Teil 94 (KW 15/2020): Thomas Taut

©Thomas Taut

Thomas Taut ist Vermögensberater und Versicherungsmakler. In seiner Freizeit ist der 55-jährige Wiener Läufer und Extremsportler. Thomas ist weltweit schon etliche Marathons gelaufen und hat darüber auch ein Buch geschrieben. In diesem Buch beschreibt der Weltenbummler wie es ist, in sieben Tagen, sieben Marathons auf sieben verschiedenen Kontinenten zu laufen. Mehr dazu im Helden-Interview #94.

Helden des Laufsports: Wann hast du mit dem Laufen begonnen?

Thomas: Ich habe in der Mittsommernacht 1999 im Alter von bereits 35 Jahren endgültig zum Rauchen aufgehört und bald darauf versucht, zwanglos ein paar Schritte zu laufen. Aus den ersten Schritten wurde schnell mehr, die Langstrecke war scheinbar immer schon mein Ziel. Ohne jeden Trainingsplan ging es am 08.12.2000 schließlich zu meinem allerersten Marathon nach Honolulu, Hawaii. Aus heutiger Sicht sehr mühsam und zäh, aber ein legendäres emotionales Ereignis, dem ich seither hinterher laufe.

Hdl: Heute machst du Sachen, die das normale Laufen weit überschreiten. Sieben Marathonläufe auf sieben Kontinenten in sieben Tagen. Das nennt sich dann „World Marathon Challenge“, erzähl uns von deinen Erlebnissen dort.

Thomas: Ein weiterer einschneidender Tag in meinem Läuferleben war der Australia Day (26.01.) 2016, als ich in Sydney Joggen war. Gemütlich von Coogee Beach nach Bondi Beach und retour wie fast jeden Tag in diesem Urlaub. Da trafen wir völlig zufällig ausgerechnet James Alderson, den einzigen von 25 Millionen Australiern, der die World Marathon Challenge in diesem Jahr bestreiten sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 35 Marathons auf der ganzen Welt in den Beinen und war offen für neue Herausforderungen. Deshalb hatte mich auch sein T-Shirt mit der magischen Aufschrift „7 Marathons/7 Continents/7 Days“ offenbar im Innersten berührt. Gänzlich unvorstellbar und absolut außerirdisch, einfach unmöglich! Dann geschah lange nichts weiter. Bis zu meiner Anmeldung im November. Die Woche vom 30.01.-05.02.2018 ist dann tatsächlich die Woche meines Lebens geworden. 50 Teilnehmer aus der ganzen Welt trafen sich in Kapstadt mit dem irischen Veranstalter Richard Donovan für ein Briefing unserer gemeinsamen Highspeed-Weltreise quer durch Zeitzonen und Jahreszeiten. Aus Mitteleuropa waren gerade einmal ein Franzose und ich als erster Österreicher dabei. Tags darauf ging es schon in 5 ½ Flugstunden auf die Antarktis, wo wir bei Sonne und -5° bis -10° unsere sechs Schleifen rund um das Flugfeld zogen. Etwas kühl, etwas rutschig, etwas hügelig, etwas windig, aber ansonsten problemlos. Sensationell! Die nächste Station war aber dann die schwerste der gesamten Reise: Nur 14 Stunden später, aber 40° heißer zu Mittag in der schattenlosen afrikanischen Sommerhitze von Kapstadt, das war brutal. Die Kohlenhydrate waren nach der Antarktis weg und kamen auch nicht annähernd zurück, ab jetzt war Laufen im Fettstoffwechselbereich angesagt. Aber der Körper ist ein Wunderwerk und hat auch in dieser Woche wieder gewaltig dazugelernt: der dritte in Perth, Australien, war ein wunderscherschöner, kühlerer Nachtlauf, es ging tatsächlich wieder bergauf mit Kraft und Energie! Die Geschwindigkeit war dahin, aber wir mussten ja ohnehin so laufen, dass wir am nächsten Tag wieder antreten konnten. Die Tage Nummer vier in Dubai für Asien und Nummer fünf in Lissabon für Europa waren weitere Nachtläufe, eher kühl und weitgehend ereignislos. Aber dann kam der Knackpunkt in Cartagena, Kolumbien. Schon wochenlang hatten wir entsetzt auf die Wetterprognosen gestarrt: konstante +40° samt Gewitter Tag für Tag im Winter! Dank einer Verspätung kamen wir auch da in einen Nachtlauf mit ein paar Grad weniger. Der führende Ire wurde von einem Motorrad begleitet. Aber alle anderen verliefen sich aufgrund der chaotischen lokalen Rennorganisation. Wir rannten so lange in wechselnden Kreisen rund um das wunderschöne Stadtzentrum, bis uns die Rennleitung mitteilte, wir sollten doch alle irgendwo unser eigenes Ding machen und ins Ziel kommen, wenn auf unseren GPS-Uhren 42,5km stünde. Gegen zwei Uhr in der Früh war es dann auch bei mir endlich wo weit… Der Abschluss in South Miami Beach hätte hingegen ein Genusslauf werden können: Palmen, Sonne, Strand, mit Holzplanken ein weicherer Untergrund, endlich Zuseher, die uns bis ins große Ziel klatschten und schrien. Nur leider hatte ich in der kolumbianischen Nacht meinen linken Wadenheber massiv beleidigt. Ein Schmerzmittel, dann noch eines, aber erst ein großes Bier mitten im prüde Amerika brachte die erhoffte Wirkung, und ich lief die allerletzten 20km durch ins Ziel im nächtlichen Miami.

