Teil 129 (KW 08/2021): Ulrich Wanderer

Foto: ©Copyright Jean-Marie Welbes

Der Wiener Ulrich Wanderer liebt das Laufen. In den letzten 26 Jahren gab es für den 50-Jährigen kein Jahr ohne Marathon. Aktuell sind aber Ultraläufe seine Leidenschaft. Mehr davon im Helden-Interview der Woche.

Helden des Laufsports: Wann und warum hast du mit dem Laufen begonnen?

Ulrich Wanderer: Aus Trotz, weil mir ein Arzt von der weiteren Sportausübung abgeraten hat, damals stand gerade der Wienmarathon 1995 an. Ich meldete mich an, um herauszufinden, wie weit ich komme. Durchzukommen war außerhalb meiner Möglichkeiten (dachte ich), nachdem ich nie länger als zehn Kilometer zuvor gelaufen war. Damals verstand ich, dass Laufen für mich schlicht ein Abenteuer ist, eine Reise in mich und mein Unvermögen, welches ich dann mit auf die Reise nehme und, dass mich staunend bis ins Ziel geleitet. Wir, also mein Unvermögen und ich, finishten dann glaube ich an 20. letzter Stelle in über fünf Stunden. Einer der geilsten Läufe ever.

Was bedeutet das Laufen für dich?

Abenteuer, Leidenschaft, Urlaub, Lebensschule, Dankbarkeit und Freiheit. Gerade derzeit bedeutet Ultra-Laufen aber auch die Grundlage der Resilienz für mich. Wenn ich weiß, dass ich nach 60 Kilometern zwar völlig leer und verzweifelt bin, dennoch aber nicht aufgebe und darauf setze, dass ich mich innerhalb der kommenden 30 Minuten wieder erhole und dann weiterrenne, dann ist das eine herrliche Allegorie auf das Leben. Wir haben die Ressourcen Krisen zu überstehen, wenn wir einfach weitermachen. Gleicher Lauf aber ein anderes passendes Bild: Ich saß nach 50 Kilometer völlig ausgepumpt auf einer Bank, wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Ein Freund sprach mir Mut zu, da kam mir der Gedanke: Sch.. dich nicht an, du hast noch 80 Kilometer um dich zu erholen. Diese Einstellung hilft mir auch gerade in der heutigen Zeit sehr über die diversen Schlagzeilen hinweg. Außerdem hätte ich ohne die Lauferei meine Frau nicht kennengelernt. Sie ist eine noch weit begeisterte Läuferin als ich.

“Jeder Lauf ist ein Abenteuer”

Ulrich Wanderer (50).

Welche waren deine bisher größten sportlichen Erfolge?

Bisher bin ich 26 Jahre in Folge insgesamt 60 Marathons gelaufen und konnte dreimal den Rundumadum-Wien finishen. Aber es geht mit weniger um die sportlichen Erfolge, sondern um die jeweiligen Läufe. Ein jeder ist ein singulares Erlebnis, ein Abenteuer an sich.

Gibt es Bestzeiten auf die du stolz bist?

Immer die nächste Bestzeit.

Wie sieht bei dir eine intensive Trainingswoche aus?

Kommt ausschließlich auf den Bewerb an. In den letzten Jahren wohl wie folgt: Montag 10 bis 15, Mittwoch 30, Donnerstag 10 bis 15, Freitag 0 bis 10 Samstag 15 und Sonntag 39 Kilometer. Das war das Training für den Rundumadum-Wien im Herbst. Wichtig ist dabei auch die Mischung aus flachen Strecken und Hügelläufen, sowie die Gewöhnung an den Laufrucksack und das langsame Tempo des Ultralaufes. Ganz wichtig auch, zu lernen, unterm Laufen zu essen, selbst wenn man auf den kurzen Strecken noch nicht wirklich Hunger verspürt. Spannend wird es dann vor allem in der Regeneration, denn ein paar Hunderterwochen verlangen sehr wohl auch ihren Tribut. Daher Viel Essen, vor allem fett und eiweißhaltig und auf genügend Magnesium achten. In jenen Zeiten, als ich noch versuchte, schnelle Marathons zu laufen, hatte ich ein ganz anderen Trainingspensum. Die Grundlage war damals da, ich fokussierte mich auf Tempotraining. Also Tempoläufe bis zu 15 Kilometer und Intervalltraining bzw. Strides. Ein Wunder, dass ich das damals unverletzt überstand.

Trainierst du gerne alleine und oder eher in einer Gruppe?

Alleine.

Hattest du schon mal mit schwereren Verletzungen zu kämpfen? Wie beugst du vor?

Verletzungen kommen immer wieder, wobei ich da sicherlich Glück habe. Einmal wurde ein Knochenmarködem diagnostiziert, jedoch war ich da ziemlich schmerzfrei, dann ein paar Bänderzerrungen durchs Waldlaufen.
Mit der Zeit lerne ich, dass die richtige Unterstützung durch meine geniale Osteopathin Michi ein unschätzbarer Wert ist. Außerdem hilft ein guter Magnesium-Eisen-VitD Spiegel auch viel in der Vorbeugung. Gerade zu Beginn des letzten Lockdown-Jahres kam ich immer mehr mit jenen Übungen in Kontakt, die man auch von zuhause aus machen kann. Planking, Dehnen und auch ein paar grundlegende Yoga-Elemente. Hilft alles sehr gut in der Vorbereitung auf die laufintensiven Monate.

Wie wichtig ist dir eine gesunde und ausgewogene Ernährung?

Mir ist wichtig, alles essen zu können, gesund, ungesund, Hauptsache der Körper lernt alles zu verbrennen und daraus Energie zu schöpfen. In den intensiven Wochen zeigt der Körper ohnehin schon sehr gut, was er braucht.

Welche großen sportlichen Pläne hast du noch?

Hey, ich bin 50, da ist jedes weitere Jahr eh schon ein Geschenk. Aber ok, wenn schon, dann noch eine 16 Stunden-Zeit beim Rundumadum und vielleicht noch einmal einen Marathon unter 3:30 Stunden. Ansonsten würde ich es gerne meinen sportlichen Vorbildern nachtun und noch lange, lange dabei bleiben. 30 Jahre durchgehend Marathons zu laufen, das wär doch was.

Welche Hobbys, außer dem Laufsport, hast du noch?

Dichten, Schreiben allgemein und glücklicherweise mein Job als Mediator. Früher gerne Tischtennis und Mountainbike. Man könnte sagen, ich hab das Glück, mein Leben als Hobby zu sehen.

Ulrichs Homepage

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