Teil 62 (KW 34/2019): Annabelle Konczer

Annabelle Mary Konczer ist eine 34-jährige Zahntechnikerin aus Wien. Trotz eines doppelten Bandscheibenvorfalles konnte sie läuferisch schon große Erfolge feiern. Im Helden-Interview #62 erzählt uns die begeisterte „Mittelstrecklerin“ auch wie wichtig ihr Krafttraining ist bzw. wie sie es schafft, verletzungsfrei zu bleiben.

Helden des Laufsports: Hallo Annabelle. Du kommst eigentlich vom Radsport, wann und warum bist du zum Laufen gewechselt?

Annabelle: Eigentlich war es eher ein Zufall. Bevor ich aufgrund meiner damals noch akuten Rückenproblemen eine zweijährige Sportpause einlegte, war ich Radrennsportlerin und erst danach kam ich 2009 zum Triathlon und Duathlon. Dabei stellte sich heraus, dass meine Laufzeiten im Gegensatz zu meinen Radzeiten außerordentlich gut waren, ohne je laufspezifisch dafür trainiert zu haben. Daher legte ich meinen Fokus 2012 mit 27 Jahren, als sozusagen Quereinsteigerin, komplett auf den Laufsport. Schon nach kurzer Zeit wurde ich hierbei sehr erfolgreich. Seitdem bin ich eine begeistere Läuferin. 

Hdl: Den Halbmarathon läufst du in 01:18 Stunden und deine 400 Meter Zeit liegt bei 61:53 Sekunden. Welche ist aktuell deine Lieblingsdistanz?

Annabelle: Das ist schwer zu sagen. Ich mag eigentlich jede Distanz. Mehr Spaß machen mir aber die eher kurzen Strecken von 400 bis 1500 Meter. Man kann sich zwar auch über fünf, zehn oder 21,1 Kilometer verausgaben, aber nie so komplett vernichten wie auf der Mittelstrecke. Mir gefällt das Gefühl wenn der Körper das Laktat während dem Lauf nicht mehr abbauen kann und regelrecht versteinert. Ich glaube das ist eine ganz besondere Grenzerfahrung für Körper und Geist. Solange es mir Spaß macht und ich mich so auspowern will, werde ich es auch weiterhin forcieren. Ich finde generell, dass der Spaß am Sport und Ziele hierbei sehr wichtig sind, da man ansonsten die nötige Disziplin für das tägliche Training auf Dauer nicht aufbringen kann. Für jeden Lebensabschnitt sollte man sich zu 100% entscheiden und alles dafür geben, nicht nur in sportlicher Hinsicht. Halbe Sachen kommen für mich nicht in Frage.

Hdl: Du wurdest 2013 Staatsmeisterin mit der 3 x 800 Meter-Staffel. Diese seid ihr in 06:51,32′ Minuten gelaufen, das heißt – Wiener Rekord und der vierte Gesamtrang der österreichischen Rekorde. Wo fand der Wettkampf statt und wie hast du diesen Tag erlebt?

Annabelle: Ich muss heute noch lachen wenn ich den Tag revue passieren lasse. Es war ein sehr schönes Erlebnis mit vielen tollen Momenten die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt haben und an die ich mich noch ganz genau erinnern kann. Die österreichischen Staatsmeisterschaften wurden damals in Klagenfurt ausgetragen. Ich war ein kompletter Rookie und hatte nicht einmal ordentliche Spikeschuhe am Start. Es war zudem mein erstes Rennen auf der Tartanbahn. Meine Teamkolleginnen Lissi Niedereder und Lisa Leutner mussten mir vor Ort noch erklären in welche Richtung ich laufen soll. Ich war Startläuferin und übergab an Lisa. Während dem Wettkampf riefen sie mir zu, nicht auf der zweiten Bahn sondern auf der ersten zu laufen, damit ich schlussendlich nicht mehr Meter machte als die anderen. Also definitiv chaotisch aber sehr lustig. Lissi war unsere Zielläuferin, da sie damals zur absoluten nationalen Spitze auf der Mittelstrecke gehörte, musste sie als stärkste Läuferin auch zum Schluss ran. Es war einfach aufregend mit so guten Läuferinnen starten zu dürfen. Dadurch konnte ich schnell, sehr viel lernen und bin heute noch dankbar für diese Erfahrungen. Im Nachhinein betrachtet war der Sieg und der Rekord an dem Tag für mich eher zweitrangig. Mir hat vor allem der Zusammenhalt und die sportliche Leistung als Team gefallen.