Hdl: Wie aufwendig ist hierfür die Planung?

Thomas: Die komplette Vorbereitung dauerte 16 Monate. Ich wusste, dass ich dafür Experten auf mehreren Gebieten benötigen würde: einen Lauftrainer und einen Physiotherapeuten (beide von Der Sportpraxis in Wien), aber auch ein Belastungs-EKG für die sportmedizinische Freigabe und eine ärztliche Analyse zur Verschreibung von Nahrungsergänzungsmitteln. Das Training wurde um drei Komponenten erweitert: 1. Steigerung der Wochenumfänge bis über 70 Kilometer 2. Doppelschläge in Form von zwei LongJogs jeweils am Samstag UND am Sonntag (jeweils 25 Kilometer oder mehr). 3. Höhentrainingslager in Kenia bei meinen Freunden von „run2gether“. Und selbstverständlich auch etwas mehr Krafttraining in meinem EMS-Studio von „Alive656“, um diesen erhöhten Belastungen standzuhalten.

Hdl: Du bist der erste Österreicher, der die sechs größten Marathonläufe in nur einem Jahr absolviert hat. Die „World Marathon Majors“ beinhalten die Läufe in Tokio, Boston, Berlin, London, Chicago und New York City. Was waren hier deine Highlights?

Thomas: In Tokio lachte ich. Da erzählte mir doch tatsächlich ein Amerikaner während des Rennens einen Witz: „Wie nennt man einen Menschen, der mehrere Sprachen spricht? Man nennt ihn multilingual. Wie nennt man jemanden, der zwei Sprachen spricht? Den nennt man bilingual. Und wie nennt man einen Menschen, der nur eine Sprache spricht? Diesen Menschen nennt man Amerikaner! Ha-ha-ha!“ In Boston war ich sicher. Ein Jahr nach den feigen Bombenattentaten stand die Stadt geschlossen zusammen, um sich „ihr“ Rennen als ältester jährlicher Marathon nicht nehmen zu lassen. Extremste Sicherheitsmaßnahmen ließen keine Zweifel aufkommen. In Berlin war ich enttäuscht. Diese Stadt produziert zwar Weltrekorde am Fließband, trotz ausgezeichnetem Sommertraining aber nicht für mich. In Chicago flog ich. Nur zwei (!) Wochen nach Berlin überholte ich anfangs sogar Schrittmacher mit 03:30 Stunden- und 03:15 Stunden- Schildern und finishte letztlich in für meine Begriffe unglaublichen 03:36 Stunden. Das ist Persönliche Bestzeit (PB) mit über zehn Minuten Vorsprung gegenüber all meinen früheren – und auch späteren – Marathons. Das war der unerwartete Effekt meines allerersten „run2gether“ Höhentrainingslagers. In New York City weinte ich. Gut, das tue ich überall im Ziel, da fallen große emotionale Belastungen plötzlich ab. Aber in New York City weinte ich bereits im Startbereich bei „New York, New York“ von Frank Sinatra und der amerikanischen Bundeshymne. Ich wusste, das große Ziel „BIG SIX 2014“ war geschafft. Ich war da, trainiert und gesund. Es fehlten nur noch ein letztes Mal lächerliche 26 Meilen und 385 Yards. Damit war ich der dritte Mensch mit allen sechs Majors in einem Kalenderjahr. Mittlerweile haben das weltweit 54 geschafft. Und einer davon ist wie ich Österreicher, ich hatte das Projekt 2014 gemeinsam mit meinem Freund Stefan durchgezogen.

