VCM 1991: Drama um Gerhard Hartmann – Triumph für David und ein Geisterfahrer

Text und Foto: Olaf Brockmann

Vienna City Marathon vor 30 Jahren: Kommenden Sonntag steigt nach über einem Jahr Corona-bedingter Pause endlich wieder der Laufklassiker in Wien. Grund genug, auch meine Serie der VCM-Rückblicke fortzusetzen. Vor drei Jahrzehnten fand der 8. Wiener Frühlings-Marathon, wie der Lauf ja einst hieß, am 14. April 1991 mit Start vor dem Schloss Schönbrunn und Ziel auf dem Rathausplatz statt. Ein Rekordfeld von 6233 Teilnehmern war am Start. Bei Temperaturen, die mittags auf 24 Grad kletterten, gab es durch Karel David in 2:12:25 und Ludmilla Melicherova (2:37:14) einen Doppelsieg für die CSFR.

Die Resonanz in den heimischen Medien war schon im Vorfeld enorm. Die Popularität des Frühlings-Marathon war mit den steigenden Teilnehmerzahlen gewachsen. Allein gegenüber 1989 hatte sich die Zahl der Läufer bei dem Rennen durch Wien verdoppelt. Das Rekordfeld (Kronen-Zeitung: „Wien-Marathon platzt diesmal aus allen Nähten“), die international bereits anerkannt schnelle Strecke, ein gutes Spitzenfeld und aus österreichischer Sicht das Duell Gerhard Hartmann gegen Helmut Schmuck standen in der Berichterstattung im Mittelpunkt.

Statt Rekord im Spital

Helmut Schmuck befand sich damals in ausgezeichneter Form, er traute sich zu, den Hartmann-Rekord von 2:12:22 klar unterbieten zu können. Veranstalter Wolfgang Konrad meinte: „Der Rekord ist fällig!“ und lobte als Rekordprämie eine Sonderprämie von 1000 Dollar (etwa 12.000 Schilling) aus. Doch weder Schmuck noch Hartmann sahen das Ziel.

Dabei war Gerhard Hartmann bestens unterwegs. Nach 25 Kilometern führte er überlegen das Feld an, in den Führungsautos wurde schon ein möglicher ÖLV-Rekord von circa 2:10 Stunden hochgerechnet. „Doch dann, mitten im Prater passierte es: Hartmann knickte, gefällt wie ein Baum nieder, blieb auf der Straße liegen“, schilderte ich in der „Kronen Zeitung“ höchst dramatisch die Schrecksekunde, „Muskelfaserriß im linken Oberschenkel! Statt im Ziel landete er im Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus.“

Damit nicht genug. Wenige Minuten später kam auch das Aus für Helmut Schmuck. Nach einem hohen Anfangstempo war er zurückgefallen und stieg bei Kilometer 31 aus, er kommentierte: „Ich hatte Seitenstechen. Die Füße haben es nicht mehr mitgemacht!“ Lachender Dritter war Rolf Theuer, der in 2:23:35 als 17. bester Österreicher und damit österreichischer Marathon-Meister wurde.

Triumphzug über den Ring

Nach dem Aus von Hartmann lag im Prater ein Trio mit Karel David, Jewgenij Orokurow (UdSSR) und Steffen Dittmann (D) vorn. Noch fünf Kilometer lief diese Spitzengruppe gemeinsam, dann setzte sich im „herrlich grünenden Prater“ beim 30. Kilometer Karel David entscheidend ab. Die letzten Kilometer durch den dritten Gemeindebezirk mit einer letzten Steigung und auf der Ringstraße bis zum Ziel vor dem Rathaus wurden ein „wahrer Triumphzug“ für ihn, wie es in meinem Bericht im offiziellen Ergebnisheft hieß.

Der 27-jährige Tscheche schwärmte im Ziel, wie alle Wien-Sieger vor und nach ihm, von einer „einmaligen Strecke, dem großartigen Publikum“. Nach Kosice, Budapest und Bonn war Wien damals sein vierter Marathonsieg. Als Karel David, der auch ein Jahr später in Wien gewinnen sollte, schon erste Interviews gab, kamen die Nächstplatzierten Lawicki (Polen), Jensen (Dänemark), Dzieniski (Polen) und Dittmann ins Ziel. Dort wartete man schon gespannt auf die Frauensiegerin.

