Training einst und heute – macht zu viel Technik uns langsamer?

von Dr.med.univ. Elisabeth Smolle

(Elisabeth ist in Facharztausbildung für Innere Medizin und Pulmonologie am LKH Univ. Klinikum Graz. Sie ist begeisterte Läuferin, absolviert Distanzen von 5 Kilometern bis zum Straßen- oder Bergmarathon. Dieser Artikel vermischt wissenschaftliche Erkenntnisse aus anerkannten Fachzeitschriften mit hochgradig subjektiven Gedanken der Autorin, und soll mit einem Körnchen Salz und einem Augenzwinkern gelesen werden.)

Liebe Leser!

Wir Läufer sind schon sehr Technik-affin: Wo früher die ordinäre Stoppuhr genügt hat, muss es jetzt die GPS-Smartwatch sein. Pulsmessung am Handgelenk inklusive, aber das ist vielen noch zu ungenau. Also trotzdem den Pulsgurt anlegen. Ein barometrischer Höhenmesser ist außerdem ganz wichtig, um über die gelaufenen oder geradelten Höhenmeter möglichst exakt Bescheid zu wissen. Unsere Smartwatch sagt uns außerdem, in welchem Trainingsbereich wir uns befinden, wie lange idealerweise unsere Erholungszeiten sein sollten, und wie viel Schlaf wir brauchen. Zum Glück zählt sie beim konsequenten Tragen unsere Schritte und gibt den Kalorienverbrauch exakt an. Wer zudem Gewissheit über die zugeführten Kalorien, inklusive Makro-Nährstoffverteilung, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente haben möchte, der braucht nur seine Mahlzeiten in eine „Nutrition-Tracking“ App eingeben. Und schon wissen wir genau, ob der Vitamin C- oder Eiweißbedarf heute schon abgedeckt wurde, oder ob wir eventuell Vitamin D, B12, Folsäure,… supplementieren sollten.

Im Internet kann man außerdem haufenweise Trainingspläne herunterladen. Man tippe seine bisher gelaufenen Zeiten in einen „Racetime Estimator“ ein (z.B.: für den Halbmarathon brauche ich XX Minuten, für 10 Kilometer XX Minuten. Ich bin so-und-so-alt und bin bereit so-und-so-viele Stunden in mein Marathontraining zu investieren) – bitte, hier: die errechnete Marathon-Zielzeit beträgt genau XX:XX Minuten. Also sucht man sich für die errechnete Zielzeit einen Trainingsplan, und schon kann nichts mehr schief gehen. Oder?

Ganz ehrlich – die Technologie hat uns nicht so viel weitergebracht, wie wir vielleicht erhofft haben. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass man einfach alle Faktoren nur mit Technologie bzw. teurer Ausrüstung optimieren kann.

Genetik und körperliche Veranlagung ist beim Sport zum Beispiel ein wichtiger Faktor. Nicht nur beim Laufen, sondern bei jeder Sportart! Die Sportart muss zum Körperbau passen. Kenianer und Äthiopier sind von Natur aus im Durchschnitt begabtere Langstreckenläufer als Europäer. Und wie wir wissen: die Genetik kann man eben nicht mit Technologie beeinflussen. In kenianischen Schulen suchen Talente-Scouts gezielt nach Nachwuchs-Lauftalenten. Die afrikanischen Teenager rennen ihren europäischen Alterskollegen um die Ohren – und das ganz ohne High-tech Laufschuhe, Funktionskleidung oder GPS Uhr.

Laufen ist eine der ältesten, vielleicht sogar die älteste, Sportart der Menschheitsgeschichte. Laufen ist eine natürliche Art, sich effizient fortzubewegen, wenn es einmal schnell gehen muss. Meist hieß das früher: wenn Gefahr droht, also auf der Flucht, oder beim Jagen. Schon in der Antike wollte man aber feststellen, wer schneller ist, und wer länger durchhalten kann. Bei den Olympischen Spielen im antiken Griechenland 776 v. Chr., gab es erstmal nur eine Leichtathletik-Disziplin: den Sprint über eine Stadionlänge, das entsprach genau 192,27 m. Danach kam der Sprint über zwei Stadionlängen hinzu (Diaulos), und später noch längere Distanzen, wie 7- bis 24-mal die Stationlänge (Dolichos), sowie der Mehrkampf, welcher neben dem Sprint auch Weitsprung, Diskus-, Speerwerfen und Ringen beinhaltete.

Jede Wette: Die Athleten in der damaligen Zeit lieferten Top-Leistungen ab, ganz ohne sich über Minuten pro Kilometer, Pronationsstützen in Laufschuhen oder gar ideale Erholungszeiten, Gedanken zu machen.