Hdl: Auch sonst konntest du bei Meisterschaften schon tolle Erfolge feiern. An welche schönen Veranstaltungen denkst du da?

Annabelle: Ein großer persönlicher Erfolg waren natürlich auch meine ersten österreichischen Staatsmeisterschaften 2013. Dort wurde ich mit Silber über 800 Meter und Bronze über 1500 Meter belohnt. Aber auch der Vizestaatsmeistertitel über zehn Kilometer auf der Strasse und der Wiener Landesmeistertitel im Crosslauf im selben Jahr waren ein toller Erfolg. Eigentlich jeder Wettkampf bei dem ich meine persönlichen Bestzeiten verbessern konnte. Es gab viele Momente von denen ich heute noch profitiere, sei es von Guten oder Schlechten. Ich integriere diese Erfahrungen und Erlebnisse heute in mein tägliches Mentaltraining, denn es ist immer alles reine Kopfsache. Der Körper wird niemals nachgeben wenn du dich nicht vorher gedanklich schon limitiert hast. Und das zählt für jede Lebenslage, nicht nur für den Sport. Du bist das, was du denkst und du wirst auch das, was du denkst. 

Hdl: Gibt es persönliche Bestzeiten auf die du besonders stolz bist?

Annabelle: Ja, 2019 konnte ich meine 1000 Meter Zeit auf 02:51,87‘ Minuten und meine 800 Meter Zeit auf 02:13,49‘ Minuten verbessern. Die Meile in Wr. Neustadt bin ich 2018 in 04:56,08‘ Minuten gelaufen. Das hat mich einfach sehr überrascht, dass ich auf diesen Distanzen so schnell war obwohl ich die Mittelstrecke nie wirklich trainiert habe. Aber es ist nicht der Stolz über die Laufzeit. Ich bin stolz auf die Disziplin und den Ehrgeiz den ich Monate vorher, wenn mich keiner sah an dunklen und kalten Wintertagen, aufbringen musste um diese Ergebnisse realisieren zu können. Das Training durchzuziehen ist die eigentliche Herausforderung. Den Lohn dafür gibt es erst später, aber dessen muss man sich immer wieder bewusst werden um motiviert zu bleiben. 

Hdl: Wie viel Zeit investierst du in der Woche in Training und hast du einen Trainingsplan?

Annabelle: Ich trainiere sechsmal die Woche, wobei ich auf „nur“ 50 Laufkilometer im Jahresschnitt komme. Viel Zeit investiere ich in das Krafttraining, die Regeneration und das Mentaltraining. Einen Trainingsplan für die Bahn gibt es von meinem Trainer Roland Herzog vom „LV-Marswiese“, dem ich seit einem Jahr angehöre. Mir ist es wichtig einen Trainer zu haben auf den ich mich komplett verlassen kann. Manchmal ist das Training schwer und psychisch sehr fordernd, da ist es Gold wert, wenn der Trainer mit der Stoppuhr neben dir steht. Den Plan für die Woche gestalte ich mir ansonsten selbst. Mit einem Fulltimejob ist das Training so für mich einfacher zu bewerkstelligen, da ich es selbst einteilen kann. Alles andere wäre nur ein Muss und würde meinen Alltag nur viel stressiger machen. – stur nach Plan habe ich noch nie trainiert. Ich höre da sehr auf meinen Körper. Es gibt Tage da müsste ich intensiv trainieren und lasse es dann trotzdem aus, wenn ich nicht fit genug bin. Umgekehrt mache ich aus einer lockeren Einheit gerne eine intensive, wenn es mein Körper verlangt. Das ist alles Erfahrungssache und es dauert Jahre bis man weiß, was man sich selbst zumuten kann und was nicht. Da ich so trainiere, komme ich auch nie ins Übertraining und habe selten mit Verletzungen zu kämpfen. Man wird ja schließlich in der Regenerationszeit leistungsfähiger und nicht während dem Training. 

