Teil 96 (KW 17/2020): Walter Ablinger

1999 stürzte der damals 30-jährige Zimmerer Walter Ablinger auf einer Baustelle aus dreieinhalb Höhe vom Dach. Seitdem ist der Rainbacher querschnittsgelähmt. Heute ist Ablinger einer der erfolgreichsten Handbiker weltweit. Im Helden-Interview #96 spricht der 50-Jährige über seine Zeit nach dem Unfall und über die leider verschobenen Paralympics in Tokio.

Hdl: Wie war für dich die erste Zeit nach dem Unfall?

Walter: Die Ärzte teilten mir mit, dass ich mein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen sein werde – da war ich natürlich am Boden zerstört. Wir haben gerade ein Haus gebaut und meine Frau Marietta war im dritten Monat schwanger. Die anstehende Geburt unserer Tochter war aber auch meine Motivation nicht aufzugeben. Mein ganzes soziales Umfeld hat mir extrem viel Kraft gegeben und mich immer unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich und das weiß ich auch zu schätzen.

Hdl: Wie hast du dich in weiterer Folge zum Profisportler entwickelt?

Walter: Seit dem Unfall bin ich vom Bauchnabel abwärts gelähmt. Ich begann zwei Wochen nach der Erstversorgung mit der Rehabilitation. Ein Teil der Reha ist es auch, dass man sämtliche Sportarten ausprobieren kann um in Bewegung zu bleiben. Ich bin beim Handbiken geblieben und habe damit über Jahre meine Grundausdauer aufgebaut. Am Beginn stand die Freude an der Bewegung im Vordergrund. Als ich allerdings 2008 im Fernsehen die Paralympischen Spiele gesehen habe, hat mich der Ehrgeiz gepackt – 2012 in London war ich dann selbst am Start.

Hdl: Im Laufe deiner Karriere konntest du schon sehr viele Erfolge feiern. Welche waren das?

Walter: 14 Staatsmeistertitel, fünf WM-Medaillen, drei Weltcupgesamtsiege, einmal Gold und zwei Mal Silber bei denParalympics. So schön die Medaillen aber auch sind, ich würde sie sofort gegen ein Leben ohne körperlicher Einschränkung eintauschen.

Hdl: Die Paralympics in Tokio wurden leider auf 2021 verschoben, was planst du für den Rest des Jahres?

Walter: Die Verschiebung in das Jahr 2021 ist natürlich ein Schlag ins Gesicht. Denn eins ist klar, in meinem Alter wird es nicht leichter sich für ein Großereignis zu qualifizieren. Den Kopf stecke ich aber nicht in den Sand, ich suche mir einfach neue Herausforderungen und Ziele. Vielleicht fahre ich den Großglockner rauf, oder ich mache eine Tour vom Innviertel aus nach Paris. Mal sehen. Die Entscheidung selbst, die Spiele zu verschieben, ist natürlich nachvollziehbar – Gesundheit geht vor!

Hdl: Im letzten Jahr hast du deinen 50. Geburtstag gefeiert. Wie lange glaubst du, ist Leistungssport auf diesem Niveau noch möglich?

Walter: Mir ist bewusst, dass es mit dem Alter nicht leichter wird. Meine Erfahrung und meine Motivation stimmen mich aber positiv, dass ich noch einige Jahre international mithalten kann.

Hdl: Hat sich dein Training im Laufe der Jahre verändert? Musst du heute, im Vergleich zu früher, mehr trainieren um dieselbe Leistung zu bringen?

Walter: Ja, auf jeden Fall. Ich habe den Trainingsumfang massiv erhöht und fahre im Jahr rund 20.000 Kilometer. Dann kommt noch Krafttraining und Physiotherapie hinzu. Als Leistungssportler ist man Grenzgänger und gesund ist das eigentlich nicht mehr, umso wichtiger ist die Regeneration zwischen den Einheiten. Aber ich habe ein tolles Team mit sehr viel „know-how“, welches sich perfekt um mich kümmert.

Hdl: Welchen Stellenwert hat deiner Meinung nach der Behindertensport in Österreich?

Walter: Es ist ein weiter Weg, bei dem man am Anfang der Karriere selbst viel Geld und Eigeninitiative investieren muss. Unterstützung kommt vom österreichischen Behindertensportverband, vom Rollstuhlsportclub in Linz und vom Sportland Oberösterreich. Schafft man es in den Nationalkader bekommt man auch Förderungen für die Großereignisse. Einige wenige Athleten mit Behinderung werden auch in den Leistungssportkader des Bundesheeres aufgenommen. Im Fernsehen ist das vierzehntägige ORF-Magazin „Ohne Grenzen“ ein sehr gutes, in Europa einzigartiges Format. In Summe sind Behindertensportler aber leider nicht so in der Öffentlichkeit sichtbar, wie so manch anderer hoch dotierter Spitzensportler. Wir sind halt doch nur eine Randgruppe einer Randsportart obwohl wir sicherlich nicht weniger Aufwand betreiben.

Hdl: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Hast du dein Karriereende bereits geplant und was kommt danach?

Walter: Ich denke nur noch von Jahr zu Jahr. 2021 finden die Weltmeisterschaften in Kanada sowie die Spiele in Tokio statt, dann läuft mein Vertrag als Heeressportler aus. Mal schauen wie es dann weitergeht, die Motivation mich täglich zu quälen ist nach wie vor groß. In meinem Sport gibt es auch noch 60-Jährige die tolle Leistungen erbringen. Ich möchte in den nächsten Jahren noch viele Punkte bei internationalen Wettkämpfen sammeln, denn mehr Punkte bringen mehr Startplätze für Österreich bei den Paralympics 2024 in Paris.

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