Der zweimalige Olympiateilnehmer im Langlauf, und später auch Marathonläufer, Franz Gattermann (Jahrgang 1955 – Marathon 02:28 Stunden) hat sich bereit erklärt, uns zum Thema „Training früher und heute“ einige Antworten zu geben:

“Früher hat es keine richtige Planung des Trainings gegeben. Die Devise lautete‚ je mehr Kilometer bzw. Stunden, umso besser”, so Gattermann. “Es wurde auch nicht „aufgeklärt“ wie die Anpassung des Körpers auf die verschiedenen Intensitäten passiert. Rückblickend sind wir Athleten früher aus diesem Grund die langen Einheiten viel zu schnell gelaufen. Das Wort Regeneration kannte man so gut wie gar nicht! Daher wurden wir Athleten vor Saisonhöhepunktion leider oftmals von Krankheiten (z.B. Atemwegsinfekten) geplagt.”

“Heute wird ja oft bereits den Jugendlichen im Leistungskader „verboten“, anderweitig sportlich aktiv zu sein: („Du bist Mittelstreckenläufer, also trainiere bitte spezifisch dafür und halte ja die Erholungszeiten ein! Nein, ich finde es nicht gut, wenn du zusätzlich zweimal die Woche Fußball spielst, und zum Taekwondo Training solltest du auch nicht mehr gehen, sonst verletzt du dich!“)”

Laut Franz Gattermann hat man früher nichts dagegen gehabt, wenn auch andere Sportarten „zum Ausgleich“ betrieben worden sind: „Dadurch hatten wir eine bessere und kräftigere, umfassende Körperausbildung. Zusätzlich haben wir ein besseres Körpergefühl entwickelt, anstatt uns nur auf die richtigen Trainingspläne zu verlassen. Das verbesserte Gespür für den Körper und seine Leistungsgrenzen, hat uns im Wettkampf viel gebracht.“

Was aber laut Gattermann heute eindeutig positiver ist als früher, ist die Tatsache, dass Ausdauersport „in“ ist: „Sport, insbesondere Ausdauersport, ist für viele Veranstalter (Agenturen, Tourismus im Allgemeinen) aber auch so manchen (Internet-) Trainigsberater ein super Geschäftsmodell geworden. Man ist daher ein gern gesehener Teilnehmer bzw. Gast bei diversen Laufevents. Jeder weiß heutzutage über die positiven Wirkungen des Ausdauersports Bescheid. Früher musste man ja fast im Geheimen trainieren, bzw. man galt beinahe als „Aussätziger“, wenn man sich als Läufer, oder speziell als Läuferin (!) bezeichnete.“

Laut Franz Gattermann stellt die Trainigsplanung heutzutage mit den Erfahrungswerten der Vergangenheit kein Problem mehr dar. Man müsse alle Aspekte ernst nehmen – sowohl das, was früher besser war, als auch die neuen Erkenntnisse der Leistungphysiologie, die uns die Wissenschaft gebracht hat. Es gilt, neue Technologien sinnvoll beim Training einzusetzen, aber man muss wissen, dass niemand, schon gar nicht die Smartwatch, besser über den eigenen Körper Bescheid wissen kann, als man selbst.

Was heute laut Gattermann eindeutig zu kurz kommt, ist die Bewegung im Alltag, speziell im Kindesalter: „Die körperliche „Grundausbildung“ im Kindes- und Jugendalter war früher eine umfangreichere. Zu Fuß der tägliche Schulweg, zum Fußballtraining mit dem Fahrrad. Mindestens 3 Turnstunden pro Woche in der Schule. Motorische Fähigkeiten, Kraft und Koordination wurden bei der Arbeit zu Hause oder im Garten antrainiert. Diese Art der Bewegung war spielerisch und stand unter keinem Trainingsaspekt. Früher war eine Dreiviertelstunde Schulweg zu Fuß vielerorts normal. Heute geht die Mama 30 Minuten Nordic Walken und verbucht das unter „Sportprogramm“.

Gatterman meint, dass gute Trainer heutzutage nicht „zu steif“ oder „nur auf Zahlen fixiert“ sind. Es gibt heute genauso gute und schlechter Trainer, wie früher. „Ein guter Trainer hat viel persönlichen Kontakt zu seinem „Schützling“. Er muss ja wissen, wie sich der Athlet im Training in den verschiedenen Intensitäten bewegt, und was er im Alltag zusätzlich noch für körperliche oder emotionale Belastungen hat.“, meint Franz Gattermann. Generell wären Pulsuhren nicht schlecht, aber ein gutes Körpergefühl ist eben noch wichtiger, und durch nichts zu ersetzen.

