Als Sebastian Coe die große Erlösung gelang

Text: Olaf Brockmann. Ein Beitrag aus der Reihe: “Was geschah am …?”

1. August 1980:

Wieder wurde wieder alles auf den Kopf gestellt

Moskau 1980 (57): Dieses Bild, dieser Zieleinlauf, dieser Jubel! Mit weit aufgerissenen Augen, beide Arme weit ausgestreckt, den Mund schon zum erlösenden Schrei geformt, überquerte Sebastian Coe vor über 40 Jahren als Olympiasieger das Ziel bei den Spielen in Moskau. Und das über 1500 m! Unvergesslich, noch dazu, wenn man dieses Rennen live auf der Pressetribüne verfolgen konnte. Es war der große Befreiungsschlag des Sebastian Coe, der über 800 m, eigentlich seiner Paradedisziplin, von seinem britischen Gegenspieler Steve Ovett gedemütigt worden war. Steve Ovett, zu diesem Zeitpunkt in 45 Rennen über 1500 m oder die Meile unbesiegt, war der 7:4-Favorit bei den Buchmachern. Alles sprach nach seinem 800-m-Sieg für ihn. Ein doppelter Triumph lag in der Luft, wie Ovett auch selbstbewusst angekündigt hatte. Seinen Sieg stellte er nie außer Zweifel, höchstens die Zeit, wie John Jackson für den „Sport-Informations-Dienst“ berichtete: „Ich schlage den Coe mit Weltrekord!“ Die beiden verfeindeten britischen Brüder heizten vor diesem Hit am letzten Tag der olympischen Leichtathletik das Ballyhoo an, Coe prophezeite eine Revanche: „Ich habe aus den Fehlern des 800-m-Finales gelernt. Die 1500 m laufen anders.“

Ja, es kam alles anders als erwartet. Wie schon beim Rennen über die beiden Stadionrunden wurde „alles auf den Kopf gestellt“, wie Heinz Vogel in der „Leichtathletik“ schrieb. Seb Coe hatte seine Lektion aus dem 800-m-Finale gelernt. Da hatte er den taktischen Fehler begangen, sich bei 600 m noch hintan zu halten. Da war er chancenlos gegen Steve Ovett gewesen. „Ich muss zurückkommen und den Berg wieder besteigen, es wird hart, es ist das ganz große Rennen meines Lebens!“, hatte Sebastian Coe der „Athletics Weekly“ zuvor gesagt. Er bestieg den Berg. Seinen Himalaya.

Foto: ©Archiv/AP

“Es ging um Leben oder Tod”

Das Finale wurde verhalten angegangen, 400 m in 61,6 und 800 m in 2:04,9. Erst als Jürgen Straub aus der DDR beschleunigte, zu einem langen Spurt ansetzte und seine einzige Chance in der Flucht nach vorn ergriff, war das Rennen um die Medaillen endgültig eröffnet. Diesmal aber war Coe im Bilde, niemals verlor er den Kontakt zur Spitze („Ich konnte immer freilaufen, ich war nie in einem Gedränge!“), er setzte eingangs der letzten Kurve zu seinem entscheidenden Spurt an. Mühelos kam er an Straub vorbei, passierte die letzten 200 m in 25,2, die letzten 100 m in 12,1, so flog er dem Ziel als Olympiasieger entgegen, während Steve Ovett selbst keine Kraft mehr hatte, an Straub vorbeizukommen. „Ich hatte nicht realisiert, wie müde ich war“, sollte er später sagen. Während Ovett hinter dem (natürlich) ebenfalls jubelnden Jürgen Straub ins Ziel kam, riss Coe, wie oben beschrieben, seine Augen weit auf, breitete beide Arme aus. Die Revanche war geglückt.

Bei Coe ging es „um Leben oder Tod“, so „Athletics Weekly“, die dementsprechend titelte: „Das Rennen, das Seb Coe einfach gewinnen musste.“ Seb Coes Vater und Trainer Peter Coe konstatierte: „Ihr habt einen Athleten gesehen, der aus dem Grab zurückgekehrt ist.“ Alles sei immer auch eine „Sache des Charakters“. Wie auch Mel Watman in „AW“ schrieb: „Coe wird nie wieder ein wichtigeres Rennen gewinnen.“ Der Enttäuschung über 800 m folgte der große Wendepunkt. Nach dem Ziel, das er in 3:38,4 vor Straub (3:38,8) und Ovett (3:39,0) passiert hatte, warf sich Coe nieder, küsste die Laufbahn und schickte ein Dankgebet gen Himmel. Dann überwand er sogar die strengen sowjetischen Kampfrichter und lief eine Ehrenrunde, die im Lenin-Stadion eigentlich streng untersagt war.

“Erstaunlich schnell die Lektion gelernt”

„Coe hat erstaunlich schnell seine Lektion gelernt. Er gewann die aus allgemeiner Experten-Sicht falsche Disziplin und kann davon in seiner Entwicklung nur profitieren. Ovett jedoch, der ja gar nicht so journalistenfeindlich ist, sondern einen Exklusivvertrag mit dem Sonntagsblatt „Sunday People“ hat, gab an, seinen 800-m-Sieg noch nicht verkraftet und deswegen verloren zu haben“, schrieb Manfred Steffny in seinem Fachmagazin „Spiridon“. Eben diesem „Sunday People“ sagte Ovett in einem Interview mit David Barnes: „Ich hatte keine Kraft mehr, ich war ein Mann mit müden Beinen.“ Gerd Holzbach schrieb über Steve Ovett von „einem kraftlosen Bündel“. Coe habe „sein etwas ramponiertes Ansehen“ wieder hergestellt, urteilte Heinz Vogel, „es spricht für seine läuferische, vor allem aber für seine Qualitäten als Wettkämpfer, daß er sich auch zu einem solch imponierenden Gegenschlag aufraffen konnte und damit auch die schon aufkommende Legendenbildung von der Unschlagbarkeit Ovetts rasch beendete.“

Das große Duell endete also unentschieden, streng genommen mit leichten Vorteilen für Coe, der Gold und Silber gewann, Ovett hingegen Gold und Bronze. Beide also verließen erhobenen Hauptes Moskau, beide bereit für die nächsten großen Rennen bei den lukrativen Meetings „ohne Hasen und ohne Vorläufe und Bremsspuren“ (Manfred Steffny). Die verfeindeten Brüder gingen wieder getrennte Wege. In der Folge auch, wie hinlänglich bekannt ist, wieder mit neuen Weltrekordzeiten.

Sebastian Coe (geboren 1959) ist aktuell Präsident des internationalen Leichtathletikverband.

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