Zurück zur Natur

#Kolumne

Plötzlich ein freier Abend – was tun? Fortgehen mit 3G? Putzen? Fußball schauen? Nix da, endlich Zeit für einen laaangen Lauf.

Wo? Natürlich im Wald, und zwar in der Luxusvariante: das heißt ab ins Auto und sich die Dreiviertelstunde Hin- und Zurücklaufen ersparen. Am Waldesrand mit Blick auf die fernen Berge komm ich mir vor wie in einem Werbespot – auch dort wirkt kaum etwas naturverbundener als der metallic-lackierte SUV, der Bobos ins romantische Grün mit praktischem Parkplatz bringt.  

Über den Bergen hängen pittoreske Wolken am blauroten Abendhimmel – das Läuferherz geht auf: „Nichts Schöneres gibts als einen Lauf in der Natur“ jauchzt es in mir. Ich hopple in den Wald hinein, das Handy bleibt im Auto, das GPS genauso, ich kenne ja hier eh jeden Weg.

Nach kaum hundert Metern sticht es: meine euphorisiert schlenkernden Arme haben ein Insekt in der Ellbogenbeuge eingeklemmt, und ich springe und schlage wie Rumpelstilzchen um mich, um es loszuwerden. Aufgeregt brummend verschwindet die Bestie im Gebüsch.

Der Angriff des Waldbewohners tut meiner guten Laune noch keinen Abbruch, und ich beschließe, die schmalen Wege abseits der Forststraße zu belaufen. Allerdings rächt sich meine botanische Ahnungslosigkeit, denn der fortgeschrittene Sommer hat die coolen winterlichen Trails in zugewucherte Wiesenstreifen verwandelt. „Ist das nicht ein bekanntes Zeckengebiet?“ fällt mir ein. Nicht nur das, das wunderbar lebhafte lokale Schmetterlingsaufkommen ist auch den hohen Brennnesseln geschuldet, die mir bis hinauf zu den Armen eine juckende Rötung verpassen. Meine Begeisterung für Mutter Natur kühlt ein wenig ab – wo ist die Bodenversiegelung, wenn man sie braucht?

Wirkliches Laufen wird bald unmöglich, und da es bergab geht, wird das Umdrehen mit jedem Schritt unpraktischer. Außerdem weiß ich in dem Gewirr aus immer wieder neuen furchigen Wegen, die die Forstfahrzeuge durch den Wald gepflügt haben, nicht mehr, wo ich eigentlich bin. Schließlich verliert sich der Pfad komplett in stacheligen Brombeerstauden. Während ich mich – nun durchaus fluchend – durch das Gestrüpp weiterkämpfe, wird die einsetzende Dämmerung von einem Blitz erhellt, dem ein ordentliches Donnergrollen und prasselnder Regen folgt – die spektakuläre Himmelsfärbung hatte ihren Grund. Ich werde von oben durchweicht und von unten zerkratzt. „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen?“ geht es mir durch den Kopf. „Und wie verhält es sich mit Ahornen und Fichten mit Borkenkäferbefall?“ Mit wachsender Verzweiflung suche ich inmitten des krachenden Gewitters nach Spuren der Zivilisation. Endlich kugle ich kopfüber einen kurzen Abhang hinunter und finde mich plötzlich doch auf der Forststraße wieder.

Es ist jetzt finster. Langsam beginne ich wieder zu traben und setzte meinen Lauf mit hängendem Kopf fort, bis ich als waschelnasses Häufchen Elend den Parkplatz erreiche. Mit zerkratzten Fingern greife ich nach dem Autoschlüssel in der kleinen Tasche der Laufhose. Der Reißverschluss der Tasche ist offen, und die Tasche selbst ist leer.

Schon öfter ist mir aufgefallen, dass sich der Wille zu lautstarkem Widerstand erschöpfen kann. So auch nun: stumm und ergeben kehre ich um und mache mich auf, die Runde ein zweites Mal zu laufen – irgendwo muss mir der Schlüssel ja rausgefallen sein. Und ich habe das Glück des Unglücklichen. Gleich am Anfang, wo mich der Insektenangriff herumhüpfen ließ, blinkt der Schlüssel im Schlamm.

Zuhause drehe ich den Fernseher auf. Mit kunstvollen Tattoos und Frisuren verzierte Spieler rennen auf einem unkrautfreien Rollrasen einem Ball aus Polyester nach. Der Himmel bleibt unsichtbar hinter Tribünendächern aus Stahl und Beton. Ein Tor fällt, und es ertönen Fangesänge aus Lautsprechern. Ich greife zu einem Orangensaft mit zugesetztem Fruchtfleisch und schaue zu.

Sportliche Grüße, Herbert!

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