Zu dem SUB2-Marathon (INEOS Projekt) meint Gattermann: „Es ist einzigartig wie dieses Projekt im Wiener Prater durchgezogen wurde. Man öffnet aber dem Thema Doping wieder Tür und Tor, wenn nur noch Welt-/Strecken- oder persönliche Rekorde zählen.“

Zweifacher Olympiateilnehmer: Franz Gattermann

Liebe Leser, hier zum Schluss noch meine persönliche Meinung zu den oben diskutierten Punkten:

Ich kenne beide Seiten: mit und ohne Technologie und Know-How. Bis Ende 2017 hatte ich keine GPS-Uhr, bin aber zu diesem Zeitpunkt schon einen Marathon in 03:13 Stunden gelaufen. Ich wusste ungefähr, welche Distanzen ich im Training zurücklegte, aber Minuten pro Kilometer sagten mir lange gar nichts. Ich war nie eine, die genau auf die Uhr geschaut hat, und das mache ich bis heute nicht. Außerdem komme ich vom Turnsport (Sportakrobatik), und habe schon sehr früh mit dem Laufen begonnen. In der Kindheit und Jugend habe ich mich einfach gern bewegt: Basketball, Fußball, Schwimmen, Tanzen,… fast alles was mit Bewegung zu tun hatte, habe ich einfach geliebt. Ich bin in den 90ern aufgewachsen, und würde behaupten, dass wir damals noch immer deutlich mehr Bewegung gemacht haben, als die Kinder nach der Jahrtausendwende. Ganz ohne „Trainingscharakter“! Wir haben einfach Wettrennen im Schulhof veranstalten, weil es Spaß gemacht hat. Oder wir haben eben probiert, irgendwo drüber zu springen, oder wer tiefer tauchen kann. Ich finde, das fehlt heute irgendwie: Sport und Bewegung „einfach so“ zu machen, ohne Struktur. Einfach mal den Körper spüren, wie es sich anfühlt, wenn einem die Puste wegbleibt und die Muskeln zu brennen anfangen.

Als ich mir dann im November 2017 eine GPS Uhr zugelegt habe, war ich überrascht und erstaunt, was für ein tolles „Spielzeug“ das eigentlich ist, und es macht mir Spaß, meine Zwischenzeiten nach dem Training anzusehen, und die gelaufene Strecke auf „Garmin Connect“ oder „Strava“ hochzuladen. Allerdings trainiere ich immer noch nicht so gern nach Plan, weil ich das früher auch nie so gemacht habe. Ich mache eigentlich jeden Tag Sport, und meistens gehe ich laufen. Aber ob ich jetzt harte Intervalle mache, einen langen Lauf, einen „Easy Run“ oder alternatives Training im Fitnessstudio, das hängt davon ab wozu ich motiviert bin und ob mir grad irgendwas weh tut 😉.

Was beim Wettkampfsport meiner Ansicht nach noch hinzukommt, ist die mentale Komponente, die ebenfalls nur bedingt durch hochtechnisierte Apps beeinflussbar ist. Man braucht speziell für den Marathon ein hohes Maß an Konzentration, Geduld, Durchhaltevermögen und natürlich auch Schmerztoleranz. Da kann die Meditations-App vielleicht ein bisschen helfen, aber hier gilt vor allem: Learning by Doing. Du kannst noch so viel Literatur lesen und Fachmeinungen über den Marathon einholen – erst wenn du einen, zwei, drei, vier,… Marathons gelaufen bist, weißt du wirklich, wovon die Rede ist.

Man sollte auch Kinder, so finde ich, langsam an die Wettkampfbelastung heranführen, um ein frühes „Burnout“ und einen dadurch bedingten Abschied vom Vereins- und Leistungssport zu verhindern. Kinder haben einen natürlichen Drang, sich zu bewegen und ihre körperlichen Grenzen auszuloten. Werden Kinder aber von übereifrigen Eltern „gezwungen“ ins Training zu gehen, obwohl sie nicht wollen, dann muss man vielleicht hinterfragen, ob eine andere Sportart eventuell besser zu dem Kind passen könnte, oder ob man das Kind vielleicht für ein paar Wochen oder Monate pausieren lässt, bis es die Freude am Training von selbst wiederfindet.

In diesem Sinne: Hört auf euren Körper! Er sagt uns schon, was ihm guttut, wie viel er aushält, und wann er eine Pause braucht. Als Ärztin weiß ich auf jeden Fall eines sicher: kein Körper, kein Organismus, ist wie der andere. Was für den einen schon zu viel Trainingsbelastung ist, hält ein anderer locker aus. Der eine hat den größten Trainingseffekt, wenn er viele schnelle und kurze Einheiten absolviert. Der nächste profitiert eher von „Umfängen“.

Wir dürfen einfach nicht vergessen, regelmäßig in unseren Körper hinein zu spüren.

Eure Liesl