Hdl: Läufst du gerne alleine?

Annabelle: Kommt darauf an, es ist eher unterschiedlich. Manchmal brauche ich die Ruhe für mich selbst damit ich die Gegenwart besser aufnehmen kann. Das ist in der heutigen Zeit eigentlich schon eine Challenge. Aber ich laufe auch gerne mit anderen, denn ein wenig Unterhaltung kann bei einem Longjogg sehr belebend und kurzweilig sein. Vor allem aber bei intensiven Bahneinheiten bin ich für jede weitere leidende Seele auf dem Platz dankbar.

Hdl: Stimmt es, dass du seit deinem 19. Lebensjahr einen doppelten Bandscheibenvorfall hast und du dir seitdem auch sehr viel Zeit für „Stabi“ nimmst?

Annabelle: Ja, das stimmt. Ich bin dadurch als Athletin viel achtsamer im Umgang mit mir und meinem Körper geworden. Das Krafttraining trägt sicher dazu bei es im Griff zu haben. Jedoch muss ich zusätzlich mit Stabi-Training präventiv arbeiten. Die verhärtete Muskulatur muss nach dem Training ständig gelockert werden, sei es mit Faszienrollen oder Massagen. Viele Sportler fragen mich um Rat, da Rückenprobleme bei fast jedem einmal auftreten. Oft ist es das Nichtwissen der Athleten wie man sich selbst therapiert und auch die tausend Meinungen der Ärzte die einen verunsichern. Jeder sagt diesbezüglich etwas anderes. Mir gab man damals den gut gemeinten Rat, nie wieder Sport zu treiben und schon gar nicht zu laufen, weil das ganz schlecht für die Bandscheiben sein soll. Also, hätte ich darauf gehört wäre ich nur halb so glücklich geworden und mit Sicherheit nicht gesünder. 
Ich kann nur immer wieder betonen, dass ein Bandscheibenvorfall nicht das Ende einer sportlichen Karriere bedeuten muss. Es braucht definitiv etwas Zeit bis man wieder voll einsatzbereit ist, aber der konservative Weg bis dorthin lohnt sich allemal. Ich bin seit 2008 schmerzfrei und wurde nie operiert. 

Hdl: Welche sportlichen Ziele hast du für die Zukunft?

Annabelle: Ich möchte den Laufsport so lange wie möglich ausüben und versuche jedes Jahr besser zu werden. Momentan fühle ich mich auf den kürzeren Distanzen sehr wohl, aber irgendwann werde ich sicher einen Marathon laufen. Der steht noch auf meiner To-Do Liste.

Hdl: Was machst du sonst noch in deiner Freizeit?

Annabelle: Ich sitze immer noch gern auf dem Rennrad, zwar nicht mehr so oft wie früher, aber es ist ein guter Ausgleich. 
Ansonsten bin ich sehr gerne im Fitness Center. Das ist eine ganz große Leidenschaft von mir. Wenn ich keine Läuferin wäre, würde ich wahrscheinlich nur noch das Krafttraining forcieren. Die Wichtigkeit des Kraftsports dringt mittlerweile auch immer mehr bis zu den Ausdauerathleten durch. Das freut mich, denn man kann dadurch die Verletzungsgefahr deutlich reduzieren. Ansonsten fahre ich seit Jahren nicht mehr in ein Trainingslager, dafür reise ich sehr gerne. Die verschiedensten Orte dabei laufend zu erkunden, macht den Urlaub noch aufregender. Grundsätzlich ist es für mich sehr bereichernd, den Leistungssport im Alltag integrieren zu können. Der Laufsport ist hierfür perfekt geeignet, da er so unkompliziert ist und überall durchführbar. 

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch.