VCM 2011: Haile Show in Wien – 400.000 Fans und ein Rekord

Text und Foto: Olaf Brockmann

Vienna City Marathon vor 10 Jahren: Am 17. April 2011 schlug Wien die große Sternstunde! Lauf-Legende Haile Gebrselassie gewann in einem sensationellen Solo den Halbmarathon in neuer VCM-Rekordzeit von 1:00:18 Stunden. Der Auftritt des doppelten Olympiasiegers, der in seiner einmaligen Karriere 27 Weltrekorde aufgestellt hatte, zog alle in seinen Bann. Geschätzt 400.000 Fans säumten damals die Straßen Wiens. Haile, der stets lächelnde, freundliche Athlet mit einem unvergleichlichen Charisma, schwärmte von Wien, der Organisation und dem Publikum, wie es die Schlagzeile im „Standard“ mit einem Haile-Zitat auf den Punkt brachte: „Ich bin mir vorgekommen wie in einem Stadion!“

Haile mit dem damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer / Foto: ©Gerhard Gradwohl

Bei keiner anderen Veranstaltung in der Geschichte des Vienna City Marathons seit 1984 hatte es in den Medien eine größere Resonanz gegeben als vor zehn Jahren. „Der Weltstar ohne Ablaufdatum“ („Kurier“), „Hailes allergrößte Party“ („Kronen Zeitung“), „Rekord – ein Weltstar löst sein Versprechen ein“ („Die Presse“) oder „Die Haile-Show“ („Heute“) lauteten ein paar Titel der Tageszeitungen. Überall prangte Haile auf der Seite 1. Tags drauf versprach er, nach Wien zurückzukommen. Eine Ankündigung, die er wahr machte und in den beiden folgenden Jahren wieder durch Wien lief.

Besuch in der Hofburg

Es waren keine leeren Worte, wenn der Äthiopier immer wieder betonte, wie sehr er Wien mit seinen einmalig schönen Bauten bewunderte. Er schwärmte vom Zieleinlauf auf dem Heldenplatz als die „schönste Finish-Ära“, die er kenne. „Das Ziel direkt vor dem Sitz des Bundespräsidenten – das ist einmalig!“, sagte er. Kein Wunder, dass er davon schwärmte. War er doch auch von seinem Besuch bei Bundespräsident Heinz Fischer mehr als angetan. Von den Räumlichkeiten im Leopoldinertrakt, in dem er ein Jahr später sogar gemeinsam mit Paula Radcliffe empfangen wurde, erzählt er auch heute noch mit riesiger Begeisterung.

„Haile in Wien!“ Das war wahrhaft eine Sensation, die mit der Ankündigung seines Starts kurz vor Weihnachten 2010 begann. „Die Legende läuft in Wien“, titelte ich in fetten Lettern in der „Krone“. „Bisher wurden alle Gedanken, Haile bei uns zu verpflichten, im Keim erstickt, es war unrealistisch“, bekannte VCM-Veranstalter Wolfgang Konrad. Das „Wunder“ wurde aber mit einem Konzept wahr, das Haile Gebrselassie gefiel. Mit einem Rückstand von 2:00 Minuten auf die Marathonspitze sollte er zeitgleich mit den besten Hobbyläufern starten und in einer Aufholjagd versuchen, die Marathon-Asse einzuholen – was ihm nach 14 km in Höhe des Naschmarkts auch gelingen sollte.

Daheim bei Haile Gebrselassie

Die Ankündigung von Hailes Wien-Auftritt war ein Startschuss zu einer in der VCM-Geschichte nie da gewesenen PR. Bis Mitte April sorgte der Äthiopier in allen Medien für Schlagzeilen. In der „Kronen Zeitung“ hatte ich Woche für Woche unendlich viel Platz mit bis zu drei Seiten in der „Krone Bunt“. Material für Stories hatte ich genug. Zum einen hatte ich die komplette Karriere des Wunderläufers selbst live verfolgen können – seine Olympiasiege in Los Angeles und Sydney, seine vier WM-Titel in Folge von 1993 bis 1999, sein sensationelles Double über 1500 m (!) und 3000 m bei der Hallen-WM 1999 und zahlreiche seiner 27 Weltrekorde. Zum anderen – und das war der Hit schlechthin – konnte ich gemeinsam mit VCM-Presseschef Andreas Maier Haile Gebrselassie im Jänner 2011 eine knappe Woche in Äthiopien besuchen. Von den zahlreichen Interviews mit Haile, seiner Einladung in seine dreistöckige Residenz am Rande Addis Abebas, die Beobachtungen bei seinem Training, der Besuch seines Geburtsortes und ein gemeinsamer Flug zur Inspektion einer von ihm gestifteten Schule in Bahir Dar brachten Material in Hülle in Fülle.

Der Hüter des Goldschatzes

Meine Lieblingsstory ist und bleibt eine Seite in der „Krone“: „Der Hüter des Goldschatzes“. Es war uns bekannt, dass Gebrselassie seine olympischen Goldmedaillen einer Kirche in Entoto geschenkt hatte. Andreas und ich spürten, was wirklich nicht leicht war, diese Kirche in der alten Hauptstadt Äthiopiens auf und in langen Überredungskünsten gelang es mir schließlich, den Priester zu überzeugen, uns die beiden Goldenen aus dem Safe herauszuholen und zu präsentieren. Endlose, wunderbare Geschichten, die Andreas Maier für den VCM in einem großartigen Magazin „Haile in Wien“ zusammengefasst hatte. Haile in Wien – davon schwärmen heute noch viele.

Achtfach-Sieg für Kenia

Logisch, dass in der Berichterstattung 2011 der Rekordlauf des Haile Gebrselassie alles in den Schatten gestellt hat. Der Marathon selbst, der sonst seit 1984 die Schlagzeilen geliefert hatte, war meist nur eine Randgeschichte wert. Gernot Bachler und Mathias Mödl würdigten in der „Kronen Zeitung“ aber dennoch „Kenias Übermacht“: „Die Läufernation Nummer eins feierte in Wien einen historischen Achtfach-Erfolg!“ Dabei setzte sich überraschend John Kiprotich in 2:08:29 durch, wobei er seine Bestzeit von 2:15 pulverisierte. Mit 22 Jahren avancierte er zum jüngsten Champion auf dem Wiener Heldenplatz. Der Sieger meinte in der „Krone“: „Bei uns will jeder laufen, aber um zu bestehen, musst du trainieren, trainieren, trainieren. Das habe ich getan, denn ich träumte immer davon, Marathons zu gewinnen.“

Der „Kurier“ ging auch ausführlicher auf den Marathon-Sieger ein. „Nicht nur das Leben des Haile Gebrselassie schreibt schöne Geschichten. Auch der frischgebackene Sieger über die Marathon-Distanz kann einiges erzählen. “Ich bin im Vorjahr in Frankfurt meinen ersten Marathon gelaufen, kam aber nur auf 2:15 Stunden. Da beschloss ich, in Kenia zu trainieren und es noch einmal zu versuchen.“ Bei der Halbmarathon-Marke lag Kiprotich noch auf Rekordkurs. Doch dann hätte die Spitze das Rennen verbummelt, befand Rennleiter Mark Milde. Als 21. Wurde Roman Weger in 2:18:24 bester Österreicher. Bei den Frauen setzte sich Fate Tola aus Äthiopien in 2:26:21 durch, wobei hier Tanja Eberhart bei ihrem Marathon-Debüt in 2:44:11 starke 14. wurde. Aber an diesem Tag standen alle Läuferinnen und Läufer im Schatten des große Haile Gebrselassie.

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