Woran ich denke, wenn Murakami vom Laufen redet

#Kolumne

Wir Läufer sind uns alle ähnlich.

Haruki Murakami hat zahllose Leser auf der ganzen Welt – allein sein Roman „Naokos Lächeln“ wurde dreizehn Millionen Mal verkauft. Er ist seit Jahren dafür bekannt, für den Literaturnobelpreis gehandelt zu werden, ohne ihn je zu bekommen. Er ist aber auch Läufer. Und da es sich im Lockdown zwar ganz gut läuft, aber noch besser liest, kommt mir entgegen, dass Murakami ein Buch über sein eigenes Leben als Läufer geschrieben hat: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“.

Murakami stellt mit dreiunddreißig Jahren fest, dass ihm mit stundenlangem Sitzen und sechzig Zigaretten täglich nur ein kurzes Künstlerleben bevorstehen könnte. Er beginnt zu laufen, und zwar genauso diszipliniert wie er schreibt. Wenig später läuft er allein (naja fast, eine Zeitschrift ist dabei) den historischen Marathonlauf in umgekehrter Richtung von Athen nach Marathon. Fortan absolviert er jährlich Marathons zwischen Tokyo und New York, einmal sogar einen Hundertkilometerlauf. Das mag etwas extrem klingen, doch dennoch werden sich in seinem Buch auch jene wiederfinden, die nur alle paar Tage durch die Siedlung joggen. Denn so auffällig Murakami als Schriftsteller ist, so normal ist er als Läufer.

Er läuft, weil es ihm leichtfällt und weil er gern mit sich allein ist. Es kann sich nicht erinnern, woran er beim Laufen denkt. Er würde es gegen nichts um in der Welt eintauschen, aber er würde nie so weit gehen, es anderen zu empfehlen, weil „die einen mögen Marathon, andere Golf und wieder andere das Glücksspiel“. Er verfolgt obsessive Trainingsprogramme. Er erreicht oder verfehlt seine Ziele, und anschließend setzt er sich neue. Er dehnt zu wenig. Mit den Jahren wird er langsamer, aber er denkt nicht daran, aufzuhören. Ob beabsichtigt oder nicht, er erweckt fast den Eindruck, dass es kaum etwas in seinem Leben gibt, das ihm wichtiger wäre als das Laufen. Und die jüngsten Berichte, die online über ihn zu finden sind, lassen vermuten, dass sich mit Anfang Siebzig (das Buch schrieb er mit siebenundfünfzig) wenig daran geändert hat.

Und was die vermutete Ähnlichkeit unter uns Läufern betrifft: eine Stelle in seinem Buch klingt, als wäre sie für mich geschrieben. Sie ist nämlich für Leser, die, wenn sie nicht aufpassen, sofort zunehmen: „Man sollte diese Eigenschaft als ein Geschenk des Himmels nehmen und rein positiv betrachten. Man sollte sich glücklich schätzen, dass die rote Ampel für einen so gut sichtbar ist“. So sei man nämlich gezwungen, immer weiter zu trainieren.

Na dann, vielen Dank für dieses Buch.

Sportliche Grüße, Herbert!

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