Hdl: Im Rahmen der „Majors“ bist du in Chicago auch deine Bestzeit gelaufen. Hast du nochmal vor, die 03:36 Stunden zu toppen?

Thomas: Ich hatte das wohl vor, ich wollte die 03:30 Stunden knacken. Dazu hätte ich meine PB von Chicago (05:07min/km) auf 04:58min/km steigern müssen, was nach nicht viel klingt. Ich habe darauf hin trainiert, bin aber an hartnäckigen Verletzungen gescheitert. Deshalb habe ich mich auf die spektakulärsten Rennen der Welt konzentriert mit dem Motto: „Not fast – not last!“

Hdl: Wie viel Zeit investierst pro Woche in Training?

Thomas: Ich trainiere zehn bis 15 Stunden pro Woche, aber in mehreren Bereichen. Die Hälfte davon ist dem Tischtennis gewidmet, wo ich Reaktion und Schnellkraft brauche. Die Kondition wird beim Lauftraining gefördert (25 bis 40 Kilometer), im Winter Großteiles auf dem gelenksschonenden Laufband daheim. Dazu kommen noch Krafttraining und tägliche Koordinationsübungen für die Achillessehnen.

Hdl: Gibt es sonst noch unerfüllte sportliche Träume?

Thomas: Wie gesagt, es gibt da noch einige spektakuläre Laufbewerbe auf dieser Welt. Letzten Mai habe ich mir den höchstgelegenen Traum beim Mount Everest Marathon schon erfüllt. Die World Marathon Majors werde ich am 01.03.2020 in Tokio als erster Österreicher zum zweiten Mal absolviert haben. Die dritte – und letzte – Runde möchte ich dann 2021 abschließen. Dazu werden noch kommen: Inca Trail, Petra Desert, Comrades Ultra, …

Hdl: Jetzt bist du auch unter die Autoren gegangen. Um was genau geht es in „Über Grenzen laufen“?

Thomas: Da erzähle ich eine lockere und lustige Geschichte in Szenen, bunten Bildern und Zitaten. Sie handelt vom einzigen Österreicher, der auszog, um sieben Marathons auf sieben Kontinenten in sieben Tagen zu laufen. Aber auch von der notwendigen, aber ungeplanten Entwicklung vom Couch Potato zum Extremsportler über die letzten 20 Jahre hinweg. Von den Erlebnissen vor, während und nach der World Marathon Challenge, von den Erfahrungen und den faszinierenden Menschen, die ich auf dieser Reise kennen lernen durfte. Menschen. Mut. Machen. Ich bin zwar bar jeder Talente, was den Sport betrifft, aber dafür mit großen Visionen, Leidenschaften und Durchhaltevermögen ausgestattet. Nur so ist dieser unglaubliche Erfolg trotzdem möglich geworden. Und das möchte ich jetzt weiter geben. Meine Geschichte soll als Erfolgsmodell für alle Menschen in ihren jeweiligen Bereichen dienen. „Die größte Ungerechtigkeit uns selbst gegenüber ist das Unterschätzen unserer eigenen Fähigkeiten!“ (Dave McGillivray, langjähriger Direktor des Boston Marathons). „Über Grenzen laufen“ ist zeitgleich mit der Biographie von Marcel Hirscher im egoth Verlag erschienen. Damit steht mein Buch jetzt auf derselben Ebene wie das des achtfachen Weltcupsiegers, mehrfachen Weltmeisters und Olympiasiegers. Darüber schreibe ich aber nicht nur, sondern halte auch Motivationsvorträge.

Hdl: Welche Hobbys, außer dem Laufsport, hast du noch?

Thomas: Meine zweite große Leidenschaft ist das Reisen, das ich aber stets ideal mit dem Laufen verbinden konnte und kann. Meine dritte Leidenschaft gilt dem Gartenbau. Ich habe trotz des Lebens in der Großstadt Wien schon so viel Erfahrung im Anbau von Obst, Gemüse, Beeren und Pilzen sammeln dürfen, dass es für das nächste Buch reichen würde. Und mein ungarischer Tischtennistrainer meint, meine ständigen Ausreden beim Training würden auch schon längst für ein ganzes Buch reichen.

Info: Für Feedback bezüglich des Buches bin ich jederzeit erreichbar unter thomas@taut.at. Für Firmenveranstaltungen buchbar bin ich unter www.sports-selection.at.

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