Ross Barkley: Unfassbar oder doch nicht?

„Chelsea-Star absolviert Fünf-Kilometer-Lauf in unfassbarer Zeit“, das titelte „Sky Sport Austria“ am 17.04.2020. Mittelfeld-Mann Ross Barkley absolvierte einen Trainingslauf in 16:11 Minuten. Das ist eine Pace von 03:14 Minuten pro Kilometer. Viele Hobbyläufer machen da (zu Recht?!) große Augen. Aber wie unfassbar ist diese Zeit wirklich? Ross Barkley ist Profi und hat die absolut besten Rahmenbedingungen welche man sich nur vorstellen kann. Auf Facebook wird kräftig diskutiert ob das jetzt nun gut ist oder nicht? Fakt ist, dass man mit dieser Zeit bei Österreichische Meisterschaften nicht einmal im Nachwuchsbereich Chancen auf eine Top-Drei Platzierung hat. Aber kann man Fußball und Laufen überhaupt miteinander vergleichen? Wir haben mit einem Mann gesprochen der es wissen muss. Stefan Arvay, Sportwissenschaftler und selbst erfolgreicher Triathlet, ist seit über 20 Jahren im Profifußball tätig. Aktuell unter anderem als Athletikcoach im U21 Nationalteam.

Helden des Laufsports: Salopp gefragt: Was müssen Fußballprofis auf fünf Kilometer laufen können?

Stefan: Das kann man eigentlich so nicht sagen, weil ein Fußballer ja nie fünf Kilometer laufen muss. Es macht auch wenig Sinn Fußballer über so eine Distanz zu beurteilen, da ja in einem Spiel was ganz was anderes gefordert wird. Die 16:11 Minuten von Ross Barkley sind sicherlich ausgezeichnet, das laufen nicht viele Kicker.

Hdl: Welche Rolle spielt die Ausdauer und die Athletik im modernen Fußball?

Stefan: Die Ausdauer spielt natürlich eine große Rolle, aber das ist natürlich eine spezifische Ausdauer. Ein Fußballer macht 1.400 bis 1.500 Einzelaktionen in einem Spiel. Fußball und den Laufsport kann man eigentlich nicht vergleichen. Es ist nicht relevant welche Zeit Kicker über fünf, zehn oder 21 Kilometer laufen können. Fußballer brauchen eine gewisse aerobe Basis. Ich würde sagen mindestens 15 km/h an der anaeroben Schwelle, also ein Tempo, dass man ca. eine Stunde laufen kann. Viel wichtiger ist aber eine hohe Schnelligkeit, welche die Fußballer so oft wie möglich über 90 Minuten wiederholen können sollten.

Hdl: Wie viel Lauftraining, speziell in der Saisonvorbereitung, macht ein Fußballer?

Stefan: Im Vergleich zu den letzten 20 Jahren ist das Lauftraining im Fußball deutlich zurückgegangen. Ein klassisches Trainingsprogramm in den Übergangsperioden sieht fünf oder sechs Laufeinheiten im Ausdauerbereich vor. Da sind auch spezifische Intervalleinheiten dabei. Bei Ballsportarten sind kurze Intervalle mit Richtungsänderung extrem wichtig. In der Saison wird im Profibereich teilweise gar nicht mehr gelaufen. Das Ausdauerprogramm wird fast nur mehr mit dem Ball absolviert, die Einheiten im regenerativen Bereich oder zur Verbesserung der Grundlagenausdauer auch am Ergometer, weil hier die muskuläre Belastung geringer ist.

Ross Barkley ©Wikipedia

Hdl: Ausdauer oder Schnelligkeit? Was ist wichtiger beim Fußball?

Stefan: Fußballer laufen auf ganz kurze Distanzen 30 bis 35 km/h. Ein Spieler mit einer schwächeren Ausdauer und einer höheren Schnelligkeit wird vermutlich nur 50 Minuten gut spielen können. Er wird trotzdem der wertvollere Spieler sein, denn es bringt dir die ganze Ausdauer nichts, wenn du ständig als zweiter beim Ball bist. Schnelligkeit und technische Fähigkeiten sollten bei einem Fußballer maximal entwickelt sein, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit müssen „nur“ einen Optimalbereich erreichen. Je höher die Leistungsklasse, desto weniger Defizite wird man in einem dieser Bereich finden. Es gibt aber auch die Ausdauertypen unter den Kickern – Ross Barkley gehört hier sicher dazu.

©Stefan Arvay

Abschließend noch ein kleines Zitat von Leichtathletiktrainer Wilhelm Lilge. Der Trainer des aktuell besten österreichischen Langstreckenläufers Andreas Vojta, erzählt über seine Erlebnisse bei Lauftests mit Toni Polster folgendes. Polster sagte damals nur: „Warum soll i koffern? Meine Goi mach i trotzdem.“

“HDL”-Fazit: Ob der Chelsea-Star nun unfassbar schnell war oder nicht, sollte jeder für sich entscheiden. Fakt ist: Selbst bei Jugendmeisterschaften würde Barkley nichts gewinnen, muss er aber auch nicht! Den Fußball mit dem Laufsport zu vergleichen ist eher ein Äpfel/Birnen Ding. 🙂

Auch Scott McTominay läuft schnell

1 Kommentar zu „Ross Barkley: Unfassbar oder doch nicht?“

  1. Moin! Ross hat bei dem betreffenden Lauf auf jeden Fall ordentlich geschummelt. Auf dem Strava-Post konnte man sehen, dass er viele Pausen gemacht hat und für die Strecke insgesamt über eine Stunde gebraucht hat. Vielleicht hätte er es auch ohne Schummel geschafft – aber das wissen wir nicht.

    PS: Auf dem Twitter Account StravaWankers läuft derzeit der Spaß-Wettbewerb “THE ROSS BARKLEY 5KM”, bei dem es darum geht mit vielen kurzen Sprints und Pausen dazwischen, die nicht auf die Zeit angerechnet werden, eine fantastische aber nicht so ganz normkonforme Zeit über 5 km zu erzielen. https://twitter.com/stravawankers/status/1251838315252322304?s=20

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