Was virtuelle Rennen so real macht

#Kolumne

Wer läuft da so spät durch Nacht und Wind? Ich bin es, nicht gar so geschwind.

Mutterseelenallein hechle ich eine leere Straße hinunter, geleitet vom leuchtenden Display der Laufuhr, die meldet: Fünf Sekunden über Plan! Ich muss also Boden auf die Konkurrenten gutmachen. Diese sind allerdings noch gar nicht gestartet oder schon längst im Ziel, und nicht einer legt die gleiche Strecke zurück wie ich. Im Ziel erwarten mich weder Bier noch Bananen, und auf die Schulter darf ich mir selbst klopfen. Ich nehme an einer virtuellen Laufveranstaltung teil.

Die Nacht ist nicht nur kalt, jetzt fängt es auch noch zu regnen an. Ich lasse mal – es ist ja keiner da – eine Art verzweifelten Urschrei los, der die lokalen Maulwürfe aufschreckt und hoffentlich primitive Kräfte freisetzt, die den Kilometerschnitt senken. Denn die Anstrengung bei einem virtuellen Rennen ist ziemlich real.

Doch wozu das Ganze?

Nun, erstens Ankurbelung der Wirtschaft: Da eine simple Stoppuhr keinen GPS-Track anlegt, erweist sich das „I brauch des net“ des Ausrüstungsminimalisten als hohle Ideologie – eine „echte Laufuhr“ muss her. Denn auch wenn meine Bestzeiten aus Zeiten stammen, als GPS noch „irgendwas vom US-Militär“ war – dass die Gratis-App am Handy bei einer Haarnadelkurve ein paar gelaufene Meter einfach ignoriert und mich 20 Sekunden langsamer macht als in echt – das geht echt nicht!

Zweitens – Evolution der Renntaktik: Das Piepsen der Uhr zeigt zwar an, dass die vorgegebene Entfernung absolviert ist. Doch da die Straße schnurgerade weitergeht, ignorier ich das Piepsen und verschiebe einfach – wie Jerry Maus in einem Cartoon – die Ziellinie. Bis zur nächsten Kurve renn ich mir das Beuschel aus dem Leib, denn ein verlängerter Zielsprint lässt die langsameren Meter am Start wegfallen und bringt eine bessere Endzeit. Ätsch, Tom!

Was aber drittens nicht verhindern kann: die Erkenntnis, dass ich kein einsamer Wolf bin, sondern ein Herdentier, und dass sich Energie in persönlichen Bestzeiten messen lässt. Die nüchternen Zahlen zeigen: der Sog eines Volkslaufs, wenn Dutzende, Hunderte oder Tausende das gleiche Ziel verfolgen, zieht auch mich mit wie eine Lokomotive. Ohne diesen Sog bin ich wie ein Zug, der sich selbst anschieben muss. Und so ergibt die Endzeit für fünf Kilometer virtuelles Rennen gerade mal einen flotten Tempolauf.

„War das nun kein richtiges Rennen?“, frage ich mich, während der Regen in Schütten übergeht und ich durch die Latschen heimplatsche. Ich weiß: so wie die Regentropfen auf mich einprasseln, so treffen gerade die Laufergebnisse auf den virtuellen Plattformen ein. Die Ergebnislisten füllen sich, digitale Pokale und Medaillen werden vergeben, manche Läufe sammeln Likes und Kommentare, manche nicht, so wie manche Regentropfen Wellen im Teich schlagen und andere im Busch hängenbleiben. Trotzdem sind sie alle da, die Regentropfen aus derselben Wolke und die Läufe aus derselben Idee.

Keiner klopft mir auf die Schulter, richtig. Doch viele teilen die gleiche Idee, ob sie gerade das Rennen laufen, dafür trainieren oder sich davon ausruhen. Nicht nur hier, sondern überall. Nicht nur jetzt, sondern dauernd. Ganz in echt, ganz real. Von mutterseelenallein keine Spur.

Sportliche Grüße, Herbert!

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