Sag‘ mir wie du läufst, und ich sage dir wie du tickst

Liebe Leser!

Jeder Läufer ist anders. Du bist wie du läufst, behaupte ich. Obwohl jeder seinen Sport ein bisschen anders betrachtet, ihn auf verschiedene Weise betreibt und dem Laufen, je nach Sportler, ein unterschiedlicher Stellenwert eingeräumt wird – es gibt ein paar größere Subgruppen, wie ich in meiner „Recherche“ unter Gleichgesinnten im Laufe der Jahre herausgefunden habe:

  1. Der Elite-Athlet. Hierzu kann ich nicht viel sagen, außer dass ich größten Respekt vor ihnen habe. Klar, als Berufsathlet ist das Training dein Job. Aber Hand auf’s Herz: in welchem Beruf muss man schon beinahe 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, voll motiviert sein und „alles geben“? Der Elite-Athlet „lebt“ das Laufen. Schlaf, Regeneration. Ernährung. Trainingsplan. Physio, Leistungschecks, Urlaub,… Alles wird sehr, sehr genau geplant. Längere „Off-Seasons“ gibt es meist nicht – außer wenn es zu Verletzungen kommt. Doch selbst dann wird ein ausgeklügelter Plan für alternatives Training und Aufbau bzw. möglichst Erhalt der kardiovaskulären Fitness durchgezogen. Echt zu bewundern, finde ich.
  2. Der Ambitionierte. Er kennt sich genau aus, hat Trainingspläne für jede Distanz und jede Zielzeit im Kopf. Wenn man Fragen in Sachen Carb-Loading, Intervalltraining, Periodisierung von Trainingsplänen, Steigern von Umfängen, alternatives Training, Frühstück vor dem Marathon, Abkleben von Nippeln,… etc. hat – der Ambitionierte kann weiterhelfen. Er verfolgt selbst einen geheimen Trainings- und Ernährungsplan, nimmt bestimmte Zauber-Nahrungsergänzungsmittel ein und lässt regelmäßig Leistungschecks durchführen. (Über die Ergebnisse schweigt er sich allerdings aus.) Seine Bestzeiten sind beeindruckend. Er kämpft verbissen, hat Rückschläge, rappelt sich aber wieder und wieder auf, um es erneut allen zu beweisen. Kurz gesagt, ein Lauf-Junkie wie er im Buche steht.
  3. Der coole Läufer. Er ist zu lässig, um das Laufen richtig ernst zu nehmen. Offiziell „schert er sich nicht so“. Er hat zwar echt Talent, aber da er so gechillt ist, sind seine Bestzeiten leider doch nicht so beeindruckend wie die des „Ambitionierten“. Dafür kann man mit dem coolen Läufer auch mal auf ein Bier gehen. Er trainiert im Urlaub auch mal gar nicht, um dann wieder umso motivierter mit dem Laufen zu beginnen. Manchmal bereitet er sich mit einem „Runner’s Wold“ Trainingsplan auf einen Halbmarathon vor, läuft in 1:25 und lässt sich dafür extrem feiern. Ein cooler Typ eben. So richtig Struktur gibt es in seinem Training allerdings nicht. Und es stellt sich die Frage, ob er das Training vielleicht doch ernster nimmt, als er vorgibt, aber einfach nicht ganz so viel Disziplin hat wie Typ Nummer 2.
  4. Die fleißige Arbeitsbiene. Er findet das Laufen echt anstrengend, aber er macht es trotzdem. In seinem Gesicht ist bei jedem noch so lockeren Läufchen die Qual nicht zu übersehen. Die Arbeitsbiene ist mental extrem stark: 80% seines Training finden nämlich außerhalb der Komfort-Zone statt, und er zieht es trotzdem durch. Bei Regen und Wind, egal wie kalt oder heiß es ist – er dreht seine (immer gleiche) Runde um den Häuserblock, den Blick konzentriert auf den Boden gerichtet, die Stirn in Falten. Schnauf, schnauf. Mit großen und schwerfälligen Schritten. An Wettkämpfen nimmt er so gut wie gar nicht teil, er trainiert ja auch immer nur dieselben 6 Kilometer im 6er Schnitt. Der Weg ist ja das Ziel – oder doch die Monotonie? Auf jeden Fall hat die fleißige Arbeitsbiene gutes Karma und Durchhaltevermögen.
  5. Der On-Off-Läufer. Er geht mit seinen Motivationsphasen, die urplötzlich im Frühjahr beginnen und abrupt enden wenn es zu kalt wird. Zwischendurch kann es auch Löcher im Training geben – z.B. aus beruflichen Gründen, oder im Urlaub. Der On-Off Läufer hat auch schon mal drei Jahre eine komplette Laufpause eingelegt und in dieser Zeit nur Krafttraining und Crosstrainer im Fitnessstudio gemacht. Einmal hat er an einem 10 Kilometer-Wettkampf teilgenommen, und obwohl er prinzipiell ein sehr guter Läufer ist, sind die meisten anderen irgendwie schneller gewesen. Nach dem Wettkampf hat sich der On-Off Läufer dafür ausreichend Zeit für die Regeneration genommen.
  6. Das Lauf-Mädchen. Ja, ich als Frau darf das schreiben! Das Lauf-Mädchen ist extrem langsam, fast schon so langsam wie die Nordic Walker. Hat aber dafür extrem hippe und stylishe Klamotten an. Außerdem riesige Kopfhörer, einen Trinkgurt (für die längeren Einheiten >3 Kilometer), die neueste Smartwatch, und vor allem extrem teure und bestens gefederte Schuhe. Das Lauf-Mädchen hört auf ihren Körper, und kann einfach nicht verstehen warum all diesen verrückten Leuten, die sich auf Distanzen jenseits der 10 Kilometer wagen, nicht schon längst eine Knieprothese beidseits verpasst wurde. Das Lauf-Mädchen geht auch öfter fremd, und zwar trifft man es im Yogakurs, im Pilateskurs, oder auch im Meditations- und Selbstfindungsseminar.
  7. Die Ente. Sie läuft nicht, denn es gibt keine Sprungphase. Sie täuscht aber auch, denn die Armbewegung und die nach vorne gebeugte Körperhaltung suggerieren das Laufen. Um nachzuweisen dass Pferde beim Galoppieren für einen Sekundenbruchteil alle Hufe in der Luft haben, hat man seinerzeit extra Videosequenzen aufgenommen. Würde man die Ente filmen, kann man leicht nachweisen, dass zu jeder Hundertstelsekunde zumindest ein Fuß fest auf dem Boden steht. Die Ente „läuft“ mit diesem speziellen Laufstil auch manchmal mit einem riesigen Rucksack zur Arbeit. Ein weiterer Vorteil dieser Art von Training ist die Tatsache, dass man praktisch nicht ins Schwitzen kommt. Auch andere Wege des Alltags, wie z.B. die Zeitung oder Brot vom Bäcker holen, schafft die Ente gekonnt mit unermüdlicher watschel-Fortbewegung. Die Ente hat leider keine Ahnung von Distanzen und glaubt, dass ihre 3 Kilometer Hausrunde mindestens 7 Kilometer lang wäre. Die Ente weiß auch nicht, wie lang ein Marathon ist, und dass ein Marathon immer gleich lang ist. Sie hat also noch viel zu lernen.

Liebe Leser, die meisten unter uns sind ja Mischtypen (aus Typ 1 und einem beliebigen anderen Typ, natürlich).

Wo findet ihr euch am ehesten wieder?

Eure Liesl