Wenn Crosstraining den Plan durchkreuzt

#Kolumne

Wer am Gipfel ist, muss ins Tal. Das ist ein Abstieg.

Ich schwelge in Erinnerungen an ein winterlich weißes Plateau in strahlendem Sonnenschein, eine einsame Spur, die ich durch den nachts gefallenen Pulverschnee ziehe, während ich auf atemberaubende Felswände zuwandere. Am Ende ein kurzer Aufstieg steil zum Gipfelkreuz, dann eine Abfahrt durch einen angefirnten Eishang. Skitour at its finest. Und Crosstraining at its best – wie ein langer Lauf mit „Endbeschleunigung“ und Adrenalin statt Vitamin (-drink) als Belohnung.

Laut Lauflehrbuch ist der Winter ja die Zeit des Grundlagentrainings, wo wir Kilometer sammeln wie Eichhörnchen Nüsse. Wir flexiblisieren uns durch andere Sportarten (laufdeutsch „Crosstraining“), bauen ein Ausdauerfundaments gigantischer Ausdehnung und gehen voll motiviert und maximal kapillarisiert ins Frühjahr, wo wir dann unsere schnellen Muskelfasern zucken lassen und – wenn es Corona nicht gäbe – die verdienten Bestzeiten ernten. Jo eh.

In der Wirklichkeit sieht das jedoch so aus: Statt durch das Weiß der paar zum Sehnsuchtsort gewordenen Wintertage schleppe ich mich in trüber Sicht durch den üblichen Matsch und Dreck des suburbanen Spätwinters. Selbst der vom Wetterbericht verkündete Vorfrühling löst sein Versprechen nur dann mit Sonnenstunden ein, wenn ich gerade arbeite. Am Abend gibt es dann Dunkelheit und ungemütliche Temperaturen. Und dazu die Erinnerung an das letzte „Crosstraining“ – da will ich wieder hin! Wer so nah an der Sonne war, will nicht im Düstern fade Runden über den Asphalt oder um den Gatschhügel drehen. Trotzdem trabe ich los, der innere Schweinehund dicht auf meinen Fersen.

Geht es den Läufern mit anderen Alternativsportarten auch so? Fragen sie sich beim Langlaufen oder Schneeschuhwandern auch, warum sie nicht öfter durch weiße Wälder wandeln? Beim Radfahren, warum sie nicht immer den Fahrtwind um die Nase spüren? Beim Schwimmen – na gut, wer das gerade machen kann, hat einen privaten Innenpool, um den muss ich mir wohl wenige Sorgen machen. Aber trotzdem: reißen auch bei ihnen die Erfahrungen der Alternativsportarten ein gähnendes Laufmotivationsloch, in dem die Begeisterung für die „beste Basis aller Zeiten“ stumm ins Bodenlose fällt?

Eine halbe Runde habe ich endlich geschafft, als unmerklich die Stimmung kippt. Fast hätte ich es wieder vergessen, doch auf die zweitsimpelste Fortbewegungsart (nach Gehen) ist Verlass. Das Laufen schmilzt die negativen Gedanken weg wie der Vorfrühling den Schnee. Zunächst kommen noch als Argumente getarnte Proteste („Kein echter Läufer braucht Crosstraining, sonst wären die schnellsten Läufer Triathleten“), doch das ist nur das Reptiliengehirn, das erstmal entgegenhalten will. Viel friedlicher wird es, wenn sich Pro und Contra in echter Gleich-gültigkeit auflösen und die Erinnerungen an das Schneespektakel zu schönen Erinnerungen werden, die keinen Wunsch mehr auslösen. Die Fadesse des Laufens verwandelt sich in grundlose Zufriedenheit. Das Ende der Strecke ist da, und ich frage mich: Aus? Jetzt schon? Und schon bin ich am Ziel vorbei und laufe noch eine weitere Runde. Ich liebe das Gipfelkreuz – aber ich brauche es nicht.

Sportliche Grüße, Herbert!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.