Carina Weber-Leutner Dritte

Wie ein Jahr zuvor setzte sich Ludmilla Melicherova durch, diesmal in 2:37:14. Hinter der jugoslawischen Meisterin Susanne Ciric (2:37:33) kam ÖLV-Rekordlerin Carina Weber-Leutner in 2:40:47 als Dritte ins Ziel. Schön schmalzig schrieb ich in der „Krone“: „Im Ziel erhielt sie das über 42,195 km so heiß ersehnte Küßchen von ihrer süßen, einjährigen Lisa-Maria.“

Apropos Frauen-Marathon: Eines der großen Themen im Vorfeld der 8. Auflage des Frühlings-Marathon war der Vormarsch der weiblichen Teilnehmerinnen. Unter dem Titel: „Wenn Frauen laufen“ hieß es in einem kleinen Beitrag einer Presseaussendung: „Erfreulicherweise wird das regelmäßige Lauftraining bei Frauen immer verbreiteter. Waren es vor Jahren noch wenige, die diesem Ausdauersport huldigten, so sind es mittlerweile doch schon einige hundert, die sich dem Marathonlauf als die Herausforderung im Leben, neben den Aufgaben im Haushalt oder im Berufsleben, ausgesucht haben. So sieht man schon vereinzelt kleine Frauenlaufgruppen, die sich zusammentun, um den zur Verfügung stehenden Vormittag nach Möglichkeit gemeinsam mit Laufen zu verbringen.“ Weiters: „Viele Frauen müssen lernen, selbst aktiv zu werden.“ Die Frauen haben sich an diese Aufforderung, wie die vergangenen drei Jahrzehnte gezeigt haben, sehr gut gehalten…

Frauen und Kinder im Vormarsch

Nicht nur die Frauen, auch die Kinder waren damals im Laufschritt auf dem Vormarsch. Gabriela Gödel schrieb in der „Kronen Zeitung“ begeistert vom Mini-Marathon: „1300 Kinder rannten um die Wette. Jubel gab es um die ersten Sieger am Wiener Rathausplatz, die Kinder. Alle kamen abgekämpft, aber glücklich ins Ziel.“ Organisatorisch, meinte sie, „gab es keine nennenswerten Probleme“.

Aber zumindest eine Schrecksekunde hatten wir in einem der Begleitfahrzeuge erlebt. Bei der Einfahrt in den Prater kam der Spitzengruppe ein Geisterfahrer auf einem ganz schmalen Wegstück entgegen. Hartmann-Trainer Norbert Syrow hatte fast der Schlag getroffen. „Jetzt ist alles aus!“, befürchtete er schon. Doch im letzten Moment konnte der Geisterfahrer noch wie ein Wunder ausweichen.

Ein historisches Foto

Damit ging dann doch alles reibungslos über die Bühne der achten Auflage, die mit einer großen Pressekonferenz am 19. Dezember 1990 eingeläutet worden war. Allein wegen eines schon historischen Fotos, das ich hier auch gepostet habe, lohnt sich der Rückblick auf diese Gesprächsrunde. Man beachte auf dem Foto den jungen Wolfgang Konrad, salopp die Hände in der Tasche, und Michael Häupl, die Hände vor dem (schlanken) Bauch gefaltet. Häupl war damals Amtsführender Stadtrat für Umwelt, Freizeit und Sport von Wien. Helmut Schuster (Zweiter von rechts) hatte sich 1990 bereit erklärt, den Vorsitz im Organisationskomitee des Frühlings-Marathons als Nachfolger von Ernst Stock zu übernehmen. Ernst Stock, erster Generaldirektor der Hofburg Vienna AG, war von Beginn an Mentor und Vorsitzender des Wiener Marathons gewesen. Sein Engagement für den Wien-Marathon sollte man nie vergessen!

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