rekord zu attackieren, wenn ich mich am Morgen gut fühle. Davon wussten außer mir jedoch nur zwei Personen.

Wie hast du das Rennen erlebt?

Kurz gesagt, es war ein sensationeller Lauf, der nicht besser sein hätte können! So gut wie alles lief nach Plan oder sogar besser!

Ich wollte die Einführungsrunde (2,5 km) zügig laufen, um einen guten Platz zu haben und mich aus dem größten Gedränge rauszuhalten, um mich danach, für die folgenden 13 Runden zu je 7,5 km, bei einer konstanten Pace einpendeln. Da ich mich in der Position jedoch sehr gut gefühlt habe, wurde der Plan angepasst und ich lief weiterhin mit der Gruppe, stets knapp unter 4:00 Minuten pro Kilometer. Ein hohes Risiko, waren wir für mein Ziel doch pro Kilometer ca. 10 Sekunden zu schnell unterwegs. Es hat sich allerdings gut und richtig angefühlt! So flogen wir regelrecht durch die ersten Runden und es hat richtig Spaß gemacht. Als wir bei ca. 2:46 h den Marathon absolviert hatten, begann ich erstmals ein wenig zu überlegen, was die Pace angeht, da meine Bestzeit ja lediglich bei 2:42 h steht. Egal, dachte ich, in der zweiten Hälfte werde ich sowieso langsamer und dann bin ich froh, wenn ich ein kleines Zeitpolster habe. Also bin ich weiterhin mit Druck gelaufen, bis sich die Gruppe völlig aufgelöst hatte und ich allein unterwegs war. Den Rekord immer im Kopf, deutlich unter den Durchgangszeiten, begann ich nun auch bei der offiziellen Verpflegungsstation etwas zu trinken und nahm mir die Zeit, bei unserem Verpflegungszelt stehen zu bleiben und mich in Ruhe, gehend zu verpflegen. Dadurch und durch die zunehmende Erschöpfung wurde meine Pace zwar langsamer, aber nach wie vor war ich klar auf Kurs. Ein Stich in der linken Wade (was auch immer es war) brachte mich nach gut 60 Kilometern kurz aus dem Schritt und Zwang mich sogar stehen zu bleiben, ein Schock. Beim Versuch weiterlaufen hat sich das Stechen glücklicherweise schnell zurückgezogen und ich konnte problemlos weitermachen. Ab jetzt war allerdings die Angst in jeder der noch ausstehenden 180 Grad Kehren (gesamt waren es 28) mein ständiger Begleiter. Nach einem kleinen mentalen Hänger ging es auf die letzten 20 Kilometer, die waren gefühlt extrem lange, vor allem die Schlussrunde, verliefen aber nahezu problemlos. Der ständige positive Zuspruch von allen Teamkollegen, auf und neben der Strecke war sehr motivierend und eine ganz tolle Erfahrung. Ich wusste, dass sich der Rekord ausgehen kann, hatte dir Uhr ständig im Blick und habe nebenbei die nötige Pace berechnet. Aber bei Ultras kann immer was passieren und es ist erst geschafft, wenn man im Ziel ist. So blieb ich bis zum Ende voll fokussiert und habe alles gegeben.

Kannst du deine Gefühle im Ziel beschreiben?

Nur schwer! Auf der einen Seite war ich vollkommen erschöpft und leer, gefühlt hätte ich keine Sekunde schneller laufen können…Schmerzen in den Beinen…Müdigkeit…auf der anderen Seite war da eine Riesenfreude, Adrenalin, Energie und Stolz, dass ich es tatsächlich geschafft habe unter 7 Stunden zu laufen und den Rekord zu brechen…ein wirklich geniales Gefühl.

Abgesehen vom Rekord, wie zufrieden bist du mit deiner Platzierung?

Ich finde den 25. Platz bei einer WM hoch erfreulich, bin damit total glücklich! Möchte aber erwähnen, dass mir der Ö-Rekord wesentlich wichtiger ist. Wenn ich den Rekord mit einem 50. Platz gebrochen hätte, wäre die Freude keine Spur kleiner.

Wie hast du dich auf die WM vorbereitet? Wie sah eine intensive Trainingswoche bei dir aus?

Ich trainiere nicht nach Plan, sondern mache, wozu ich Lust habe. Zum Glück habe ich oft Lust auf viel Sport! So waren es bis Ende August ca. 850 Stunden Sport in diesem Jahr. Intensive Wochen vor der WM sahen zum Beispiel so aus. Ende Juli, gesamt ca. 35 Stunden, 171km Laufen und 747km Rad/Zwift. Mitte August, gesamt ca. 35 Stunden, 204km Laufen und 533km Rad/Zwift

Was sind deine nächsten Ziele?

Vom 17.-18.09. darf ich bei den IAU 24h European Championships in Italien erneut für das Nationalteam starten. Wenn mein Körper danach immer noch nicht erledigt ist, starte ich am 15.10. bei der Backyard Ultra World Team Championships in Seekirchen.

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